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punktierte Linie

Trauer und Humor
…weil Fasching ist!

Von Christine Pernlochner-Kügler | In unserer Kultur sind Trauer und Humor strikt getrennt. Aber nur theoretisch. Und das ist gut und gesund so.

Lemmy Kilmister, Frontmann der Band Motörhead, war ein paar Tage unter der Erde und David Bowie gerade einmal ein paar Stunden tot, da ging schon ein Witz durch die sozialen Medien, den ich natürlich unbedingt gleich auf Facebook teilen musste: „Lemmy tot. David tot. Irgendwann sind wir allein auf der Welt — mit Helene Fischer.“ Prompt bekam ich 114 Likes und eine Rüge. Die kam von einer Frau, die das ziemlich dumm fand und fragte, ob wir — also ich und die 114, die das witzig fanden — denn nicht gelernt hätten, auch einmal zu still sein und nichts zu sagen. Als ich sie fragte, ob sie denn gar keinen Humor hätte, meinte sie: Doch … sehr viel … Aber Humor schließe sie bei Todesnachrichten aus.

Unsere westliche, von den Buch-Religionen geprägte Kultur, nimmt eine strenge Trennung zwischen Trauer und Humor vor. Der Psychologe Steffen Krüger hat sich mit der Rolle des Komischen in der Trauer beschäftigt und weist darauf hin, dass gerade diese strikte Trennung darauf hindeutet, dass die Grenze zwischen den beiden Phänomenen durchlässig ist: Wo keine Übertretungsgefahr bestünde, müsste auch kein Verbot errichtet werden, so Krüger. Und da hat er wohl Recht. Wir alle kennen Situationen, in denen uns vor Lachen die Tränen kommen. Und jeder von uns kann sich an ernste Situationen erinnern, in denen er lachen oder sich das Lachen verkneifen musste. Gerade, wenn wir über einen längeren Zeitraum ernst sein sollten, drängt sich uns oft ein Lachen auf, weil zu viel Ernst mitunter etwas geradezu Komisches hat. Witze, Komödien und Tragikomödien leben von dieser Ambivalenz. Mitunter suchen wir in ernsthaften Situationen nach etwas Humorvollem, weil wir es anders gar nicht aushalten können.

Und in der Trauer ist es ähnlich. Trauer ist kein Gefühl und auch kein durchgehender Zustand des Gefühls der Traurigkeit, sondern ein Prozess, in dem alle möglichen Gefühle, Bedürfnisse und Empfindungen auftreten können, ja sogar auftreten sollen. Wir Menschen halten es gar nicht aus, über einen längeren Zeitraum in einem Zustand des Schmerzes und der Traurigkeit fixiert zu bleiben. Wenn das passiert, dann ist die Gefahr groß, dass wir krank werden. Gerade im Trauerprozess sind gute Phasen und Humor ein Zeichen dafür, dass der Mensch gesund trauert, weil man zwischendurch Phasen der Erholung braucht. Und ich mache täglich die Erfahrung, dass Humor — und nicht selten auch spontane Situationskomik — unglaublich wohltuend auf Betroffene wirken, weil sich die Trauer dadurch aufhellt. Trauernde dürfen also um jedes Lachen, das ihnen gelingt, froh sein. Es ist nicht unpassend oder gar verboten.

Wer eine Trauerfeier genau beobachtet, stellt fest, dass es am Beginn der Feier eher ernst zugeht. Jeder weiß aber, wie erleichternd es ist, wenn spätestens im Lebenslauf auch heitere Episoden und Anekdoten vorkommen und man zwischendurch schmunzeln oder sogar lachen kann. Der Leichenschmaus danach hat unter anderem auch die Funktion, dass man sich entspannen kann. Eine Trauerfeier ist emotional immer anstrengend und wenn es beim Leichenschmaus sogar lustig zugeht, dann nicht nur wegen des Alkohols und des Miteinanders, sondern weil unsere Psyche den Schmerz und die Belastung durch den Humor sehr gut ausbalancieren kann. Unsere Psyche macht das übrigens automatisch — wenn wir sie lassen, wenn wir es ihr nicht verbieten. Das ist auch der Grund, dass gerade Berufsgruppen, die täglich mit Leid und Tod zu tun haben, einen sehr ausgeprägten Humor haben. Ohne Humor würde man den Alltag nicht aushalten.

Dass einander Trauer und Humor ausschließen, sondern auf eine gesunde Art und Weise zusammengehören, erlebe ich in den schmerzhaftesten Situationen — auch bei direkt betroffenen Angehörigen. Ich erinnere mich an eine Familie, die von der an Krebs verstorbenen Mutter und Oma Abschied nehmen musste. Ich hatte bei der Versorgung der Frau ein Problem mit deren Frisur. Auf dem Foto hatte sie die Haare wild toupiert und als ich sie nach dem Waschen föhnte und ihr die Haare richten wollte, stellte ich fest, dass ich mir unsicher war: Soll ich ihr wirklich die Haare derart auftoupieren wie auf dem Foto? Wie sieht das aus, wenn sie so im Sarg liegt? Die

Lebenswert

Familie kam und ich bereitete sie auf die Verstorbene im Sarg vor. Ich sagte, sie sähe sehr friedlich aus, aber die Frisur sei eventuell etwas zu brav. Ich schlug der Familie vor, dass wir die Frisur ja gemeinsam noch richten könnten. Wir gingen zur Verstorbenen in den Abschiednahmeraum und die Familie beteuerte mir zunächst, dass alles wunderbar sei. Es wurde geweint und nach einer Kaffeepause gingen die Kinder wieder hinein und meinten: Na ja, die Verstorbene selber wäre wahrscheinlich mit ihrer Frisur nicht zufrieden. Und ein Sohn begann zu lachen und meinte, die Enkelkinder hätten sie immer wieder damit aufgezogen, dass ihre Frisur einem Besen gleiche. Gut, sagte ich schmunzelnd, dann müsse wir ihr ihre Besen-Frisur machen, sonst findet sie womöglich keine Ruhe. Gesagt, getan. Ich holte also einen Kamm und los ging‘s: Kinder und Enkelkinder standen über den Sarg gebeugt und toupierten die brave Oma-Frisur zum gewohnten Haarbesen auf. Dabei wurde ein klein wenig geweint und ganz viel gelacht. Es war ein wunderschöner Abschied.

Eine andere Episode: Ein Mann starb, der hatte eine Ehefrau, mehrere Töchter und zahlreiche Enkelkinder. Sie alle kamen zum Abschied. Wie immer, wenn Familien das erste Mal bei uns einen Abschied erleben, kam auch diese Familie sehr gedrückt, traurig und auch voller Angst vor der Begegnung mit dem Toten. Ich bereitete sie auf ihn vor und erklärte, dass es ganz wichtig ist, zwischendurch Pausen einzulegen, den Abschiednahmeraum immer wieder, wenn es zu hart wird, zu verlassen, ein Glas Wasser im Distanzierungsraum zu trinken und durchzuatmen. Nachdem die ersten Tränen geflossen waren, stellten die Töchter fest, dass der Verstorbene ein Schmunzeln im Gesicht hatte. Und die Witwe hatte ein zweites Paar Socken mit, weil ihr Mann immer so kalte Füße gehabt hatte. Beim gemeinsamen Sockenanziehen war das Eis dann endgültig gebrochen, denn seine Töchter scherzten, dass er ein begeisterter Tänzer war, noch einige Wochen zuvor bis in die frühen Morgenstunden getanzt hatte und es jetzt für ihn sicher sehr schwierig sein müsse, die Füße stillzuhalten.

Im Distanzierungsraum gab‘s Kaffee, Wasser und Süßes. Eine Tochter meinte, wenn sie gewusst hätte, wie das hier abläuft, dann hätte sie ein paar Flaschen Prosecco mitgenommen und wir hätten noch einmal auf ihn anstoßen können, das hätte ihm nämlich gefallen. Die Witwe meinte: „Aber nicht mit Prosecco! Mein Mann hat viel lieber einen Schnaps getrunken.“ Ich habe immer Schnaps und Wein bei uns im Institut, weil Abschiede oft mit dem Wunsch enden, noch einmal auf das Leben des Verstorbenen anzustoßen. 20 Schnapsgläser wurden gefüllt, die Kinder bekamen Wasser hinein und wir standen im Kreis um den Sarg und stießen an. Ein Glas Schnaps stand für den Verstorbenen im Sarg und ich schlug der Witwe vor, dass sie die Lippen ihres Mannes ja mit etwas Schnaps befeuchten könnte. Das brauchte ich nicht zweimal zu sagen und alle waren sich einig, dass er jetzt ein noch größeres Schmunzeln im Gesicht hatte. Ein Enkel schlug vor, dass man jetzt noch „Mei Huat, der hat drei Löcher!“ singen könnte und alle stimmten gerne ein. Die Trauer war nicht weg, aber sie war leichter und heller geworden. Wir saßen noch eine Weile zusammen und den Witz, den der Schwiegersohn des Verstorbenen dann zum Besten gegeben hat, möchte ich euch nicht vorenthalten:

Stirbt ein Weiberheld. Seine Frau, die wusste, dass er sie dauernd betrogen hatte, zog dem Verstorbenen einen Pyjama an. Am Tag nach der Beerdigung quälte sie das schlechte Gewissen. Sie packte den besten Anzug des Verstorbenen ein, ging nachts auf den Friedhof, grub, bis sie den Sarg freigelegt hatte und wollte ihren Mann umziehen. Als sie den Sargdeckel öffnete, war der Sarg leer. Drinnen lag ein Zettel, auf dem stand: Such mich nicht, ich bin drei Reihen weiter, bei der Frau Reiter.

Nachdem die Familie gegangen war, schob ich den Sarg samt Schnapsglas in die Kühlung, in der schließlich insgesamt drei Verstorbene lagen. Als einer meiner Mitarbeiter am nächsten Morgen die Kühlung öffnete, schrieb er mir folgende WhatsApp-Nachricht: „Was haben die drei Kollegen in der Kühlung heute Nacht gemacht? Krasser Schnaps-Sound! *LOL*“