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Kinder brauchen Wahrheit, Klarheit und Struktur

Von Christine Pernlochner-Kügler | Wenn Kinder ein Familienmitglied verlieren, brauchen sie Unterstützung und müssen ihre Trauer in ihrer eigenen Weise ausleben können.

Liebe Christine,

wir haben einen furchtbaren Fehler gemacht, indem wir unseren beiden Kindern (5 und 9 Jahre) nicht die volle Wahrheit über die Krankheit ihres Vaters gesagt haben. Beide reagieren nun mit Rückzug von anderen Menschen; sie wollen sich gar nicht von mir trennen und haben unbeschreibliche Angst, dass auch ich plötzlich nicht mehr da bin. Vor einem Jahr bekam er die Diagnose Krebs — und wir wollten die Kinder damit nicht belasten. Aus heutiger Sicht müssen die Kinder die Krankenhausaufenthalte ihres Vaters so empfunden haben, dass er dort Hilfe bekommt und dann schon wieder gesund gemacht wird. An diesem Bild sind wir sicher selber schuld — wir wollten sie ja schützen und haben nicht an die Spätwirkung gedacht. Außerdem hat sich mein Mann so sehr gefreut, das unbeschwerte Kinderlachen hat ihn immer wieder aufgerichtet. Ich bin selber in einer Ausnahmesituation, die Angst der Kinder kostet mich Kraft, die ich nicht habe. Hast du Vorschläge, wie ich das Grundvertrauen meiner Kinder wieder stärken kann?

Herzlich, Mara

Liebe Mara,

es ist verständlich, dass Eltern ihre Kinder vor schlimmen Wahrheiten schützen wollen — und man schützt sich dadurch ja wohl auch selbst: davor, „das Unaussprechliche“ laut aussprechen zu müssen, dem Unvorstellbaren ins Auge sehen zu müssen und vor den Reaktionen der Kinder. Solange Kinder unbeschwert lachen, kann man sich selbst vielleicht auch noch etwas vormachen. Viele Erwachsene tappen in diese Falle – auch ohne Kinder, einfach um sich selbst zu schonen. Gerade schwer kranke Menschen haben viele Krankenhausaufenthalte zu absolvieren, da wird alles getan, was menschenmöglich ist, der Kranke kommt immer wieder nach Hause und dann ist man trotz schlechter Prognose sehr überrascht, wenn der Kranke plötzlich nicht mehr herauskommt, wenn er stirbt. In der Todesanzeige stehen dann Formulierungen wie „trotz schwerer Krankheit plötzlich und unerwartet“. Ja, ihr habt eine Chance verpasst, die Kinder haben keine Möglichkeit gehabt, sich auf den Tod ihres Vaters vorzubereiten. Dennoch: Auch Kinder, die ein Elternteil wohlvorbereitet verlieren, trauern, haben ähnliche Ängste und sind anstrengend. Auch mit ihnen braucht man Geduld, auch sie kosten viel Kraft.

Was du an Verhaltensweisen und Ängsten beschreibst, entspricht den ganz normalen Trauerreaktionen von Kindern in diesem Alter. Kinder haben in dieser Entwicklungsphase neben dem Schmerz um den Verlust des einen Elternteils vor allem auch Angst, dass das zweite Elternteil ebenso sterben könnte. Auch wenn ihr euren Kindern von vornherein gesagt hättet, dass ihr Vater sterben wird, hätten sie diese Angst entwickelt. Sie ist normal und nachvollziehbar. Und wenn wir ehrlich sind und auch wenn es hart klingt: Diese Angst ist nicht völlig unbegründet. Es kann immer etwas passieren – auch dir.

Wie kannst du das Grundvertrauen deiner Kinder wieder stärken? Sei geduldig, lass ihnen Zeit, nimm ihre Ängste ernst und sei ehrlich. Es hat keinen Sinn, jetzt wieder in die Falle zu tappen und ihnen zu versprechen, dass dir nichts passieren kann. Kinder brauchen in der schwierigen Zeit neben vermehrter Zuwendung vor allem drei Dinge: Wahrheit, Klarheit und Struktur.

Wenn deine Kinder Ängste dahingehend äußern, dass auch du krank werden und sterben könntest, dann nimm diese Angst ernst und erkläre, dass du hoffst, dass das noch lange nicht passieren wird. Lass sie aber selbst Personen wählen, die im schlimmsten Fall für sie da sein sollen und sprich mit diesen Personen, ob sie im Ernstfall als Bezugspersonen für deine Kinder da sein würden. Versprich deinen Kindern nicht, dass du niemals sterben wirst oder dass das sicher erst passiert, wenn du ganz alt bist und sie selber Kinder haben, aber versprich ihnen, dass du alles tun wirst, um ihnen ein beschütztes Leben zu ermöglichen.

Wahrheit heißt, dass man alle Fragen, die Kinder stellen, offen und ehrlich beantwortet, keine halben Wahrheiten erzählt oder Lügen auftischt, auch muss man nichts beschönigen und verschleiern. Wichtig ist, kindgerechte und verständliche Formulierungen zu finden. Eine Grundregel lautet: Sage dem Kind, was gesagt werden muss, antworte wahrheitsgemäß auf die Fragen des Kindes, nicht aber darüber hinaus. So kann das Kind die Belastung selbst steuern, indem es nur Fragen stellt, deren Antwort es auch wissen will. Ein Beispiel: Der Großvater von zwei Buben im Kindergartenalter hat sich das Leben genommen, indem er sich erschossen hat. Die Eltern hatten wahnsinnige Angst, es ihren Kindern zu sagen. „Ich kann ihnen doch nicht sagen, dass der Opa sich in den Kopf geschossen hat“, erklärte mir die Mutter, die selbst noch völlig unter Schock stand. Ich habe den Eltern geraten, sich mit den Kindern in der Küche oder im Wohnzimmer zusammenzusetzen und die Nachricht klar und eindeutig zu überbringen: „Wir müssen euch leider etwas Trauriges sagen: Der Opa ist gestorben.“ Die Kinder haben daraufhin geweint und gefragt, wo es passiert ist. Darauf hat die Mutter

Lebenswert

geantwortet: „Zu Hause bei sich in der Wohnung.“ Der Ältere wollte wissen, wo in der Wohnung, worauf er zur Antwort bekam, dass der Opa auf dem Sofa im Wohnzimmer gestorben ist, was der Wahrheit entsprochen hat. Und mehr wollten die beiden vorerst gar nicht wissen. Die Frage nach dem Wie oder Warum haben sich die Kinder gar nicht gestellt Diese Fragen müssen erst beantwortet werden, wenn sie von den Kindern selbst kommen. Oft stellen sie sich erst, wenn die ersten Brocken verdaut sind oder aber überhaupt sehr viel später, wenn die Kinder das entsprechende Alter erreicht haben und sich weiter darüber Gedanken machen.

Wahrheit heißt auch, dass man seine eigenen Ängste und Trauergefühle mit den Kindern teilt. Dadurch verstehen Kinder, dass diese Gefühle normal und gesund sind, dass man sie zeigen darf und dass sie akzeptierbar sind. Wichtig ist es auch, eine Atmosphäre zu schaffen, in der alle unterschiedlichen Gefühle der Trauer zugelassen und gefühlt werden dürfen. Dazu zählen auch Gefühle der Wut (auch Wut auf den Verstorbenen) und der Freude. Kinder bekommen sonst leicht Schuldgefühle, wenn sie wütend sind oder sich trotzdem über etwas freuen.

Klarheit heißt, dass man Kindern in der Zeit der Trauer mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit geben soll, wenn sie signalisieren, dass sie das brauchen. Sie brauchen dieses Mehr an Nähe. Du darfst aber auch Anspruch auf deine Bedürfnisse stellen und ihnen erklären, dass auch manchmal ein wenig Zeit und Ruhe für dich brauchst. Vielleicht ist es möglich, fixe Kuschelzeiten mit dir einzuführen und Zeiten, die du für dich haben darfst, um dich auszurasten. Die Anhänglichkeit deiner Kinder ist eine normale, wenn auch anstrengende Reaktion auf die Verunsicherung, auf die Ängste und auf das Fehlen des Vaters. Versuche hier verständnisvoll zu sein, aber auch konsequent: Kinder können ihre Ängste durch Trotzanfälle ausdrücken oder dadurch, dass sie ständig Kämpfe anfangen. Ruhiges und konsequentes Grenzen Setzen ist hier am besten.

Struktur geben heißt: Kinder brauchen besonders in Krisenzeiten des Lebens einen geregelten Tagesablauf, denn Vertrautes schafft Vertrauen. Sich täglich wiederholende Abläufe, regelmäßige Essenszeiten und Rituale lassen das Gefühl der Sicherheit wieder einkehren. Eigene Entscheidungen treffen zu können, gibt Menschen Sicherheit, das gilt auch für Kinder: Lass sie immer wieder kleine Entscheidungen selbst treffen, das gibt ihnen das Gefühl, dass sie wieder Kontrolle über ihr Leben bekommen. Auch Schul- und Kindergartenbesuch sind wichtig für die Tagesstruktur: Kindern brauchen Phasen der Distanzierung und Normalität im Trauerprozess. Im Kindergarten oder in der Schule sind sie abgelenkt, umgeben von anderen Kindern. Ablenkung ist Erholung von der anstrengenden Trauer, von Traueratmosphäre zuhause. Besonders erholsam sind natürlich Zeiten, in denen gespielt und gelacht wird. Kinder müssen Kinder sein dürfen, auch während einer sehr schwierigen familiären Situation. Wichtig ist, dass Kindern trauern dürfen, dass sie es aber auf ihre Art und Weise und in ihrem Rhythmus dürfen: Kinder trauern nämlich anders und vor allem zeitverzögert. Der gesunde Trauerprozess verläuft bei Erwachsenen in Wellen: Es ist ein Auf und ein Ab, einmal ist der Schmerz größer und dann wieder geht’s besser. Es ist ein Hin- und Herwechseln zwischen dem Realisieren des Verlustes, was Schmerz erzeugt, und der Ablenkung und Erholung davon. Erholung vom Schmerz, von der Trauerarbeit ist genauso wichtig, sonst hält man Trauer nicht aus.

Bei Kindern ist das ähnlich. Sie kippen lediglich schneller zwischen diesen beiden Zuständen hin und her: Sie sind traurig und im nächsten Moment haben sie es scheinbar wieder vergessen und können sehr unbeschwert spielen. Sie brauchen Zeit, um vor den Anforderungen zu fliehen, Spielen hilft dabei. Deshalb ist es auch wichtig, diesen Wechsel zuzulassen. Das Kind muss seinen eigenen Rhythmus zwischen Trauer und Erholung und kindgerechte Ausdrucksformen der Trauer finden dürfen. Es braucht in diesen wechselnden Phasen Unterstützung.

In Tirol bzw. in ganz Österreich gibt es Angebote vom Verein Rainbows (www.rainbows.at). Der Verein hat es sich zu Ziel gesetzt, „Kinder in stürmischen Zeiten“ zu begleiten: Da gibt es Einzelberatung, Familienberatung, aber auch Kindergruppen-Angebote, in denen kindgerechte Angebote für Trauerarbeit gemacht werden. Außerdem gibt es Feriencamps für Kinder nach dem Verlust eines Familienmitglieds. Der Sinn ist, dass Kinder sich in einer Gruppe mit Kindern, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben, weniger „anders“ oder als Außenseiter fühlen und leichter darüber sprechen oder ihren Gefühlen oder Ängsten Ausdruck verleihen. Es ist wie ein ganz normales Feriencamp organisiert, nur mit entsprechenden Angeboten angereichert und von Fachpersonen begleitet.

Liebe Mara, ich wünsche euch alles Liebe und Gute und dir viel Kraft und Geduld, aber auch den Mut deine eigenen Bedürfnisse auszusprechen und durchzusetzen.
Herzlich, Christine