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Vorsicht Familie! Familiäre Trauerprobleme

Von Christine Pernlochner-Kügler | Unmittelbar nach einem Todesfall rücken Familienmitglieder meist eng zusammen und versprechen, füreinander da zu sein.

Liebe Christine,

es ist jetzt bald ein halbes Jahr her, seit unsere Mutter gestorben ist. Wir sind eine große Familie und leben mit dem Vater zum Teil im gleichen Haus, der Rest wohnt im selben Ort. Für uns alle war Mutters Tod ein schwerer Schlag, besonders für den Vater. Wir haben immer zusammengehalten, waren eine „Bilderbuch-Familie“, so zumindest hab’ ich das immer gesehen. Dann ist die Mama gestorben, am Anfang war der Zusammenhalt wie immer groß, aber mit der Zeit ist es immer schwieriger geworden. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, möchte natürlich öffentlich keine Details erzählen, aber die einzelnen Mitglieder haben sich verändert, es hat Konflikte gegeben, mit denen wir nicht umgehen haben können. Jetzt gehen einander einzelne aus dem Weg. Wir vermeiden es, über die Mutter zu reden. Der Vater sitzt die meiste Zeit alleine in seiner Wohnung, einmal deprimiert, einmal grantig, die traditionellen Sonntagskaffee-Treffen sind inzwischen völlig verkrampft und am liebsten hätte ich eine Ausrede, nicht dabei sein zu müssen. Was ist da passiert? Und wie können wir wieder so werden wie früher?

Liebe Grüße, Barbara

Liebe Barbara,

was du beschreibst, ist kein Einzelfall. Unmittelbar nach einem Todesfall rücken Familienmitglieder meist eng zusammen und versprechen, füreinander da zu sein. Verbundenheit und Harmonie sind in der ersten Zeit wichtig und tröstend. Die Erwartungen an „die Familie“ als Ganzes sind meist aber überhöht und rasch folgt Ernüchterung. Dass ein Trauerfall eine Familie mehr zusammenschweißt, ist selten. Sehr häufig geschieht sogar das Gegenteil: Die einzelnen Mitglieder driften langsam auseinander. Es zeigt sich nämlich, dass die einzelnen Familienmitglieder sehr unterschiedlich trauern und auch verschiedene Strategien in der Trauerbewältigung entwickeln.

Auf die anfängliche, Trost spendende Harmonie folgen Enttäuschungen, Unverständnis, Verletzungen und Konflikte. Streitigkeiten oder ungesundes Schweigen vergiften das Familienklima nach und nach: Man spricht nicht mehr darüber, um sich gegenseitig nicht zu verletzen. Man weicht Konflikten aus und schlussendlich bleiben die einzelnen Familienmitglieder mit ihrem Schmerz alleine. Die Familie, die eigentlich Auffangnetz sein sollte, entwickelt sich zu einem kränkenden Gefüge, in dem aus dem Miteinander Einsamkeit oder sogar ein Gegeneinander entsteht.

Charlotte Roche verarbeitet in ihrem Roman „Schoßgebete“ ihr Familientrauma: Auf dem Weg zu ihrer Hochzeit verunglückten ihre drei jüngeren Brüder tödlich. Ihre Mutter überlebt schwerstverletzt. Ihre Hochzeit wird nach diesem Ereignis nie stattfinden:

„Wir starren an die Decke, erschöpft vom Verarbeiten, von den guten und den schlechten Nachrichten. Schweigen uns an und schlafen weg. Man kann einander nicht helfen dabei. Das hab ich am ersten Tag schon gemerkt. Jeder ist für sich allein. Da fing es an. Das Alleineverarbeiten. Das unterschiedliche Trauern. Der Ekel vor der Trauer der anderen. So ein Erlebnis bringt nicht zusammen, das treibt auseinander. Wir halten nicht zusammen. Wir halten auseinander.“

Ich kenne ja eure Situation nicht genau, verstehe natürlich, dass du anonym bleiben willst und versuche nun einfach herauszuarbeiten, was die typischen Probleme der Familientrauer sind.

Die Familie ist nichts Statisches, sie ist ein System, das sich verändert: Wenn ein Familienmitglied stirbt, dann kommt das ganze Familiengefüge aus dem Gleichgewicht: Rollen und Funktionen müssen neu verteilt und besetzt werden, neue Bündnisse entstehen, alte Bündnisse werden aufgelöst. Wir Menschen sind nicht besonders gut in Dreiecksbeziehungen, wir können besser mit Bündnis-Beziehungen zwischen zwei Menschen umgehen. Wenn also die Mutter stirbt, die wahrscheinlich verschiedene engere Zweierbündnisse mit Familienmitgliedern hatte – einmal mit ihrem Mann natürlich, dann ev. mit einem Lieblingskind und einem Lieblingsenkelkind —, dann fehlt sie diesen Personen besonders. Einerseits sind sie besonders sensibel und die Trauer ist stark, andererseits suchen diese Personen neue Bündnisse in der Familie und „stören“ damit eventuell bestehende Bündnisse.

Lebenswert

Das kann zu Eifersüchteleien und Kränkungen führen, vielleicht brechen auch alte Eifersuchtskränkungen auf, die bislang verdeckt geblieben sind. Bis das neue Gleichgewicht gefunden ist, die Rollen neu verteilt sind, bis sich die Beziehungen im Familiensystem neu verknüpft haben, das braucht natürlich Zeit, Geduld und Kraft. Man muss mit Enttäuschungen und Kränkungen rechnen, auch wenn man die im Moment gar nicht brauchen kann. Wenn sich Beziehungen lösen oder lockerer werden, dann ist das zunächst konfliktträchtig, tut weh, langfristig sagen Betroffene aber auch, dass sich dadurch neue Wege aufgetan haben, weil oberflächliche Beziehungen enttarnt werden konnten und Freiräume geschaffen haben für Neues.

Ungesunde familiäre Muster – die „Harmonie-Familie“: Nach einem Trauerfall ist es für viele wichtig, dass es in der Familie konfliktfrei und harmonisch zugeht: Die Familie soll mich ja auffangen, mir Halt und Schutzraum bieten. Dabei ist die Gefahr groß, dass die gemeinsame Trauer als Mittel benutzt wird, um die vordergründige Familienharmonie nicht zu gefährden. Das Ziel „Harmonie“ wird dann gefährlich, wenn die Unterschiede des Trauerns von den einzelnen Mitgliedern geleugnet und alle auf ein einheitliches Trauerniveau fixiert werden. Das kann auf Dauer nicht funktionieren, da Menschen immer unterschiedlich trauern.

Menschen haben unterschiedliche Trauer-Rhythmen: Gesunde Trauerarbeit verläuft immer in Wellen: Auf eine Schmerzwelle, die der Verarbeitung dient, folgt eine Phase der Erholung, in der Schmerz abklingen kann. Es ist ganz normal, dass sich bei den einzelnen Familienmitgliedern unterschiedliche Rhythmen herauskristallisieren. Niemals befinden sich alle gleichzeitig im Arbeits- oder Erholungsmodus. Wenn sich der eine dann gerade von einer Schmerzwelle erholt und durch andere Familienmitglieder wieder mit dem Schmerz konfrontiert wird, dann stört das seinen persönlichen „Trauer-Bio-Rhythmus“, die Erholung bleibt aus, das frustriert und macht wütend. Durchlebt man selbst gerade eine Schmerzwelle, wirken Mitglieder, die sich gerade vom Schmerz distanzieren und erholen, verletzend.

Menschen haben unterschiedliche Bewältigungsstrategien: Der eine will drüber reden, der andere vermeidet das lieber. Der eine möchte alle Erinnerungsstücke wegräumen, der andere will den Verstorbenen immer präsent haben. Männer trauern anders als Frauen. Kinder und Jugendliche trauern anders als Erwachsene. Wenn sich diese natürlichen Unterschiede herauskristallisieren, werden sie in der „Harmonie-Familie“ als eine Bedrohung für das Familien-Ganze gesehen. Wut und Aggression als natürliche Reaktionen einer Verlustsituation müssen unterdrückt werden. Diese unnatürliche Atmosphäre erzeugt großen Druck und Spannung bei den einzelnen Familienmitgliedern und geht auf Dauer nicht gut! Gesünder ist es, von Anfang an Unterschiede zu akzeptieren und kein einheitliches Trauerniveau anzustreben. Offenheit, Akzeptanz und Geduld mit sich und den anderen sind besser als das Streben nach Harmonie.

Konflikte sind, wenn Menschen zusammenleben, ganz normal, man kann sie nicht verhindern, auch nicht in „Bilderbuch-Familien“. Familiäre Trauerprobleme ergeben sich also immer. Was hilft?

•  Die Einsicht, dass Konflikte normal sind, man kann Konflikte nicht verhindern
•  Das Bewusstsein, dass Unterschiede in der Trauer normal und gut sind
•  Dass Konflikte zwar lästig, aber letztlich eine Chance zur Verbesserung des Miteinanders
•  Kein Anklagen und Verurteilen, sondern ein Bemühen um Verständnis
•  Gesprächsbereitschaft aber kein Gesprächszwang
•  Offenheit über eigene Bedürfnisse
•  Akzeptanz und Toleranz gegenüber den Bedürfnissen der anderen
•  und vor allem: Geduld mit sich selbst und mit den anderen

Ich würde an deiner Stelle alle zu einem Familienrat zusammenholen und einmal offen darüber sprechen, ob deine Wahrnehmung von den anderen Mitgliedern geteilt wird. Vielleicht wäre das nächste Sonntagstreffen eine Gelegenheit. Versuche, deine Anliegen nicht anklagend oder wütend, sondern aus deiner Sorge heraus zu formulieren, so können die einzelnen Themen oder Probleme von den anderen besser angenommen werden. Und vielleicht lässt sich der Knäuel so langsam entknoten. Das wünsch ich euch jedenfalls sehr! Viel Mut und Geduld wünscht dir,

Christine