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Trauerschmerz
kommt in Wellen

Von Christine Pernlochner-Kügler | Trauer ist Ausdruck und Bewältigung zugleich, das heißt: Man muss durch die Trauer hindurch, man muss Trauer ausdrücken und durch den Schmerz hindurch, um sie zu bewältigen.

Liebe Christine,

Es ist jetzt ein halbes Jahr her, dass mein Vater verstorben ist. Er war schon über 90 und dass er sterben wird, war durchaus vorhersehbar, er hatte Probleme mit dem Herzen. Meine Mutter kommt nach nunmehr fast sechs Monaten überhaupt nicht darüber hinweg. Es geht ihr sehr schlecht, sie weint immer wieder und verbringt jeden Tag oft mehrere Stunden an seinem Grab und redet dort mit ihm. Die beiden waren 60 Jahre zusammen, sind immer zusammengepickt und haben kaum Freundschaften gepflegt. Das fällt ihr jetzt natürlich auf den Kopf. Ich besuche sie regelmäßig, aber es ist wirklich hart zum Zuschauen für mich. Wie lange dauert das denn noch? Da ist irgendwie keine Besserung in Sicht und ich trau mich gar nicht zu hoffen, dass es ihr nach dem Trauerjahr besser gehen wird.

Danke im Voraus für deine Antwort!
Reinhard

Lieber Reinhard,

du hast recht in deiner Einschätzung und kannst dich wirklich darauf gefasst machen, dass „es“ nach einem Jahr noch nicht vorbei ist:  Dass Trauer nach zwölf Monaten bewältigt sein soll und dass alles darüber hinaus pathologisch ist, hat sich als falsch erwiesen. Trauerarbeit dauert in den meisten Fällen länger und hängt von der Art des Verlustes ab. Eine kluge Frau (oder war es ein kluger Mann?) hat einmal gesagt: Die Trauer ist der Preis, den wir bezahlen müssen, wenn wir lieben durften. Je enger die Beziehung zu einem verstorbenen Menschen war, desto intensiver und auch länger ist der Trauerprozess in der Regel. Wenn ein Paar also 60 Jahre zusammen war und die Beziehung zudem eine sehr symbiotische war, dann ist es ganz normal, dass der überlebende Partner sehr intensiv trauert. Der Tod wird bei derart engen Bindungen häufig als Amputation empfunden: Es ist tatsächlich „die bessere Hälfte“ gestorben. Der Trauerschmerz ist hier durchaus mit dem Phantomschmerz nach einer Amputation vergleichbar und es ist bekannt, dass Phantomschmerzen einen jahrelang oder ein Leben lang begleiten können. Man spürt schmerzhaft, das etwas fehlt — psychisch und auch körperlich.

Es ist auch normal, dass deine Mutter den Friedhof oft oder sogar täglich besucht. Ich finde das sogar gut. Da deine Eltern wenige Freunde hatten und die wenigen wahrscheinlich im hohen Alter auch schon weggestorben sind, ist die Gefahr der Isolation deiner Mutter sehr groß. Wenn sie jeden Tag auf den Friedhof geht, hat sie die Chance Menschen zu treffen, die Ähnliches durchmachen und der Tag bekommt Struktur. Struktur ist enorm wichtig, einen Plan für den Tag zu haben, gibt Sicherheit. Planlosigkeit und Strukturlosigkeit sind auf Dauer Gift für uns Menschen. Durch den Friedhofsbesuch kommt sie raus, muss sich bewegen, kann Licht tanken und natürlich ihrem Mann nahe sein. Auch sind die täglichen Friedhofsbesuche ja offensichtlich auch ein Zeichen, dass deine Mutter noch recht fit ist.

Ich finde es schön, dass du sie regelmäßig besuchst, auch wenn es für dich hart ist — und wahrscheinlich auch sehr anstrengend. Gut für sie wäre es aber auch, dass sie noch weiteren

Lebenswert

Anschluss an andere Menschen findet. Das ist im Alter natürlich schwieriger, vor allem, wenn man es nicht gewohnt ist, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Aber halt doch einmal Ausschau nach einem Seniorentreff in eurer Gemeinde oder Stadt. Die Pfarren oder die politischen Parteien sind da oft sehr aktiv. Im Herbst und Frühjahr starten oft Trauergruppen in Innsbruck, aber auch in einigen Bezirksstätten. Wenn deine Mutter professionelle Unterstützung braucht, dann kann ich ihr gerne Unterstützung durch unsere Trauerbegleiterin anbieten.

Trauer ist an sich ein gesundes, angeborenes Reaktionsmuster auf Verlusterlebnisse. Trauer ist nicht nur eine Reaktion, die auf den Tod eines nahe stehenden Menschen folgt, sie kann auch eine Reaktion auf Krankheit, Trennung, Veränderung oder andere belastende Ereignisse sein. Sie ist also keine Krankheit, sie ist ein Bewältigungssprozess.

Trauer ist Ausdruck und Bewältigung zugleich, das heißt: Man muss durch die Trauer hindurch, man muss Trauer ausdrücken und durch den Schmerz hindurch, um sie zu bewältigen.

Menschen, die gesund trauern, können bald nach einem Todesfall den Alltag wieder bewältigen.

Der Trauerschmerz der gesunden Trauer kommt in Wellen, dazwischen gibt es aber durchaus auch Phasen, in denen es einem besser oder sogar gutgeht. Die „guten Zeiten“ — das kann eine Stunde sein oder auch ein ganzer Tag — brauchen wir in der Trauer, um uns vom Schmerz zwischendurch zu erholen. Wenn du bei deiner Mutter beobachten kannst, dass sie zwischendurch gute Phasen hat, wenn sie in der Nacht schlafen kann, sich und die Wohnung nicht vernachlässigt und auch regelmäßige Mahlzeiten zu sich nimmt, dann ist sie grundsätzlich auf einem guten, wenn auch schweren Weg, und es gilt, einfach Geduld zu haben und sie ein wenig zu unterstützen, dass sie nicht vereinsamt.

Wenn du den Eindruck hast, es geht ihr durchgängig schlecht, sie vernachlässigt sich und die Wohnung, sie isst viel zu wenig, hat regelmäßige Schlafstörungen, Angstzustände, körperliche Symptome, ist häufig krank oder kränkelnd, dann würde ich eine Abklärung bei einem Facharzt/einer Fachärztin für Psychiatrie empfehlen, dann kann es sein, dass Trauer in eine Depression entgleist ist und Medikamente und eine Therapie nötig sind. Beziehungsweise: Ab einem gewissen Alter nehmen viele Menschen mehrere Medikamente gleichzeitig und man müsste einmal überprüfen, welche deine Mutter derzeit nimmt und ob eine Umstellung oder Änderung der Dosierung nötig ist.

Lieber Reinhard, ich hoffe da waren — neben der „schlechten Nachricht“, dass Trauer meist länger dauert als uns lieb ist — ein paar hilfreiche Ansätze dabei. Ich wünsche euch beiden, dir und deiner Mutter, ganz viel Kraft und Geduld, es ist ein harter Weg da durch. Und wenn ihr weitere Unterstützung braucht oder du noch Fragen hast, dann melde dich bitte einfach bei mir.

Alles Liebe
Christine