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Friede meiner
Asche…

Von Christine Pernlochner-Kügler | …aber bitte keinen Friedhof! Oder wenn, dann einen, der ein Ort der Begegnung und Kommunikation ist.

Liebe Christine,

Man darf ja die Urne eines Verstorbenen zu Hause haben, aber darf man die Asche bei uns in Österreich nun auch verstreuen oder nicht? Man hört da ja verschiedenste Gerüchte. Kannst du mir sagen, was stimmt?

Danke für deine Antwort!
Heinz

Lieber Heinz!

Nein, man darf die Urne eines Verstorbenen bei uns in Tirol nicht zu Hause haben, und man darf Menschenasche in Österreich schon gar nicht einfach verstreuen. Bestattungsgesetze sind in Österreich landesrechtlich geregelt. Das heißt, dass es in den einzelnen Bundesländern Unterschiede gibt. Für Tirol ist die Bestattung Verstorbener im Gemeindesanitätsdienstgesetz geregelt, wonach Verstorbene, aber auch Leichenasche beisetzungspflichtig sind. Verstorbene müssen auf einem Friedhof beigesetzt werden, Asche kann grundsätzlich mit Genehmigung der Bezirksverwaltungsbehörde außerhalb von Friedhöfen auch auf Privatgrundstücken beigesetzt werden, sie darf aber privat nicht in Wohnungen aufbewahrt werden. Die einzige Möglichkeit, Asche privat aufzubewahren oder zu verstreuen, besteht darin, dass du dir im Krematorium ein wenig Asche in eine kleine Erinnerungsurne abfüllen lässt. Das wird von den Krematorien hierzulande angeboten, ist streng genommen auch gesetzeswidrig, aber ein kleines Zugeständnis an moderne Bedürfnisse.

Das Tiroler Bestattungsgesetz stammt aus dem Jahr 1952/53 und ist so veraltet, dass es den Gegebenheiten und den Bedürfnissen der Menschen heute nicht mehr entspricht. Ich persönlich, aber auch mein gesamtes Team, würden die Änderungen des Gesetzes hinsichtlich der freien Aschenverwendung sehr begrüßen: Es sollte in Tirol — beziehungsweise in ganz Österreich — eigentlich die Möglichkeit bestehen, die Asche eines Menschen an anderen Plätzen als auf dem klassischen Friedhof beizusetzen. Das Privatgrundstück genügt als Alternative nicht mehr. Erstens hat nicht jeder ein Privatgrundstück, und zweitens spricht nichts gegen das Verstreuen in der Natur. In der Schweiz, in den Niederlanden und Teilen von Deutschland, aber auch in den USA und mittlerweile sogar auch in Südtirol ist das Verstreuen sehr wohl möglich.

Es gibt immer mehr Menschen, die nicht auf einem Friedhof beigesetzt werden möchten. Gerade wenn Kinder versterben, möchten Eltern die Asche des Kindes oft zu Hause haben. Und ein richtiger Bergfex will eben auch in seinen geliebten Bergen verstreut werden. In der derzeitigen Situation muss man entweder in die Schweiz ausweichen, da gibt es die Berg- und Almwiesenbestattung als Angebot im Rahmen der Naturbestattung. Aber ein Tiroler möchte halt meist in den heimatlichen Bergen seinen letzten Ruheplatz finden. Und das heißt, dass man das mit dem derzeitigen Gesetz entweder unmöglich macht oder Menschen in die Illegalität drängt.

Dabei gibt es keinen wirklich gewichtigen Grund für die Beisetzungspflicht: Asche ist hygienisch und toxikologisch ungefährlich. Eine Aschenanalyse am Institut für Allgemeine, Anorganische und Theoretische Chemie der Universität Innsbruck und eine Untersuchung der Technischen Abteilung der Gartenbau-Berufsgenossenschaft, welche Menschenasche aus elf verschiedenen Krematorien untersuchte, kamen zu folgenden Gutachten: Der Mensch sammelt im Laufe seines Lebens zwar eine beträchtliche Anzahl von Schadstoffen in seinem Körper. Diese werden während des Verbrennungsprozesses aufgrund der hohen Temperaturen (800—1200°C) aber größtenteils thermisch zersetzt. Die Abgase werden durch hochentwickelte Filteranlagen gereinigt, der Filterabfall dem Sondermüll zugeführt. Zurück bleibt grobe Verbrennungsasche, aus der alle Metallteile (Prothesen und Sargbeschläge) entfernt werden. Dann werden die Rückstände verfeinert und in die Urne gegeben.

Es wurden sowohl die Inhaltsstoffe der Kremationsasche bestimmt als auch die Gefahren beim Ausstreuen auf Grünflächen untersucht, wobei den krebserregenden Schwermetallen besondere Aufmerksamkeit galt: In den Proben waren Beryllium, Zink, Cadmium, Blei, Antimon, Chrom(Vl), Kobalt und Nickel nachweisbar, allerdings in Mengen, die weit unter den gesetzlich festgelegten Grenzwerten liegen. Das Verstreuen

Lebenswert

selbst wurde auch untersucht: Hier wurde vor allem die Belastung für die streuende Person durch Feinstäube untersucht und auch hier zeigten die Ergebnisse keine Überschreitung der gesetzlich zulässigen Grenzwerte. Die Beisetzung von Asche in der Natur ist also unbedenklich. Man kann sogar sagen, dass Kremationsasche wesentlich umweltfreundlicher ist als die Verwesung eines Verstorbenen infolge der Erdbestattung.

Änderungen von Bestattungsgesetzen anderer österreichischer Bundesländer in den letzten Jahren legen aber leider die Vermutung nahe, dass die Asche auch im Falle einer Gesetzesänderung in Tirol nicht frei gegeben wird. In Vorarlberg zum Beispiel ist es seit einigen Jahren zulässig, die Asche eines Verstorbenen privat beizusetzen oder aufzubewahren. In jedem Falle muss aber ein kleiner Teil der Asche des Verstorbenen in einem Grab oder in einer Nische auf einem Friedhof beigesetzt werden. Begründet wird dies damit, dass privat beigesetzte oder aufbewahrte Urnen für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Es soll also einen Gedenkort geben, der von jedem, der dies möchte, besucht werden kann.

Ich persönlich finde dieses Gesetz befremdlich und bevormundend, da ich auf unseren Friedhöfen keine Besuchermassen an Gräbern und Nischen feststellen kann. Viel Geld dafür bezahlen zu müssen, weil vielleicht einzelne Menschen das Bedürfnis des Grabbesuches haben könnten, obwohl ich es nicht möchte, finde ich völlig übertrieben. Fehlt grade noch, dass man mir vorschreibt, dass ich jedes Jahr meinen Geburtstag offiziell feiern muss und das Handy an diesem Tag nicht ausschalten darf, weil es Menschen gibt, die das Bedürfnis haben, mir unbedingt gratulieren zu wollen.

Ich meine: Wenn ein Mensch irgendwann einmal endlich seine wohlverdiente ewige Ruhe haben will und nicht auf einem Friedhof beigesetzt werden will, dann soll das gefälligst respektiert werden. Es gibt viele Möglichkeiten, seiner zu gedenken, etwa indem man Kerzen in einem Online-Portal entzündet. Und wenn ich mal nicht mehr bin, dann sollen sich meine Leute bitte eine gute Flasche Wein gönnen, wenn sie an mich denken wollen, oder meine Facebook-Seite besuchen.

Im Falle des Vorarlberger Gesetzes liegt der Verdacht nahe, dass hier ethische Argumente vorgeschoben werden, obwohl es eigentlich wieder einmal um den schnöden Mammon geht: Wenn man Asche privat aufbewahren oder beisetzen darf, wenn man sie sogar verstreuen dürfte, dann würden in Zukunft viele Gräber und Nischen leer stehen, weil immer mehr Menschen mit dem Friedhof als letzte Ruhestätte nichts mehr anfangen können. Angenommen, ich möchte einmal in meinem Garten unter dem Maigold-Rosenstock meines Mannes beigesetzt werden: Eine Verordnung wie in Vorarlberg würde meine Familie dazu zwingen, trotzdem ein Grab zu errichten und die Gebühren zu bezahlen, obwohl weder ich noch meine Familie das wollen würden. Aber in Tirol ist das ja eh nicht so: In Tirol darf meine ganze Asche im Privatgarten beigesetzt werden. Immerhin etwas. Leider darf ich nicht verstreut werden, obwohl ich ein paar schöne Plätze dafür wüsste. Wenn mich meine Lieben also dort verstreuen, dann machen sie was Illegales. Anders sieht‘s bei Hund und Katze aus. Bezüglich Tierasche gibt es nämlich kein Verbot. Ich kann meinen Waldi ohne Probleme auf seinem Lieblingsspazierweg verstreuen oder mir zu Hause ins Regal stellen. Da ist doch was faul, oder?

Nicht falsch verstehen: Ich liebe Friedhöfe und sehe sie als wichtiges Kulturgut. Aber es ist heute nicht mehr jedermanns Sache, in der Erde oder in einem Betonkastl zu enden. Und hier gilt es, auf die Bedürfnisse von Menschen zu reagieren — mit weniger strengen Gesetzen für Menschenasche, aber auch mit alternativen Angeboten, die man nicht einmal neu erfinden muss: Andere Länder haben sie bereits, die Friedwälder oder Ruheforste, die Aschenstreuwiesen. In Südtirol darf ich Asche mit Genehmigung des Bürgermeisters außerhalb des Siedlungsgebietes verstreuen. Wenn es uns aber wichtig ist, dass der Friedhof auch in Zukunft Anklang findet, dann sollte man ihn zu dem machen, was er sein sollte: Ein Ort der Begegnung — mit einem Kaffeehaus oder Gasthaus, mit Abendveranstaltungen. Mit genügend Bänken und kleinen Tischen, mit einem Platz für Schachspieler. Ich träume außerdem von einem Würstelstand und davon, dass der Maronibrater im Herbst nicht vor dem Friedhof steht, sondern mitten drinnen.

Alles Liebe
Christine