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Killerphrasen

Von Christine Pernlochner-Kügler | Killerphrasen werden von Menschen geäußert, die ihre eigene Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit nicht aushalten können und mit der Trauer der Betroffenen überfordert sind.

Liebe Christine,
ich habe vor drei Monaten meinen Mann verloren. Es ist im Moment extrem schwer für mich, mit anderen umgehen zu können. Dieses ständige „Es wird alles wieder gut“, „Das Leben geht weiter“ … Ich kann es nicht mehr hören! Was bitte soll gut werden? Ich möchte nicht allein sein, aber ich ertrage auch keine Nähe, erstens weil keiner versteht, was in mir vorgeht und weil ich derzeit keinen an mich ranlassen will. Ich möchte meinen Leuten ja auch nicht wehtun, aber ihr Versuch mir zu helfen und mich aufzubauen, stößt bei mir oft auf Abwehr. Ich weiß, sie wollen mir nur helfen, aber gleichzeitig wird von außen ein Druck aufgebaut, dort weiterzumachen, wo man vor dem Tod aufgehört hat. So eine Art Schalter umzulegen oder wie auch immer. Er fehlt mir so … und gleichzeitig habe ich es noch gar nicht so richtig verstanden, dass er nun wirklich weg sein soll. Es fühlt sich derzeit oft so an, als wäre er eben mal eine Weile weg… er kommt doch wieder…. und dann kämpft mein Kopf immer und immer wieder mit dem Wissen, dass er eben nicht mehr wieder kommen wird. Einfach Chaos pur, im Kopf, im Herz und um mich herum.

Liebe Grüße Maria

Hallo Maria,

Drei Monate ist es her, dass dein Mann gestorben ist und wie du gut beschreibst, kämpfen dein Kopf und dein Herz immer noch damit, diese Realität anzuerkennen. Schicksalsschläge verändern unser Leben und verändern uns als Menschen maßgeblich. Nichts ist so wie vorher. Und damit muss man leben lernen. Nur — das dauert und es ist normal, dass es dauert. Natürlich kannst du keinen Schalter umlegen und einfach an die Zeit vor dem Tod deines Mannes anknüpfen.

„Ratschläge sind auch Schläge“, den Spruch kennst du doch – oder? Sätze wie „Alles wird gut!“ und „Das Leben geht weiter!“ nennt man — wenn sie von außen an Betroffene herangetragen werden – auch „Killerphrasen“.

Killerphrasen werden von Menschen geäußert, die ihre eigene Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit nicht aushalten können und mit der Trauer der Betroffenen überfordert sind. Menschen, die derartige Sätze äußern, haben völlig falsche Vorstellungen oder Informationen über den Trauerprozess und wollen mit solchen Phrasen trösten. Das Gegenteil ist natürlich der Fall, denn Killerphrasen sind verletzend. Mitunter steht hinter solchen Phrasen aber auch schlichtweg der Appell: „Lass mich in Ruhe, ich halte deine Trauer nicht aus.“

Es gibt Betroffene, die eine sehr hohe Frustrationstoleranz haben und außerdem leicht verzeihen können: Es gelingt ihnen, diese Killerphrasen beim einen Ohr hinein und beim anderen wieder hinauszulassen. Sie nehmen derartige Äußerungen nicht persönlich. Die wenigsten schaffen das aber, die allermeisten Menschen sind nach einem Todesfall sogar besonders verletzlich und sensibel.

Lebenswert

Ich würde mit den Menschen, die mir wichtig sind, also mit meiner Familie und meinen Freunden zunächst einmal die ehrliche Auseinandersetzung suchen und ihnen im Guten erklären versuchen, warum mich derartige Äußerungen verletzen und ich würde erklären, warum ich solchen Forderungen beim besten Willen nicht nachkommen kann: „Bitte lasst mir noch Zeit, in meinem Kopf und in meinem Herzen herrschen noch Chaos, ich muss erstmal realisieren, was sein Tod für mich bedeutet ….“ Erkläre auch, dass du im Moment sicher niemanden vor den Kopf stoßen willst, aber mitunter komisch oder ruppig reagierst, einfach weil du mit dir selbst noch nicht klar kommst, dass du einerseits nicht alleine sein willst und andererseits Probleme mit Nähe hast. Wenn du deine Situation so erklärst, wie du es ja auch in deinem Schreiben getan hast, aus deiner Not und Bedürftigkeit heraus, ohne die anderen anzuklagen, dann hast du gute Chancen auf Verständnis zu stoßen. Ich glaube sogar, dass auch andere Familienmitglieder gerade Ähnliches erleben und fühlen: Ich wette, auch bei ihnen ist die Realität noch nicht ganz durchgesickert und auch sie haben „es noch nicht hinter sich“, auch wenn sie dir gegenüber vielleicht ihre Gedanken und Gefühle verheimlichen, weil sie für dich stark sein wollen. Frag doch einfach einmal nach, wie es den anderen geht. Vielleicht tun sich da neue Wege auf, besser miteinander umzugehen, weil ihr euch besser kennen und verstehen lernt. Auch wenn die anderen schon viel weiter sein sollten in ihrer Trauerarbeit: Jeder braucht unterschiedlich lange, jeder entwickelt eigene Strategien. In einer Familie geht es nicht darum, dass man sich auf ein einheitliches Trauerniveau einigt, dass alle gleich traurig sind oder beim Trauern gleich schnell oder langsam sind – das kann nur schief gehen. Vielmehr geht es darum, Toleranz und Verständnis dafür zu entwickeln, dass jeder anders und verschieden lange trauert.

Wenn du trotz allem weiterhin auf Unverständnis stößt, dann würde ich ein wenig auf Distanz gehen. Ich erlebe es bei fast jedem plötzlichen Todesfall, dass sich der Freundschaftskreis der Betroffenen verändert: Es bleiben nur mehr wenige Freunde, diese Freundschaften vertiefen sich aber und sind nachhaltig. Wenn die Familienbande vorher nur traditionell und oberflächlich waren, dann werden sie gelockert. Mitunter wird mit der Familie oder einzelnen Mitgliedern auch gebrochen, weil man lernt, sich nur mehr mit jenen Menschen zu umgeben, die einem guttun und die es ehrlich meinen. Nicht falsch verstehen: Mit der Familie zu brechen sollte nicht das Ziel sein, aber immer, wenn Menschen zusammenleben, gibt es Konflikte, das ist normal. Wenn die einzelnen Familienmitglieder konfliktfähig sind, dann wird man den Konflikt gemeinsam lösen, jeder einzelne und das gesamte Familiengefüge werden davon profitieren. Wenn eine Familie nicht konfliktfähig ist, wenn Unverständnis, Intoleranz und Kränkungen an der Tagesordnung sind, dann ist es gesünder, sich zu distanzieren, weil das, was kränkt, auf Dauer krank macht.

Alles Liebe und Gute!
Christine