Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 8:15 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Kontakte
zum Jenseits

Von Christine Pernlochner-Kügler | Gibt es Medien, die mit Verstorbenen Kontakt aufnehmen können? Auszuschließen ist grundsätzlich nichts, aber auch nur halbwegs überzeugend auch nicht.

Hallo Christine,
nachdem unser Sohn im Sommer bei einem Unfall verstorben ist, habe ich alle möglichen Hilfestellungen und Begleitungen in Anspruch genommen. Trotzdem geht es mir einfach nur bescheiden. Der Schmerz ist furchtbar. Wenn ich nur mit Sicherheit wüsste, dass er irgendwo noch weiterlebt und dass es ihm gut geht, dass wir uns einmal wiedersehen. Ich habe von einem Medium gehört, das Kontakt zu Verstorbenen aufnehmen kann. Mein Mann ist skeptisch, er meint, das ist Betrug. Was hältst du davon? Kannst du mir da jemanden empfehlen?

Liebe Grüße,
Brigitte

Liebe Brigitte,

ich weiß aus meiner Arbeit mit trauernden Eltern, dass der Schmerz gewaltig ist, wenn ein Kind stirbt. Vor allem, wenn Kinder plötzlich aus dem Leben gerissen werden, bleiben zudem viele Fragen offen. Ich kann deine Sehnsucht sehr gut nachvollziehen und ich weiß, dass viele Betroffene an einen Punkt kommen, an dem sie hoffen, dass ein Medium ihnen helfen könnte. Immer wieder reisen so genannte Medien (früher als Spiritisten bekannt) durch die Lande und füllen große Säle in Veranstaltungszentren, wo im Rahmen einer Bühnenshow angeblich Kontakt zu Verstorbenen im Jenseits aufgenommen wird. Dem Medium erscheinen bei diesen Veranstaltungen Verstorbene, welche Botschaften für anwesende Hinterbliebenen überbringen. Zumindest wird das vorgegeben. Ich habe mir das selbst live angesehen, um mir ein Bild zu machen. Außerdem gibt es Ausschnitte solcher Veranstaltungen auf Youtube.

Ganz ehrlich: Ich halte überhaupt nichts davon. Ich will damit nicht sagen, dass es nach dem Tod aus ist. Das weiß ich natürlich nicht. Wenn unsere Verstorbenen danach weiter existieren und es ein Jenseits gibt, dann gibt es vielleicht Menschen, die Kontakt aufnehmen können. Ich habe nur noch nie jemanden getroffen, der mich überzeugen konnte. Und von Jenseitskontakten via Bühnenshow mit großem Publikum kann ich nur abraten. Wenn man als nicht Betroffener Mensch im Publikum sitzt, ohne große Sehnsucht ist und einfach nur protokoliert, was abläuft und welche Techniken angewandt werden, ist man schnell sehr ernüchtert.

Bei der von mir besuchten Show teilte das Medium das Publikum offensichtlich in vier Quadranten ein: Die ersten Reihen links vorne, die ersten Reihen rechts vorne, die linken Reihen Mitte bis weiter hinten und die rechten Reihen Mitte bis weiter hinten. Die Reihen ganz hinten im Saal, die das Medium nicht hören und sicher auch schlecht sehen konnte, die kamen gar nicht dran, für diese Personen kamen keine Botschaften aus dem Jenseits.

Es wurde immer ein ganzer Publikums-Quadrant angesprochen, das waren insgesamt sicher 50 bis 70 Personen. Das Medium begann immer mit einer sehr vagen Andeutung: „Ich sehe einen Mann/eine Frau. Sie /er ist älter/jünger. Er greift sich an die Brust/Bauch/Kopf. Ich glaube er/sie war länger krank/ist plötzlich gestorben.“ Oder „Es muss ein Unfall gewesen sein, es ist aber nicht alles geklärt worden.“ Irgendein Verstorbener findet sich schon, wenn man bei 400 Leuten fragt: „Ich sehe einen Mann „Er zeigt mir viele Flaschen“ oder „Es muss am Berg geschehen sein“. Solche Angaben führen bei Betroffenen, die auf eine Botschaft von ihrem Verstorbenen hoffen, natürlich zu Reaktionen, die ein halbwegs geschultes Auge sofort sieht. Das Medium erkennt also, wer in Frage kommt, und rät dann so lange durch suggestive Fragestellung weiter bis Betroffene entweder heftig nicken oder zu weinen beginnen. Mitunter erzählen Betroffene dann Details, welche die passende Botschaft sehr leicht erraten lassen. Dabei bleibt das Medium hauptsächlich bei allgemeinen Angaben und Botschaften, die auf einen Großteil der Bevölkerung passen würden: Frauen freuen sich über Blumen und mögen gerne Hunde oder Katzen. Mütter bekommen von ihren verstorbenen Söhnen ausgerichtet, dass ihnen das Essen der Mama immer geschmeckt hat. Ein bei einem Unfall verstorbener Sohn neckt seine jetzt gleichzeitig weinende und lachende Mutter: „Du hast ja noch Kleidung von mir! Du hast noch Schuhe von mir! Warum hältst du das alles auf?!“ Mutter und Schwester des Toten waren gerührt. Es ist ihnen offensichtlich nicht klar, dass über 90 Prozent aller Mütter Kleidung von verstorbenen Kindern aufbewahren und der Trick somit bei 90 Prozent der Mütter zum Erfolg führt. Wenn sich das Medium irrte und das kam sogar recht häufig vor, dann sagt es zu den Betroffenen: „Ich möchte, dass du nachdenkst und noch einmal genau nachschaust.“ Das war bei einem Mann der Fall, der seinen Freund verloren hatte: „Du hast einen Glücksbringer von ihm im Auto. Einen Schlüsselanhänger oder so etwas.“ Der Mann verneinte. „Irgendeinen Gegenstand von deinem Freund?“ Der Mann verneinte wieder. „Ich möchte, dass du noch einmal genau nachschaust. Es kann auch sein, dass du früher einmal einen Gegenstand von ihm im Auto gehabt hast.“ Nun, da wird sich sicher im Nachhinein etwas finden lassen, wenn man lange genug drüber nachdenkt.

In einem Youtube-Video (hier zu finden) über das Schweizer Medium Pascal Voggenhuber sieht man eine Sequenz einer seiner Bühnenshows und erkennt einen anderen Trick. Pascal Voggenhuber bekommt Informationen von einem Verstorbenen, übermittelt sie der Betroffenen Frau und fragt nicht: „Stimmt das?“, sondern er fragt: „Kannst du das verstehen?“ Die Betroffene kann auf diese Frage nur mit „ja“ antworten, weil es ja verständlich ist, was er erzählt, ob es nun zutrifft oder nicht. Die Betroffene kommt auch nicht zu mehr als zu einem kurzen „Ja“, weil das Medium sofort schnell weiterspricht und weitere Vermutungen anstellt, die sehr wahrscheinlich sind: „Dein Mann hat immer gerne Recht gehabt, er hat Ihnen zu wenig gesagt, dass er sie liebt. Er schickt dir Blumen.“ Allgemeinplätze, die sehr wahrscheinlich sind, weil in Mann-Frau-Beziehungen häufig der Mann gerne Recht hat, das ist ein altes Muster. Und wenn wir ehrlich sind, sagen wir denen, die wir lieben viel zu wenig oft, dass wir sie lieben. Wenn konkretere, mutige, „gefährlichere“ Fragen gestellt werden, haben Medien selten wirkliche Treffer. Hat das Medium einen Treffer, dann beeindruckt das natürlich: Bei einer Zuseherin gibt es eine Frau im Bekannten- oder Freundeskreis, deren Name irgendwas „mit Rosa oder Rosemarie“ heißt — ein

Lebenswert

Treffer für das Medium! Bei einer zweiten Frau zeigt die Verstorbene angeblich ein Goldkettchen mit zwei Herzen. Die Tochter kann überhaupt nichts damit anfangen, wird aber gebeten drüber nachzudenken, vielleicht ergibt das ja doch irgendeinen Sinn.

Die Wahrnehmung ist selektiv: Wenn ich daran glauben will, dann sehe ich die „Treffer“ und blende aus, wenn das Medium danebenliegt. Und das war bei der Bühnenshow, welche ich besuchte, recht häufig der Fall. Haarsträubend war allerdings die Geschichte eines vier- bus sechsjährigen toten Mädchens.

Das Medium schaute suchend in das rechte Viertel der hinteren Reihen und sagte: „Ich sehe ein kleines Mädchen – ca. vier bis sechs Jahr alt. Es muss schnell gegangen sein.“ Niemand reagiert, niemand scheint sich angesprochen zu fühlen. Das Medium: „Ich sehe es aber ganz deutlich. Ich kann nicht genau sagen vier oder sechs oder vielleicht acht Jahre.“ Niemand meldet sich. Schweigen. Aber das Medium bleibt dabei: „Vielleicht gehört es doch zu jemandem weiter drüben?“ „Das ist meine Tochter!“ sagt eine Frau, aus der linken Saalhälfte. Das Medium und die Frau wechseln ein paar Worte und nun ist das Medium sich aber sicher, dass es nicht die Tochter der Frau sein kann. Das Mädchen hält sich nämlich angeblich immer noch in der rechten Stuhlreihe auf, nicht in der linken. „Tut mir leid, vielleicht bekommen wir später noch Kontakt zu deinem Mädchen“. Wer aber war das Mädchen nun wirklich? Nach längerem Rätseln kam endlich eine Dame, die im richtigen Bereich saß, zum Schluss: „Das muss wohl die als Sechsjährige verstorbene kleine Schwester meiner Mutter sein.“ Also war auch eine tote Tante anwesend, welche die Nichte nie kennengelernt hatte… Die Tante richtete ihrer Nichte aus, dass sie sie öfter besucht und auf sie schaut.

Das Medium wendet sich nun wieder der anderen Mutter zu, genug Informationen hat es ja beim Wortwechsel vorher bekommen: „Jetzt habe ich hier im Mittelgang ein ca. vierjähriges Mädchen, das auf und ab läuft. Ich glaube, das ist jetzt deine Tochter. Sie lässt dir ausrichten, dass du nicht traurig sein musst, es geht ihr gut, sie spielt hier viel.“ Die Mutter wirkt etwas konsterniert und reagiert nicht wirklich mit Tränen, eher erstaunt und gebannt. Die ältere Frau vor ihr beginnt zu schluchzen. „Gehört ihr beide zusammen?“, fragt das Medium. Die Jüngere nickt. „Ist das deine Mutter?“ Ja. „Du bist die Oma von dem Mädchen.“ Die Oma nickt mit Tränen in den Augen. „Deine Enkeltochter krabbelt jetzt gerade auf deinen Schoß und umarmt dich“, beschreibt das Medium, was sich angeblich gerade zuträgt.

Mir wurde fast schlecht!

Nach längerem Hin und Her stellt sich der große Irrtum heraus: Irgendwann gab es ein Missverständnis, denn das Mädchen starb nicht als Vierjährige, sondern als Zwilling kurz vor der Geburt. Die lebende Zwillingsschwester ist gerade vier Jahre alt geworden.
Kein Problem für das Medium, das zu deuten. Das tote Mädchen hat durch ihre Verbindung zum Zwilling in der geistigen Welt die Entwicklung des Zwillings mitgemacht und erscheint, obwohl als Baby verstorben, als Vierjährige…

Am Ende des Abends, der pünktlich um 21 Uhr endete, tummelten sich sicher 30 bis 50 Geister in den Publikumsreihen herum: Sie alle klopften dahin, wo sie zuletzt Beschwerden hatten bzw. woran sie gestorben waren — also auf Kopf, Brust oder Bauch. Eine Seele tanzte, die andre hinkte und musste sich immer wieder hinsetzen. Ein sicher lustiger Anblick, wenn man es denn sehen könnte. Was ich nicht ganz verstand, wie es denn möglich war, dass sie alle mit ihren Problemzonen und Blessuren anwesend waren, wo sie doch angeblich einen perfekten Lichtkörper besaßen? Und angeblich sprachen sie mit dem Medium und richteten ihre Botschaften und Grüße aus. Warum aber konnten sie nicht gleich von Anfang an klipp und klar sagen, zu wem sie in diesem Raum genau gehörten … Fragen über Fragen.

Ich will keinem Trauernden die Hoffnung nehmen. Ich will nicht sagen, dass das Spüren, Hören oder Sehen von Verstorbenen ganz sicher nur Einbildung ist. Ich maße mir hier ein Urteil schon lange nicht mehr an. Aber: Bühnenshows mit so genannten Jenseitskontaktmedien oder Spiritisten sind meiner Meinung nach keine seriösen Angebote für Menschen, die trauern. Auch bei Privatsitzungen muss man sehr vorsichtig ein, alleine durch dein Aussehen, deine Mimik und Gestik, die Informationen, die du ihm vorab gibst oder die das Medium vorab via Internet recherchieren kann, erfährt es genug von dir, um dir durch seine Methoden, Techniken („Cold Reading“ genannt) und Gesprächstricks glauben zu machen, dass es Kontakt zu einem Verstorbenen hat. Ganz ehrlich: Ich könnte so etwas auch anbieten, ich tu es nur nicht. Und ich glaube, mit etwas Übung könnten das die allermeisten von uns. Mehr zu den Methoden „Cold Reading“ und „Hot Reading“ kannst du hier nachlesen und dann versuchen, diese Methoden selbst anzuwenden (hier zu finden).

Ein Kind zu verlieren, tut wahnsinnig weh. Wenn ich davon überzeugt wäre, dass Jenseitskontakte seriöse Angebote wären, würde ich dich sofort hinschicken, aber das kann ich nicht. Ich kann dir den Schmerz nicht nehmen, so gerne ich es täte. Ich weiß aber, dass ein Dreivierteljahr nach dem Tod eines Kindes Eltern noch nicht „darüber hinweg“ sind. Ich weiß, dass es ein langer, langer Weg ist, dass wir Menschen um den schweren Trauerprozess nicht herumkommen, sondern dass wir hindurch müssen. Ich weiß aber auch, dass es den allermeisten gelingt, den Schmerz zu integrieren und wieder Lebensqualität zu bekommen. Das ist aber ein Prozess von Jahren. Nimm jede Begleitung und Hilfe an, die dir guttut, schau, dass ihre beide — du und dein Mann — euch auch genügend Ablenkung und Erholung gönnt, dass aber auch das gemeinsame Gespräch nicht abreißt und dass jeder seine eigenen Trauerrituale haben darf. Sich mit anderen Eltern, denen ähnliches widerfahren ist, zu treffen, sich mit ihnen austauschen und gemeinsam Ausflüge zu unternehmen, hilft auch sehr. Wenn du dich für unsere Trauergruppe oder für eine persönliche Trauerbegleitung interessierst, dann melde dich bitte gerne bei mir.

Alles Liebe, Christine