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punktierte Linie

Von Weißen Frauen und bösen Mythen

Von Christine Pernlochner-Kügler | Wie ist das nun eigentlich mit dem Wäschewaschen und -trocknen in den dunkelsten Nächten des Jahres?

Liebe Christine,

am Heiligen Abend haben wir über einen alten Brauch diskutiert: Es heißt ja, dass man zwischen dem 21. Dezember und dem 6. Jänner keine Wäsche waschen oder aufhängen soll, weil es sonst im neuen Jahr einen Todesfall in der Familie gibt. Ich finde das so gruselig, dass ich mich immer daran halte. Woher kommt dieser Brauch? Und was hältst du davon?

Danke im Voraus für deine Antwort,
Grete

Liebe Grete!

Vorsicht! Es ist nicht nur die Wäsche! Man soll auch nicht verreisen, nicht backen, nicht schwer arbeiten, nicht kehren und vor allem auch das Spinnrad nicht bedienen! Das sieht nämlich die Frau Holle nicht gerne. Sie will, dass man unter dem Jahr fleißig ist und zwischen den Jahren eine Ruhe gibt. Man bzw. Frau sollte die Hausarbeit noch vor der Wintersonnenwende erledigt haben. Denn nur in diesen zwölf Tagen erlaubt Frau Holle, dass man sich ausruht, dann ist sie im kommenden Jahr gnädig und belohnt.

In der Zeit der Raunächte, zwischen dem 21. Dezember und dem 5. Jänner, muss die Hausarbeit also ruhen. Der Hintergrund ist vielschichtig, geht auf die altgermanische Mythologie zurück, hat sich aber über Sagen und Märchen und durch die Christianisierung in einen gruseligen und angstbesetzten Brauch gewandelt. Die längste Nacht, die „Sonnwend“, und der Mondkalender spielen in allen Kulturen eine wichtige Rolle. Ein Jahr aus zwölf Mondmonaten umfasst nur 354 Tage. Wie in allen einfachen Mondkalendern werden die auf die 365 Tage des Sonnenjahres fehlenden elf Tage – beziehungsweise zwölf Nächte – als „tote Tage“ eingeschoben. Tote Tage befinden sich „außerhalb der Zeit“, das heißt, außerhalb der Mondmonatsrechnung.

Von solchen Tagen wird in Mythologien oft angenommen, dass die Gesetze der Natur außer Kraft gesetzt werden und die Grenzen zu anderen Welten fallen. Geister und Dämonen können aus der anderen Welt herüberkommen, Tiere können sprechen und die Raunächte, besonders aber die Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Jänner eignen sich gut zum Orakeln: Man kann das nächste Jahr voraussagen und auch beeinflussen. Glücksbringer und Bleigießen haben hier ihren Ursprung. Das bei uns gängige Räuchern der Häuser in den Raunächten soll die Geister wieder vertreiben.

Frau Holle – oder je nach Region auch „die Percht“ – steigen der Sage nach in der Nacht vom 5. auf den 6. Jänner zur Erdoberfläche auf, um nachzusehen, wer das Jahr über fleißig oder wer faul war. Wer keine Wäsche hängen hat, war fleißig, kann sich ausruhen und wird belohnt. Wer faul war, muss auch jetzt arbeiten und wird bestraft: Die Frau hat Pech. Frau Holle nimmt ein Kind mit. Diese Version sorgt offensichtlich noch heute dafür, dass sich so manche Frau keine Wäsche zu waschen getraut.

Frau Holle mit den großen schiefen Zähnen ist die Märchenfigur, die wir alle kennen. Sie schüttelt die Betten und dann schneit es auf der Erde. Die Figur aus dem Märchen der Gebrüder Grimm geht auf die germanische Totengöttin Holda oder Hel zurück. An der Seite von Hel stand Odin bzw. Wodan, der Göttervater, Kriegs- und Totengott. Die beiden führten die Wilde Jagd an, eine Horde aus der Geisterwelt, die in den Raunächten auf ihren Besen durch die Lüfte reitet. Im Alpenraum entspricht Frau Holle, Holda oder Hel auch der Wintergöttin Perchta. Die Perchtenumzüge stammen von daher.

Frau Holda, Hel, Holla oder Holle und die Percht sind so genannte „Weiße Frauen“. Vor der Christianisierung waren diese Weißen Frauen positive Gestalten und standen für den Zyklus von Geburt und Tod, galten als Schirmherrinnen der Hausfrauen, der Hausarbeit, der Weber und Spinner und nahmen sich vor allem der Kinderseelen an: Die Kinder kommen aus ihren Brunnen oder Seen auf die Welt. Wenn ein Kind stirbt, kehrt es über den Brunnen oder das Gewässer zurück und die Weiße Frau nimmt es mit in ihren Garten, in dem es schöner ist als auf der Welt. Dort gibt es Äpfel und Gebäck, glaubte man. An zahlreichen Teichen und Seen in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden Holla oder Perchta verehrt und diese Gewässer galten als Orte der Fruchtbarkeit. Ein Bad in ihnen sollte Kindersegen bringen. Diese Weißen Frauen kamen in der letzten Raunacht, aus ihren Gewässern und hatten die Aufgabe nachzusehen, ob die Hausfrauen in den Raunächten Ruhe gaben, um Kraft zu schöpfen für den Neubeginn, den Frühling, den neuen Zyklus von Werden und Vergehen. Sie waren Göttinnen der Regeneration und Wandlung und gingen ursprünglich auf die Gottheit „Nerthus“ aus der germanischen Mythologie zurück. Nerthus war geschlechtslos

Lebenswert

und symbolisierte Fruchtbarkeit, Ernte, Geburt und Tod. Im Volksglauben und in der deutschen Sagenwelt spielten mythologische Gestalten wie die Weiße Frau trotz der Christianisierung lange Zeit weiterhin eine große Rolle – offenbar bis heute.

Der Holunder – auch Holler genannt – gilt als Pflanze, die der Frau Holle geweiht ist. Er wurde bis vor einigen Jahrzehnten noch als Sitz der Ahnen verehrt. Jedes Haus hatte seinen Holerstrauch, der niemals abgeholzt werden durfte und beim Vorbeigehen gegrüßt wurde. Lange hielt sich der Brauch, dass Männer ihre Hüte zogen, wenn sie bei einem Holerstrauch vorbeigingen – auch bei uns in Tirol. In manchen Gegenden gab es nach dem Tod eines Kindes den Brauch, einen Holerstrauch mit Stoffbädern zu behängen, um der Holla oder der Percht anzuzeigen, dass hier eine unschuldige Seele mitzunehmen sei, denn die Weißen Frauen waren ursprünglich gute Totenmütter. Im deutschsprachigen Sagenraum gibt es zahlreiche Trostmärchen für Mütter verstorbener Kinder. Erst im Zuge der Christianisierung wurde Frau Holles oder Perchtas „Anderswelt“ – der schöne Apfelgarten – zur „Hölle“ dämonisiert. Hölle stammt von „Hel“ und „Holla“ ab. Es wurde ein Ort, an den die Heiden und Nicht-Gläubigen kommen und die Dämonen wohnen. Nach und nach verändert sich die Rolle der Weißen Frauen ins Negative: Sie werden zu schönen Weißen Frauen, die Kinder ins Jenseits locken und entführen. Schließlich vermischt sich ihre Rolle mit der der Hexen: Die Frau Holle bekommt im Märchen furchterregende schiefe und große Zähne, und aus der schönen Weißen Frau wird die böse bucklige Hexe, die in den Raunächten zwischen Weihnachten und Dreikönig ihr Unwesen treibt und Kinder holt.

Nicht zufällig fällt das Fest „Epiphanias“ oder „Erscheinung des Herrn“ auf den 6. Jänner: „Dreikönig“ war in vorchristlicher Zeit der Tag, an dem das Licht wieder Übermacht über die Dunkelheit gewinnt – der neue Jahreskreis konnte beginnen. Die Perchtennacht ist die Nacht, in der der Kampf des Lichtes gegen die Dunkelheit gewonnen wird. Und wir nehmen es um den 6. Jänner ja selbst wahr: Das erste Mal ist wird es wirklich sichtbar: Es wird wieder heller! Schon im hellenistischen Ägypten wurde in der Nacht vom 5. zum 6. Jänner die Geburt des Sonnengottes Aion aus der Jungfrau Kore gefeiert. Und in der Nacht vor Epiphanias spukt übrigens auch durch Italien noch heute eine Weiße Frau: Die „Befana“ ist ein weiblicher Dämon bzw. eine Hexe des italienischen Volksglaubens. Sie gilt als Parallelgestalt der alpenländischen Percht. Befana hat von den Hirten die frohe Botschaft gehört. Da sie jedoch zu spät aufbrach, verpasste sie den Stern und das Jesuskind und ist nun auf der Suche nach ihm. Sie fliegt auf einem Besen suchend von Haus zu Haus, bringt Geschenke oder bestraft und spukt herum. Heute gilt sie in Italien in erster Linie als gute Fee. Befana ist ein etwas missglückter Versuch, eine der Weißen Frauen zu christianisieren, könnte man sagen.

Auch in Tirol wurden in vorchristlicher Zeit Weiße Frauen verehrt: Die Fee vom Sonnwendjoch und die „Frau Hertha“ vom Rofangebirge oder Achensee waren die Tiroler Parallelgestalten der Frau Holle und der Frau Perchta. Nicht zufällig wohnt die Fee in einem unterirdischen See auf dem Sonnwendjoch. Dort versorgt sie die Fische, die der Sage nach die Seelen der Verstorbenen in sich tragen. In vorchristlicher Zeit, aber auch in der Sagenwelt gelten Kröten, Fische und Mäuse als „Seelentiere“. Von Frau Hertha wird erzählt, dass sie im Frühling mit einem von Ochsen gezogenen Wagen vom Sonnwendjoch kommend durch den Achensee fährt und Leben und Fruchtbarkeit zurückbringt.

Liebe Grete, heute ist der 27. Dezember und ich habe schon zwei Waschmaschinen voll Wäsche gewaschen und aufgehängt. Ich halte mich also nicht an den Brauch, habe mich auch nie daran gehalten und die letzten 18 Jahre hatten wir dennoch keinen Sterbefall in der Familie. Irgendwann wird in unserer Familie jemand sterben, so viel ist sicher. Das wird aber nicht am Wäschewaschen liegen, das bringt das Leben ganz von selbst mit sich. Wohl aber schau ich, dass ich in diesen Tagen ein wenig zur Ruhe komme. Auch wenn es langsam wieder heller wird, spüre ich, dass die dunkle Jahreszeit mich dazu zwingt, einen oder zwei Gänge hinunter zu schalten. Das haben wohl schon die alten Germanen gespürt und sich danach verhalten, schließlich hatten sie damals noch keine Waschmaschinen und Wäschetrockner.

Herzliche Grüße,
Christine

PS: Wenn du mehr über das ganze Thema wissen willst, schau dir doch vielleicht das Buch „Schwester Tod. Weibliche Trauerkultur, Abschiedsrituale, Gedenkbräuche und Erinnerungsfeste“ von Erni Kutter an.