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So genannte
Übergangsobjekte

Von Christine Pernlochner-Kügler | Übergangsobjekte helfen Kindern und Erwachsenen in der schweren Zeit der Trauer, indem sie Nähe zum Verstorbenen herstellen.

Liebe Christine,

meine Mutter ist vor einigen Monaten gestorben. Wir hatten ein sehr inniges Verhältnis zueinander und haben vieles gemeinsam unternommen. Wir haben vor ihrem Tod nicht darüber gesprochen, aber ich denke, sie würde sich freuen, wenn ich ihre Kleider trage. Hin und wieder sind wir auch gemeinsam einkaufen gegangen — und ich habe schöne und auch lustige Erinnerungen an unsere Shopping-Touren. Meine Freundinnen reagieren nun total entsetzt, dass ich die Kleider meiner Mutter zur Arbeit anziehe. Diese Reaktion hat mich total verunsichert. Einerseits bin ich jetzt grantig, dass ich mich so schnell verunsichern lasse — andererseits bin ich fast ein bisschen zornig darüber, wie mich meine Freundinnen bevormunden… Findest du, dass meine Freundinnen übertreiben? Findest du, es ist geschmacklos, die Kleider meiner Mutter (jetzt schon?) zu tragen?

Liebe Grüße!
Marion

Liebe Marion,

zunächst einmal frei nach Gertrude Stein: Ein Kleid ist ein Kleid ist ein Kleid ist ein Kleid… Dinge sind einfach, was sie sind. Ein Kleid ist einfach ein Kleid und als solches möchte es getragen werden. Hast du deine Freundinnen gefragt, was sie vorschlagen, was du mit den Kleidern überhaupt tun darfst? Solltest du sie einmotten? Wäre das der angemessene Umgang mit den Habseligkeiten deiner verstorbenen Mutter? Wann wäre denn nach der Auffassung deiner Freundinnen der richtige Zeitpunkt, die Kleider tragen zu dürfen? In einem Jahr, in zwei Jahren oder erst wenn sie aus der Mode sind? Gibt es überhaupt einen passenden Zeitpunkt, diese Kleider zu tragen? Oder meinen deine Freundinnen, dass du die Kleider überhaupt nicht tragen sollst? Was aber dann damit tun? Sie in den Wams-Container stecken und hoffen, dass jemand anderer sie tragen und sich hoffentlich darüber freuen wird? Aber ist es stimmiger, wenn eine fremde Frau die Kleider deiner Mutter trägt?

Nein, nein, du tickst schon richtig! Du tust das Naheliegende, weil ein Kleid ein Kleid ist und getragen werden möchte, und weil die Kleider deiner Mutter eben nicht nur Kleider sind, sondern darüber hinaus noch eine weitere Funktion haben: Sie sind so genannte „Übergangsobjekte“. Übergangsobjekte helfen Kindern und Erwachsenen in der schweren Zeit der Trauer, indem sie Nähe zum Verstorbenen herstellen. Dadurch spenden sie Sicherheit und Trost, wenn der Verlust besonders schmerzt. Sie begleiten einen durch die schwere Zeit, wenn der Verstorbene es selbst nicht mehr tun kann. Du hattest eine innige Beziehung zu deiner Mutter, daher ist der richtige Zeitpunkt, ihre Kleider zu tragen, genau dann, wenn dir danach ist. Und meistens sind Übergangsobjekte in den ersten Monaten bzw. Jahren besonders hilfreich, weil einem der Verstorbene in dieser Zeit besonders fehlt.

Es ist schon merkwürdig, was unsere Gesellschaft für einen verkorksten Umgang mit Tod und Trauer hat. Es scheint fast so, als dürfte man nach einem Todesfall in der Familie nichts mehr Normales, nichts mehr Naheliegendes tun, und es scheint so als wäre das Komplizierte, Verkopfte genau das Richtige.

Ich hatte aber schon Erlebnisse mit viel „verrückteren“ Übergangsobjekten. Einmal kamen die erwachsenen Kinder eines verwitweten Mannes ganz verunsichert zu mir und meinten: „Der Papa wird verrückt! Er kann die Kuchenbrösel von der Mama nicht wegwerfen!“

Die 83-jährige „Mama“ war vier Wochen zuvor plötzlich beim nachmittägigen Sonntagskaffee in der Küche vor ihrem Kuchenrest an einem

Lebenswert

Herzstillstand gestorben. Von da an hat der Vater das Kaffeegeschirr samt Brösel an ihrem Platz stehen lassen. Die Kinder waren sehr besorgt über den psychischen Zustand des Vaters und gaben an, Angst vor Ungeziefer zu haben.

Auf meine Frage, welches Ungeziefer sich denn bisher gezeigt hätte, meinten sie: Gar keines, die Kuchenbrösel seien eingetrocknet. Auch sonst hielt der Vater mit Unterstützung einer Haushaltshilfe die Wohnung gut in Schuss und zeigte keine Anzeichen von Verwahrlosung. Die Angst vor Ungeziefer war also vor das eigentliche Problem geschoben worden: Es gehört sich einfach nicht, Geschirr so lange stehen zu lassen. Und: Der Anblick der Brösel erinnerte die Kinder an das traumatische Ereignis. Ob sie die Brösel einfach wegwerfen und das Geschirr waschen sollten, war ihre Frage. Ich habe geantwortet, sie sollen sie doch einfach einmal lassen und dem Vater etwas Zeit geben, er werde den richtigen Zeitpunkt schon selber finden. Vier Wochen später hat der Vater, das Geschirr dann von selbst weggeräumt. Er hat es als Übergangsobjekt gebraucht als Verbindung zu seiner Frau. Es war ihm unerträglich den leeren Platz am Küchentisch zu sehen, und mit den Kuchenresten hätte er gleichsam seine Frau aus der Wohnung geworfen.

In einem anderen Fall behielt eine Mutter die verschmutzte und blutige Kleidung ihres bei einem Unfall verstorbenen Kindes und bewahrte sie in einem Plastiksackl auf. Immer wieder zog sie sich mit der Kleidung zurück, um daran zu riechen und mit ihr zu kuscheln. Sie war beim Unfall nicht dabei und es quälte sie im ersten Jahr die Frage, ob es wohl hoffentlich schnell gegangen war. Sie phantasierte, dass es, wenn ihr Kind Schmerzen gehabt hätte, wichtig gewesen wäre, bei ihm zu sein. Das Kuscheln mit der Unfallkleidung war für sie ein nachträgliches Anteilhaben. Die Abstände, in denen sie die Kleidung hervorholte, wurden mit der Zeit länger.

Wie man sich im Trauerfall zu verhalten hat, was man tun und lassen darf, dafür sollten wir uns gegenseitig keine Vorschriften machen. Jeder Betroffene muss seine Bewältigungsstrategien selbst ausprobieren und finden dürfen. Was dem einen hilft, mag für den anderen nicht passend sein. Manche Strategien sind nachvollziehbarer als andere, manche erscheinen sogar ein wenig verrückt. Erlaubt ist, was nicht wirklich schadet. Mit Geduld und Toleranz legen sich Auffälligkeiten meist von alleine. Und wenn einem ein bestimmtes Verhalten komisch vorkommt, dann kann man ja einfach nachfragen, warum sich jemand so verhält.

Gefährlich und krankhaft wird Trauer erst dann, wenn Betroffene ohne Unterbrechung in eigenartigen oder depressiven Verhaltensweisen fixiert bleiben. Sorgen machen müssten sich Angehörige also, wenn sich die Mutter nur mehr mit der Kleidung des Kindes beschäftigt, sich in dauernden Schuld-Phantasien ergeht, den Alltag darüber nicht mehr bewältigen kann und keine besseren Phasen dazwischen hat. Sorgen machen müssen sich Kinder, wenn der verwitwete Vater apathisch vor den Kuchenbröseln sitzen bleibt, sich selbst und die Wohnung vernachlässigt und am Leben dauerhaft nicht mehr teilnimmt. Sorgen müssten sich, liebe Marion, deine Freundinnen nur dann machen, wenn sie feststellen würden, dass dir das Tragen der Kleidung deiner Mutter keine Freude macht, weil du die Kleidung zwanghaft trägst, etwa aus einem Schuldgefühl heraus oder weil du Angst hast, dass dir Schlimmes passieren könnte.

Solange eine Strategie oder ein Verhalten Trost schenkt oder die Situation erleichtert, solange man bei einem Trauernden feststellen kann, dass er neben den Schmerzphasen auch gute Phasen hat, in denen er sich erholen kann, und solange ein Trauernder seinen Alltag einigermaßen gut bewältigt und sich nicht dauerhaft isoliert, kann man so manche Verrücktheit einfach sein lassen.