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Scheintod: Wie drei Lottosechser

Von Christine Pernlochner-Kügler | Niemand muss Angst davor haben, lebendig begraben zu werden.

Erika schreibt: Liebe Christine,

muss man heute noch Angst vor dem Scheintod haben? Meine Schwiegermutter hat solche Angst und ich eigentlich auch. Man hört ja doch immer wieder was. Vor ein paar Monaten hab ich von einem Vorfall in Südamerika gelesen, wo ein „toter“ Junger Mann nach drei Tagen wieder aufgewacht ist.

Liebe Erika!

Die Angst vor dem Scheintod gibt es in der heutigen Bevölkerung tatsächlich noch, sie ist bei uns jedoch gänzlich unbegründet: Das moderne medizinische Know-how im Zusammenwirken mit unserem Sprengelarzt-System verhindert es, dass Menschen zu früh zur Bestattung freigegeben werden. Was über die Medien aus Südamerika berichtet wird, kann man nicht auf Europa übertragen – und ich würde den Wahrheitsgehalt solcher Storys schon auch stark anzweifeln.

Wenn ein Mensch verstorben ist, muss nach dem Gesetz umgehend auch der Sprengelarzt – in Innsbruck der Amtsarzt – verständigt werden, und zwar auch dann, wenn ein Notarzt die Reanimationsmaßnahmen abbricht und den Tod feststellt. Der Sprengelarzt bzw. Amtsarzt ist Kontrollorgan. Er hat die Aufgabe, durch die Totenbeschau noch einmal zu überprüfen, ob der Tod sicher eingetreten ist und den Tod amtlich zu bescheinigen. Er gibt den Verstorbenen dann entweder zur Bestattung frei oder veranlasst bei

Lebenswert

unklarer Todesursache eine Obduktion. Amts- bzw. Sprengelärztinnen und -ärzte kommen in der Regel erst einige Stunden, nachdem sie verständigt wurden, da die so genannten sicheren Todeszeichen erst zeitverzögert nach dem Sterben eintreten. Für die sichere Feststellung des Todes muss mindestens ein sicheres Todeszeichen vorhanden sein. Sichere Todeszeichen sind Leichenstarre, Totenflecken, Verwesung oder mit dem Leben nicht vereinbare Verletzungen. Kälte, fehlende Atmung, fehlender Puls, Blässe, fehlende Reflexe etc. sind übrigens keine sicheren Todeszeichen!

Auch unsere Bestatterinnen und Bestatter werden ausgebildet, die sicheren Todeszeichen zu erkennen und sind während der Tätigkeit des Einbettens in den Sarg angehalten, sich vom Vorhandensein dieser sicheren Todeszeichen zu überzeugen. Weiters sind sie dazu verpflichtet, jegliche Auffälligkeiten umgehend an die entsprechenden Stellen zu melden.

Ich habe vor dem Scheintod gar keine Angst, und das heißt, du und deine Schwiegermutter müsst wirklich auch keine haben. Ein Innsbrucker Gerichtsmediziner hat einmal gesagt: „Lebendig in einem Sarg zu landen, ist heutzutage so wahrscheinlich wie drei Lottosechser hintereinander.“

Alles Liebe,
Christine