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Trauer und
Demenz

Von Christine Pernlochner-Kügler | Es ist unsere moralische Pflicht, Familienmitglieder nicht aus Trauerfeierlichkeiten auszuschließen, auch wenn sie dement oder geistig behindert sind.

Vroni schreibt: Liebe Christine, meine Tante ist gestorben, und jetzt sind wir unsicher, ob wir meine hochbetagte und demente Mutter mit zur Beerdigung nehmen sollen. Ich glaube ja, dass sie eh nichts mitkriegt. Wir haben ihr zwar gesagt, dass die Irmi gestorben ist, aber sie hat es gleich wieder vergessen. Schlimmstenfalls bringt sie das noch mehr durcheinander, wenn wir sie zur Beerdigung mitnehmen. Die Pflegerin im Altersheim sagt aber, dass wir sie unbedingt mitnehmen sollen. Was meinst du?

Liebe Vroni!

Bitte nimm deine Mutter unbedingt mit zur Feier! Es ist ja immerhin ihre Schwester gestorben. Ich finde, es ist unsere moralische Pflicht, Familienmitglieder nicht aus Trauerfeierlichkeiten auszuschließen, auch wenn sie dement oder geistig behindert sind. Man kann vorher nie sagen, was demente Menschen mitbekommen und was nicht. Mitunter haben sie helle Phasen, und oft tut sich zwischendurch unvermutet durch ein altes, vertrautes Ritual oder durch ein altbekanntes Gebet ein Fenster auf und sie begreifen plötzlich, was vor sich geht.

Ich hatte vor kurzem ein Erlebnis mit Zwillingsschwestern, die sich ein Zimmer im Altersheim teilten. Eine der beiden starb, die andere saß am Bett der Verstorbenen und fragte mich immer wieder, was denn passiert sei, warum ihre Schwester denn so kalt ist. Ich erklärte ihr immer wieder, dass ihre Schwester verstorben ist. Die alte Dame vergaß es im selben Augenblick wieder und fragte aufs Neue. So ging das einige Zeit, immer wieder reagierte Frau H. mit Erschrecken, Tränen und neuerlichem Vergessen. Bis wir die Dame schließlich zum Abendessen hinausbrachten, wo sie glücklich ihren Pudding löffelte, als wäre nichts geschehen.

Die Tage bis zur Urnenbeisetzung verbrachte die alte Dame in „seliger Umnachtung“, hatte ihre Freude an den Spazierfahrten im Rollstuhl mit den Pflegerinnen und war bei gutem Appetit. Jeden Abend, wenn sie ins Bett gebracht wurde, merkte

Lebenswert

sie aber, dass das Bett ihrer Zwillingsschwester leer war. Auf die Frage, wo die Schwester denn sei, erklärte man ihr aufs Neue, dass die Schwester verstorben ist. Frau H. reagierte immer mit Fassungslosigkeit, Tränen und jähem Vergessen.

Warum hat man der alten Frau nicht einfach erzählt, ihre Schwester sei kurz aus dem Zimmer gegangen?

Ganz einfach, weil auch demente Menschen ein Recht auf die Wahrheit und ein Recht auf Trauer haben. Trauer ist gesund, Tränen erleichtern, und in den hellen Momenten des Realisierens konnte Frau H. trauern und weinen – und zwar gerade so viel, wie es gut für sie war.

Die Johanniter brachten Frau H. dann zur Trauerfeier auf den Friedhof. Zunächst hatte die Dame keine Ahnung, wo sie war. Aber als sie die Urne und das Foto ihrer Schwester erblickte, realisierte sie augenblicklich, was geschehen war, weinte bitterlich und sprengte Weihwasser auf die Urne ihrer Schwester. Bei der Feier selbst stellte sich der Priester vor die Urne und nahm Frau H. die Sicht. Diese vergaß augenblicklich wieder, wo sie war, strahlte während des Vaterunsers übers ganze Gesicht und betete inbrünstig mit.

Als der Pfarrer einen Schritt zur Seite machte und Frau H. die Urne und das Foto ihrer Schwester wieder sehen konnte, erkannte sie sofort, was los war und begann von neuem zu weinen.

Demente Menschen kennen die vertrauten Trauerrituale und Gebetsformeln von Kindheit an. Dadurch tun sich dann oft Fenster des Erkennens und Realisierens auf, und es entsteht genau so viel Raum für den Ausdruck von Trauer, wie es für sie hilfreich, gut und entlastend ist. Und selbst wenn ein alter und dementer Mensch gar nichts mitbekommen sollte, dann haben wir ihm wenigstens die Chance gegeben, sich zu verabschieden, wir haben ihn eingebunden in eine familiäre Feier und als Teil der Familie behandelt.

Alles Liebe und nur Mut!