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Das Sommerloch der Trauer

Von Christine Pernlochner-Kügler | Es ist ratsam, auch von der Trauer einmal Urlaub zu machen.

Linda schreibt: Liebe Christine, im vergangenen Herbst ist mein Mann verstorben. Ganz plötzlich, es war ein Herzinfarkt. Die Kinder sind aus dem Haus, sie haben ihre eigenen Familien. Ich habe die dunkle Zeit überlebt, hab’ Weihnachten hinter mich gebracht und geglaubt, in der hellen Jahreszeit wird es leichter. Von wegen! Der Frühling war schon schlimm, das blühende Leben und mittendrin ich, eine lebendige Leiche. Und wie soll ich jetzt den Sommer überstehen, wenn alle weg sind!?

Liebe Linda!

Es ist wie du sagst: Für Trauernde stellt gerade auch der Sommer eine schwierige Zeit dar. Es ist zwar heller und dadurch fallen bestimmte Dinge leichter, weil unser Antrieb durch das Licht gesteigert wird. Aber: Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen sind im Urlaub, und in der eigenen Freizeit merkt man noch deutlicher als sonst, wenn der Partner fehlt. Allein in den Urlaub zu fahren, ist nicht jedermanns Sache, gerade, wenn man immer zu zweit unterwegs war. Einsamkeit stellt sich ein. Außerdem neigt man in der Freizeit dazu, geregelte Tagesstrukturen zu lockern oder aufzulösen, und Betroffene haben oft keine Strategien parat, wie sie diese Zeit gestalten können. Es gibt auch kein Patentrezept für diese Tage, die Bewältigungsstrategien sind abhängig vom Sterbefall, vom jeweiligen sozialen Umfeld und natürlich vom Trauernden selbst.

Gesunde Trauer verläuft in Wellen. Es gibt Wellen des Schmerzes, aber auch „gute Tage“. Wenn man also einmal nicht traurig ist, vielleicht sogar lachen kann, braucht man keine Schuldgefühle zu haben: Nutz diese Zeit, genieße sie – und wenn es nur Augenblicke sind! Der Körper hat in den Erholungsmodus geschalten, er rüstet sich für die nächste Welle und schöpft Kraft für die weitere Trauerarbeit.

Struktur gibt Sicherheit: Hilfreich für die Sommerzeit ist es, Strukturen aufrechtzuerhalten beziehungsweise die Urlaubswochen gut zu strukturieren und zu planen. Wer sich planlos hineinfallen lässt und wartet, was geschieht, kann leicht in einen emotionalen Sog geraten, der nur mehr hinunter und ins Negative führt. Wer für jede Woche „einen Plan“ hat und diesen auch einhält, kann dieses Risiko reduzieren.

Planen sollte man einerseits die alltäglichen Dinge des Lebens – die Mahlzeiten, Spaziergänge oder Hausarbeiten: An diese Regelmäßigkeiten

Lebenswert

sollte man sich unbedingt halten, denn Struktur vermittelt Sicherheit und reduziert das Gefühl von Verlorenheit und Haltlosigkeit.

Anbindung an andere Menschen suchen: Auch die Anbindung an das soziale Netz sollte bewusst gestaltet werden: Wer ist wann nicht im Urlaub? Wann könnte man wen treffen oder einladen? Welche Veranstaltungen kann ich besuchen? Welches Konzert oder Open-Air-Kino ist für mich erreichbar? Mit wem könnte ich dort hingehen?

Zeiträume für bewusste Trauer: Planen kann man aber auch die Zeiträume für bewusste Trauer und auch bewusste Erholung von der Trauer. Eine betroffene Mutter hat im Laufe der letzten Jahre ihre eigene Strategie gefunden: „Ich fahre im Sommer zwei Wochen ganz bewusst weg und mache Urlaub von der Trauer. Ich flüchte nicht, ich trauere ja, gehe regelmäßig in eine Trauergruppe. Aber ich gönne mir auch Verschnaufpausen. Zu meiner verstorbenen Tochter sage ich dann: Tschüss, ich mach Urlaub, wir treffen uns dann danach wieder. Das sagen zu können, das geht nicht von heute auf morgen, ich habe das über die Jahre gelernt und inzwischen funktioniert es.“

Licht tanken: Halte dich viel im Freien auf, am besten in Verbindung mit Bewegung. Unser Körper produziert dadurch Serotonin, was unser Wohlbefinden steigert und die Stimmung hebt. Wenn unser Serotoninspeicher voll ist, dann übertauchen wir auch die lichtarme Zeit im Herbst und Winter besser.

Trau dich zu reisen: Seit einigen Jahren werden auch Urlaubsreisen speziell für Trauernde angeboten. Trauernde können mit Menschen, die gerade Ähnliches durchmachen, erholsame Tage genießen. Die Reisen werden von erfahrenen Trauerexperten begleitet, die darauf achten, dass sowohl

Trauer und Austausch als auch Ablenkung, Erholung und Lachen Platz haben. Hier einige Anbieter, vielleicht ist ja was für dich dabei:www.reiseinsleben.de, www.traudichreisen.de, www.zeit-trauer-raum.de.

In diesem Sinne wünsch ich dir, dass dir ein paar erholsame Tage gelingen mögen und dass neben der wichtigen Trauerarbeit auch ein bisschen Urlaub von der Trauer möglich ist!

Alles Liebe Christine