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Wann wieder arbeiten gehen?

Von Christine Pernlochner-Kügler | Tatsache ist, dass trauernde Menschen Schutz brauchen.

Horst schreibt: Liebe Christine, eine meiner Mitarbeiterinnen hat einen sehr tragischen Todesfall in der Familie. Selbstverständlich habe ich sie sofort freigestellt. Ich habe ihr gesagt, sie kann sich nach der Beerdigung ruhig noch frei nehmen bzw. in den Krankenstand gehen. Ich glaube, dass es für sie zu früh ist, zur Arbeit zu kommen und wieder Vollzeit zu arbeiten. Jetzt hat sie mir aber mitgeteilt, dass sie gleich nach dem Begräbnis wieder arbeiten will. Ich weiß nicht, ob das gut ist, und wir in der Firma sind auch unsicher, wie wir mit ihr dann umgehen sollen.

Lieber Horst,

Super, dass du dir so viele Gedanken machst, ich weiß, dass das nicht unbedingt selbstverständlich ist. Tatsache ist, dass trauernde Menschen Schutz brauchen, und auch, dass sie im Berufsleben nicht sofort wieder 100 Prozent geben können, da Trauerarbeit viel Energie fordert. Wir wissen heute allerdings auch, dass es gut ist, wenn Trauernde durch eine möglichst baldige Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess Struktur und Halt finden. „Zur Arbeit“ oder „in die Schule gehen“, heißt ja auch, sich dadurch zumindest stundenweise von der Trauer distanzieren zu können: Trauer braucht Auseinandersetzung mit dem Verlust und Trauer muss ausgedrückt werden, Betroffene brauchen aber auch immer wieder Phasen der Ablenkung und Erholung.

Ich würde deiner Mitarbeiterin vermitteln, dass ihr euch freut, wenn sie wieder kommt, gleichzeitig würde ich ihr aber anbieten, dass sie einfach einmal probieren kann, ob sie es auch tatsächlich schafft, sofort wieder Vollzeit zu arbeiten. Wenn du es als Arbeitergeber anbieten kannst bzw. wenn es die Betriebsstruktur zulässt, dann wäre für deine Mitarbeiterin vielleicht auch hilfreich, wenn du ihr vorübergehend ein Teilzeit-Modell anbietest, bei dem sie langsam und gleitend wieder einsteigen kann. Dann hat sie durch den Job Ablenkung, Struktur und ein Stück Normalität einerseits, andererseits wird sie nicht überfordert.

Wie mit ihr umgehen? Das würde ich sie ganz einfach offen fragen! Frag sie, was sie von dir als Chef braucht bzw. erwartet und was von den Kollegen und Kolleginnen. Frag sie, ob sie

Lebenswert

grundsätzlich über den Trauerfall reden will und wenn ja, in welcher Form oder bei welcher Gelegenheit. Soll man sich gleich, wenn sie kommt, im Team zusammensetzen, oder möchte sie nicht im Rahmen der Gruppe reden, sondern mit einzelnen KollegInnen, wenn es sich gerade ergibt. Vielleicht will sie aber auch einfach in Ruhe gelassen werden, eben weil sie bei der Arbeit nicht erinnert werden möchte.

In jedem Fall solltest du als Chef und solltet ihr als Team Gesprächsbereitschaft signalisieren, ohne dass die betroffene Mitarbeiterin zum Reden gedrängt wird. Viele Menschen haben Angst vor Gesprächen mit Trauernden, weil sie sich unsicher fühlen und nicht wissen, was sie sagen sollen. Das Wichtigste ist: zuhören! Betroffene wollen drüber reden, weil es ihnen guttut, ihren Kummer, ihren Schmerz und das Erlebte auszudrücken und nicht, weil sie sich Ratschläge erwarten oder gar Trost. Trösten kann man sowieso nicht. Aber man kann da sein, zuhören und aushalten. Wenn man nicht weiß, was man sagen oder antworten soll, einfach zugeben, dass man sich selbst unsicher fühlt und fragen, ob man für die betroffene Person irgendetwas Bestimmtes tun kann.

In jedem Fall gute Ratschläge und auch Killerphrasen vermeiden! Killerphrasen sind z.B. „Das wird schon wieder!“, „Die Zeit heilt alle Wunden!“, „Du hast ja noch zwei Kinder!“ etc. Wichtig ist auch: Geduld haben! Ich weiß ja nicht, wer in der Familie deiner Mitarbeiterin verstorben ist, aber wenn es der Partner oder das Kind ist oder ein anderes ihr sehr nahestehendes Familienmitglied, dann ist Trauer nicht nach einem Jahr vorbei. Die meisten Trauernden brauchen zwei bis drei Jahre, bis sie sich wieder neu orientieren können. Das heißt jetzt am Anfang erscheint euch der Beginn der Zusammenarbeit nach diesem Ereignis als große Herausforderung, erfahrungsgemäß ist die große Herausforderung aber eigentlich, die Trauer über einen langen Zeitraum auszuhalten und sie der betroffenen Person dann auch zuzugestehen.

Gutes Gelingen, viel Kraft und Geduld dir
und deinen MitarbeiterInnen wünscht
Christine