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Die Sache mit der Auferstehung

Von Christine Pernlochner-Kügler | Wenn Opa gleichzeitig unter der Erde und im Himmel ist.

Martin (34) schreibt: Liebe Christine, nach dem Tod meines Vaters konnte unser vierjähriger Sohn nachts nicht mehr gut schlafen. Eines Abends nach der Gute-Nacht-Geschichte haben wir dann auch herausgefunden, warum: Max erzählte, dass er Angst hat, dass der Opa das Himmelszelt zerreißen und mit den anderen Toten wieder auf die Erde herunterfallen könnte. Wir hatten Max nämlich erzählt, dass Opa nun bei Oma und allen anderen Verstorbenen im Himmel ist. Nur haben wir nicht mit derart krassen Phantasien unseres Sohnes gerechnet: Mein Vater war nämlich ein sehr dicker Mann und deshalb meinte Max, dass das Himmelszelt unter seinem Gewicht leicht reißen könnte. Aus unserer Erklärung mit tröstlicher Absicht wurde letztendlich eine Angstphantasie. Wie hätten wir Max sonst erklären sollen, wo sein Opa jetzt ist?

Lieber Martin,

Auch wenn euch die Phantasie eures Sohnes krass erscheint, glaub mir, sie ist ganz normal. Solche Vorstellungen entstehen, weil der Tod für Kinder einfach schwer zu begreifen ist und sie sich aus verschiedensten Informationen eigene Antworten und Vorstellungen bilden. Kinder verstehen bildhaft Gesprochenes wörtlich: Das „Himmelszelt“ kommt in Märchen und Kinderliedern vor, sie stellen sich den Himmel dann wirklich als Zeltdach vor und natürlich wissen Kinder bald einmal, dass so ein Zeltdach nicht besonders stabil ist und reißen kann.

Für Kinder ist die Vorstellung, dass der Körper am Friedhof und die Seele zugleich im Jenseits sein kann bis ins Volksschulalter hinein nicht wirklich nachvollziehbar. Wenn ein Mensch verstorben ist, ist er also entweder unter der Erde oder aber an einem anderen Ort. Eigentlich ist das völlig logisch, denn wir machen jeden Tag die Erfahrung, dass wir nicht an zwei oder mehreren Orten gleichzeitig sein können.

Dass der Körper stirbt, wenn die Organe nicht mehr funktionieren, können Kinder ab dem 4. Lebensjahr zwar verstehen, da sie die Endgültigkeit des Todes aber nicht wirklich begreifen können, stellen sich Kinder die Toten zwar tot vor, aber eben doch nicht ganz: Mich hat z. B. ein Vorschüler einmal gefragt, wie tote Menschen im Sarg Luft bekommen und wie sie aufs Klo gehen. Aus dem Todesverständnis von Kindern entstehen leicht Angstphantasien: Tote leben unter der Erde weiter, sie fürchten sich, weil es dort dunkel ist, es ist ihnen kalt oder langweilig, weil sie eben nur „halbtot“ vorgestellt werden können.

Viele Religionen bieten den Leib-Seele-Dualismus als tröstliche Vorstellung an: Der Körper ist tot, er ist der vergängliche Teil unserer Identität, er ist nur die Hülle, diese übergibt man der Erde oder dem Feuer. Ein zweiter Teil unserer Identität – Seele genannt – ist unsterblich, sie löst sich vom Körper und lebt weiter – z.B. im Himmel.

Eine schöne Vorstellung, allerdings für Kinder bis ins Volksschulalter hinein nicht nachzuvollziehen, weil viel zu abstrakt und weil so gänzlich im Widerspruch zu unseren konkreten alltäglichen Erfahrungen. Auch Antworten, die einen Himmel versprechen, in dem alles gut und wunderschön ist, sind nicht unbedingt hilfreich. Dieses Versprechen steht in krassem Widerspruch zu den allgemein zu

Lebenswert

beobachtenden Trauerreaktionen. Wenn es einen Himmel gibt, warum sind dann alle so traurig? Woher soll man wissen, wie es im Himmel ist, wenn doch niemand jemals dort war? Solche Behauptungen werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten, vor allem in einer Gesellschaft, in der eine Vielzahl von Vorstellungen diesbezüglich nebeneinander existieren. Kinder bekommen diese Vielzahl an Vorstellungen sehr viel früher mit, als wir meinen. Wichtig ist es, authentisch das zu vermitteln, was man selber glaubt. Und wenn man sich nicht sicher ist, was danach kommt bzw. ob überhaupt etwas kommt, so kann man das einem Kind sehr wohl vermitteln und auch zumuten.

Nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen den Leib-Seele-Dualismus, ja, ich möchte sogar selbst gerne daran glauben, wenn ich ehrlich bin. Ich bin mir halt nur nicht sicher.

Sicher bin ich mir aber: Wenn dieser Glaube Kindern vermittelt wird, dann sollten wir versuchen ihn so zu formulieren, dass er auch verständlich ist. Hier ein Versuch: Der Körper ist das, was man sehen und anfassen kann. Die Seele ist die Lebendigkeit in uns: Das Riechen, das Schmecken, das Fühlen, das Lachen, das Spüren, das Sehen, das Denken, die Bewegung …
Wenn jemand stirbt, ist nur noch der tote Körper da, ohne Lebendigkeit darin. Den Körper beerdigen wir. Die Lebendigkeit, geht … in den Himmel/in ein neues Leben/zu Gott. Hier können Eltern jeweils gut das einsetzen, was ihrer Weltanschauung entspricht.

Ich finde, man sollte authentisch das vermitteln, was man selber glaubt, nur dann wirkt man auch glaubhaft. Heute muss man Kindern auch vermitteln, dass es unterschiedliche Vorstellungen davon gibt, wie es nach dem Tod weitergeht. Wenn man sich nicht sicher ist, was danach kommt bzw. ob überhaupt etwas kommt, so kann man das einem Kind sehr wohl zumuten. Kinder dürfen ruhig die Erfahrung machen, dass Erwachsene nicht immer alles wissen und dass es Fragen gibt, auf die es keine gesicherten Antworten gibt.

Wie kann man aber Angstphantasien bei Kindern verhindern? Wahrscheinlich gar nicht, denn wir können nicht kontrollieren, was in ihren Köpfen entsteht. Und das ist auch gut so! Ihre Fragen ehrlich beantworten und genau hinhören, was Kinder fragen und erzählen, ist aber wichtig. Wenn Fragen auftauchen, vor allem solche, die wir vielleicht selber nicht so genau beantworten können, würde ich einmal nachfragen, wie sich das Kind selbst das vorstellt. Kinder haben ja bereits Hypothesen, wenn sie Fragen stellen, und aufbauend auf ihre Vorstellungen kann man krasse Phantasien korrigieren und ein realistischeres Bild zeichnen, das Ängste minimiert. Dass die Angst vor dem Tod nicht völlig genommen oder verhindert werden kann, weil der Tod Fragen aufwirft, die wir beim besten Willen nicht beantworten können, muss uns dabei klar sein. Es ist eine unserer Aufgaben im Leben mit dieser Angst leben zu lernen und diese Aufgabe beginnt sicher früher als wir es unseren Kindern wünschen. Aber: Kinder sind sehr viel stärker als wir glauben und es tut ihnen nicht gut, wenn man sie unter eine Schutzglocke stellt.

Alles Liebe und Gute
wünscht euch Christine

Quellen/Buchempfehlungen:
Ennulat, G.: Kinder trauern anders: Wie wir sie einfühlsam und richtig begleiten. (Herder spektrum) 9. Aufl. 2013.
Itze, U./Plieth, M.: Tod und Leben: Mit Kindern in der Grundschule Hoffnung gestalten (Auer) 2. Aufl. 2011.
Student, J.-Ch. (Hrsg.): Im Himmel welken keine Blumen. Kinder begegnen dem Tod. (Herder) 5. Aufl. 2000.