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Wegpacken oder aufbewahren?

Von Christine Pernlochner-Kügler | Ich bin einfach noch nicht bereit dazu, seine Sachen wegzugeben.

Klara schreibt: Liebe Christine! Mein Mann ist vor 14 Monaten gestorben und ich vermisse ihn sehr. In der letzten Zeit werde ich immer wieder von Leuten gefragt, ob ich die Sachen meines Mannes schon ausgeräumt habe. Diese Frage muss ich leider mit „Nein“ beantworten. Ich bekomme dann meist Angebote von Leuten, die mir dabei helfen wollen und nicht nachvollziehen können, warum ich seine Sachen genauso gelassen habe wie an seinem Todestag. Für mich ist das kein Thema, ich bin einfach noch nicht bereit dazu, seine Sachen wegzugeben, mir gäbe das ein Gefühl, als ob ich ihn aus unserem gemeinsamen Heim rausschmeißen würde. Ist das so falsch?

Liebe Klara,

Es gibt kein Patentrezept für den Umgang mit den persönlichen Dingen eines Verstorbenen. Für die einen ist es einfacher, die Sachen wegzupacken, weil die permanente Konfrontation mit den persönlichen Dingen den Bewältigungsprozess erschwert. Den anderen geben die persönlichen Dinge Halt und Sicherheit, weil sie eine direkte Verbindung zum Verstorbenen sind. Die meisten Trauernden brauchen übrigens lange, bis sie persönliche Dinge wegpacken oder entsorgen können. Da bist du also keine Ausnahme! Ich kenne viele Betroffene, die regelmäßig an der Kleidung des Verstorbenen riechen, ich kenne Eltern, die die blutige Kleidung ihres bei einem Unfall verstorbenen Kindes aufbewahren. Ich kenne einen Mann, der mehr als drei Monate brauchte, die Kuchenreste seiner Frau wegzuwerfen. Seine Frau starb plötzlich an einem Herzstillstand beim gemeinsamen Sonntagskaffee.

Trauerbewältigung heißt nicht, dass man jemanden loslassen oder „aus dem gemeinsamen Heim rauswerfen“ muss. Es geht sogar darum, in Verbindung zu bleiben: Man muss die Beziehung in eine Erinnerungsbeziehung umwandeln und einen neuen Platz für den Verstorbenen in seinem Leben finden. Dein Mann bleibt immer Teil deines Lebens, selbst, wenn du irgendwann einen neuen Mann haben solltest!

Lebenswert

Eines der wichtigsten Dinge, die man als Trauernder lernen muss, ist, dass man gar nichts tun muss, was andere von einem erwarten oder für gesund und richtig halten. Es geht um dich und um deine Bedürfnisse! Es gibt keine Patentrezepte in der Trauerbewältigung. Nur, wenn du merkst, dass du ununterbrochen im Trauerschmerz steckst und überhaupt keine Erholungsphasen dazwischen hast, solltest du deine Strategien überdenken.

Ich hab die Erfahrung gemacht, dass viele Trauernde überhaupt erst lernen müssen, ihre Bedürfnisse zu erkennen. Sie haben im Laufe ihres Lebens gelernt, das zu tun, was man von ihnen erwartet. Nach einem Todesfall muss man von vorne anfangen, sein Leben neu gestalten und sich neue Strategien aneignen. Dabei stößt man unweigerlich auf den Konflikt: Tu ich in Zukunft weiter das, was man von mir erwartet – oder tue ich in Zukunft das, was mir guttut? Diejenigen, die lernen, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu hören und zu tun, was ihnen guttut, die gehen gesund aus dem Prozess heraus und stellen fest, dass sie trotz Schmerz und Trauer einen wichtigen Schritt gemacht haben. Diejenigen, die weiterhin nach den Regeln der anderen funktionieren, haben große Schwierigkeiten, ihr Leben im positiven Sinne weiterzuleben und gesund zu bleiben.

Auf eigene Bedürfnisse zu hören, hat nichts mit Egoismus zu tun. Wenn wir auf unsere Bedürfnisse achten, dann achten wir darauf, dass es uns gut geht. Wenn es uns gut geht, sind wir verträglich und freundlich und haben auch eher Verständnis für Menschen, die eben andere Bedürfnisse haben. Man ist toleranter. Wenn wir eigene Wünsche und Bedürfnisse verleugnen oder ignorieren, dann tritt früher oder später ein Zustand ein, den wir als Frustration bezeichnen. Frustrierte Menschen sind ängstlich und/oder aggressiv, und dauernde Frustration führt dazu, dass wir an Lebensfreude verlieren. Also: Bleib dir selber treu und lass dir keinen Druck von außen machen!

Alles Liebe
Christine