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Trauerjahr – was darf man tun?

Von Christine Pernlochner-Kügler | Darf ich im Trauerjahr Tanzveranstaltungen besuchen?

Herlinde schreibt: Im Oktober ist meine Schwiegermutter nach langer Krankheit verstorben, eine für uns alle anstrengende, betreuungsintensive und traurige Zeit. Nun gibt es in unserer Familie unterschiedliche Auffassungen darüber, was man im Trauerjahr tun darf und was nicht. Da wir gerne tanzen, besuchen mein Mann und ich gerne Tanzveranstaltungen, jetzt im Fasching gibt es ja zahlreiche Möglichkeiten. Die Geschwister meines Mannes finden das aber völlig unpassend und sprechen immer wieder von der Einhaltung des „Trauerjahres“. Gilt das Trauerjahr heute überhaupt noch?

Liebe Herlinde!

Das „Trauerjahr“ ist auf die Römische Rechtssprechung zurückzuführen und war eigentlich lediglich die Frist, innerhalb derer eine Witwe nicht wieder heiraten durfte. In Deutschland galt nach dem alten Bürgerlichen Gesetzbuch eine Frist von zehn Monaten. Das österreichische Allgemeine bürgerliches Gesetzbuch beschränkte die Frist auf sechs Monate für die nichtschwangere Witwe. Die Frist konnte aber sogar auf drei Monate gekürzt werden, allerdings musste die Witwe dann auf einen eventuellen „Ehegewinn“ aus der früheren Ehe verzichten: Witwen erhielten nämlich nach dem Ableben ihres im Staatsdienst befindlichen Gatten noch ein weiteres Jahr dessen Bezüge.

Die Gesellschaft übernahm das ursprünglich juristische Konzept des Trauerjahres in den Moral-Kodex mit recht strengen konventionellen Vorschriften. Auch wenn das Trauerjahr aus rechtlicher Sicht stark gekürzt werden konnte, blieb die Einhaltung von strengen Regeln eine moralische Pflicht. Besonders Frauen wurden durch dieses Jahr nicht in erster Linie geschützt, sondern vielmehr stigmatisiert. Von Frauen wurde erwartet, dass sie sich an die Vorschrift hielten, schwarze Kleidung zu tragen. Sie sollten ihr Verhalten an das anpassen, was man gemeinhin von Trauernden erwartete, unabhängig davon, ob das ihren Bedürfnissen und Gefühlen wirklich entsprach.

Lebenswert

Das Trauerjahr galt für Männer zwar auch, sie trugen aber nach den Trauerfeierlichkeiten wieder normale Alltagskleidung – als Zeichen reichte die schwarze Armbinde. Männer gingen selbstverständlich weiter zu Arbeit und ihr Verhalten wurde nicht so streng beobachtet und bewertet.

Frauen wurden durch den Moral-Kodex in eine Inaktivität gezwungen, die für einen gesunden Trauerprozess sicher nicht förderlich war: Sie sollten nicht arbeiten, sich nicht amüsieren, an keinen Veranstaltungen teilnehmen, dunkle Kleidung tragen und ernst sein. Durch diese Stigmatisierung war die Gefahr der Isolierung und Vereinsamung groß. War das Jahr um, sollte dann aber auch die Trauer vorbei sein – da mussten die Trauernden es dann plötzlich gut sein lassen. Das funktionierte allerdings oft nur nach außen hin.

Tatsache ist, dass trauernde Menschen Schutz brauchen und auch, dass sie im Berufsleben nicht sofort wieder 100 Prozent geben können, da Trauerarbeit viel Energie fordert. Wir wissen heute aber auch, dass es gut ist, wenn Trauernde durch eine möglichst baldige Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess Struktur und Halt finden. „Zur Arbeit“ oder „in die Schule gehen“ heißt ja auch, sich durch die Arbeit zumindest stundenweise distanzieren zu können: Trauer braucht Auseinandersetzung mit dem Verlust und Trauer muss ausgedrückt werden, Betroffene brauchen aber auch immer wieder Phasen der Ablenkung und Erholung. Insofern soll jeder Mensch selber entscheiden dürfen, wann ihm eine Tanzveranstaltung oder Ähnliches wieder Spaß macht und guttut.

Innerhalb einer Familie sind also Toleranz und Akzeptanz wichtig: Akzeptanz denen gegenüber, die länger trauern als ein Jahr, da der Trauerprozess in den wenigsten Fällen nach einem Jahr abgeschlossen ist, Toleranz jenen gegenüber, die nicht so stark durch die Trauer betroffen sind und deren Leben schon viel eher wieder in normalen Bahnen verläuft.