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Explosion im Kremationsofen

Von Christine Pernlochner-Kügler | Die Einäscherung von fettleibigen Verstorbenen kann zu einer Explosion im Kremationsofen führen.

Claudia (aus Innsbruck) schreibt:

Hallo Christine!
Neulich hatte ich mit meinen Arbeitskollegen eine Diskussion. Ich habe behauptet, dass die Kremation eine saubere Sache ist, und mein Kollege meinte: Nicht immer, denn es sei ein Kremationsofen explodiert, weil es bei der Einäscherung eines adipösen Verstorbenen zu einer Fettverpuffung gekommen ist. Bei dieser Explosion seien alle Schadstoffe in die Umwelt gelangt. Stimmt das?

Liebe Claudia,
tatsächlich sind Verstorbene ab ca. 150 Kilogramm für normal dimensionierte Kremationsöfen gefährlich. Bei jeder Kremierung entzündet sich das Körperfett des Verstorbenen, das ist normal. Das Holz des Sarges und das Körperfett des Leichnams liefern sogar einen wesentlichen Anteil an Verbrennungsenergie. Wegen des stark erhöhten Fettgehalts brennen adipöse Körper aber so heiß, dass sich die Kremationsanlage überhitzen kann. Es kommt dann zu Kaminbränden, Überhitzung der Filteranlagen und Schmelzschäden.

An sich ist die Einäscherung tatsächlich eine saubere Sache, Schadstoffe werden ausgefiltert, an Sorbalit gebunden und entsprechend den Vorschriften entsorgt. Krematorien haben aber für technische Gebrechen ein Notfallprogramm, den so genannten Bypass-Betrieb: Das ist ein Notbetrieb, bei dem sich eine Klappe hinter dem Ofen öffnet, sodass die Abgase direkt in die Außenluft abgeleitet werden können. Die laufende Kremation kann im Bypass-Betrieb beendet werden. Danach wird die Anlage gewartet, sodass wieder störungsfrei und sauber kremiert werden kann.

Bypass-Betriebe kommen übrigens maximal einmal

Lebenswert

im Jahr pro Anlage vor und nicht immer sind fettleibige Verstorbene die Ursache. Richtig „explodiert“ ist durch fettleibige Verstorbene noch kein Ofen, allerdings gab es tatsächlich Verpuffungsunfälle: Im Krematorium Hamburg-Öjendorf kam es im Jänner 2008 zu einer Verpuffung aufgrund eines schwergewichtigen Mannes. Als dann auch noch die Bypass-Klappe klemmte, konnten die Abgase nicht über den Kamin entweichen und füllten das Gebäude. Die Feuerwehr war mit schwerem Atemschutz im Einsatz, da die gesamte Anlage schwer verqualmt wurde.

In Zittau erlitten im April 2013 aufgrund einer Verpuffung drei Mitarbeiter der Stadtwerke schwere Verbrennungen bei Reparaturarbeiten am laufenden Ofen. Weitere Vorfälle gab es im September 2009 im Krematorium Kempten im Allgäu und im Juni 2012 in Graz. Die Verstorbenen, welche zur Überhitzung der Anlagen und zu Bränden führten, wogen alle zwischen mehr als 150 und mehr als 200 kg. In Tirol gab es bisher keine derartigen Komplikationen.

Krematoriumsbetreiber gehen derzeit unterschiedlich mit der Problematik um: Manche weisen Verstorbene mit mehr als 160 Kilogramm ab, andere äschern stark Übergewichtige nur an Vormittagen ein, wenn der Schamott im Ofen über Nacht abgekühlt und noch nicht ganz erhitzt. Ein ungutes Gefühl gibt es aber immer.

In Bern gibt es mittlerweile ein spezielles Krematorium für stark übergewichtige Menschen. Auch das Krematorium Mainz ist für die Verbrennung von Verstorbenen inklusive Sarg bis zu einem Gewicht von 300 Kilogramm ausgerichtet, dennoch schaltete die Anlage im Jahr 2013 einmal auf Bypass und die Feuerwehr musste ausrücken.
Alles Liebe! Christine