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Nicht loslassen, nicht verdrängen

Von Christine Pernlochner-Kügler | Ist Trauer drei Jahre nach dem Verlust eines Kindes noch normal?

Michaela (32) fragt: Ich würde gerne wissen, wo die Grenze zwischen Loslassen und Verdrängen ist? Ich habe vor drei Jahren meinen damals vierjährigen Sohn verloren und alle sagen: „Du musst ihn endlich loslassen!“ Ich denke, wenn ich sagen würde: So, ab heute werde ich nur mehr positiv denken, nur mehr fröhlich sein, nur mehr nach vorne schauen, nicht mehr an ihn denken, dann ist das sicher ein Verdrängen, oder? Wie soll ich also loslassen, ohne zu verdrängen?

Liebe Michaela,
wenn Kinder sterben, bleibt die Mutter-Kind-Bindung ja trotzdem bestehen. „Loslassen“ ist also gar nicht möglich beziehungsweise heißt niemals, dass wir ein verstorbenes Kind vergessen sollen. Wie du richtig erkennst, geht das ja auch gar nicht.

Mein Bild dazu ist das Bild vom Drachen im Wind: Eltern tragen ihre Kinder wie einen Drachen an der Schnur, ganz egal, ob die Kinder am Leben sind oder gestorben.

Bei manchen Müttern und Kindern ist die Schnur sehr kurz: Das kann schön sein. Das kann aber auch anstrengend sein – vor allem für die Kinder, wenn die Mutter grundsätzlich nur eine sehr kurze Schnur vorgesehen hat und das Kind sich nicht frei entwickeln darf.

Bei manchen ist die Schnur so lang, dass man sich gerade noch im Blick hat und wenn’s einmal sehr stürmisch wird oder gar eine arge Flaute gibt, dann kann man ja die Schnur verkürzen und einander

Lebenswert

näher als sonst sein.

Wenn ein Kind stirbt, ist die Schnur so lang, dass man es nicht mehr sieht, aber über den Faden dennoch spürt. Trauerbewältigung nach dem Tod eines Kindes sieht nicht so aus, dass wir den Faden (die Bindung) loslassen oder gar durchtrennen sollen. Loslassen heißt hier vielmehr, dass man vielleicht irgendwann einmal akzeptieren kann, dass die Schnur einfach viel, viel länger ist als man das je gewollt hat.

Trauerprozesse dauern von Mensch zu Mensch unterschiedlich lange, und gerade wenn Kinder sterben, meist viele Jahre oder sogar ein ganzes Leben lang. Das bedeutet nicht automatisch, dass Trauer deshalb krankhaft ist. Gerade wenn ein Mensch stirbt, der einem sehr nahesteht, oder gar ein Kind, braucht es oft sehr lange, bis man den Schmerz und die Trauer so in sein Leben integriert hat, dass man „trotzdem“ wieder an Lebensqualität gewinnt. Lebensqualität heißt hier, dass du mit dem Schmerz zu leben lernst und die 3 L, nämlich das Lieben, das Lachen und die Leistungsfähigkeit allmählich wieder zurückkehren.

Wenn du also immer wieder auch gute Phasen hast, wenn du merkst, dass trotz des Verlustes deine Leistungsfähigkeit, die Freude am Leben und die Beziehungsfähigkeit zu anderen Menschen wiederkehren, obwohl du schmerzhafte Phasen hast und Trauer spürst, dann bist du auf einem guten, gesunden und auch normalen Weg.
Alles Liebe! Christine