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Neujahrswünsche nach Trauerfall?

Von Christine Pernlochner-Kügler | „Killerphrasen“ wirken zerstörerisch.

Barbara (51) schreibt: „Hallo Christine! Ich hab da eine Frage. Der Mann einer Nachbarin ist Ende November plötzlich verstorben. Jetzt ist es in unserer Hausgemeinschaft üblich, dass wir uns gegenseitig ein gutes neues Jahr wünschen, wenn wir uns über den Weg laufen. Aber kann man das nach so einem Trauerfall? Mir erscheint das unpassend, denn die Frau trauert sehr tief. Jetzt weiß ich nicht, wie ich mich verhalten soll und habe Angst diese Frau im Treppenhaus oder auf der Straße zu treffen.“

Liebe Barbara, wenn du unsicher im Umgang mit dieser Nachbarin bist, dann bist du sicherlich nicht alleine. Den meisten Menschen geht das so. Aus der Sicht der Trauernden stellt sich die allgemeine Unsicherheit aber so dar: Sie stellen fest, dass sich immer mehr Menschen vor ihnen zurückziehen, und das tut verdammt weh. Denn genau jetzt sind diese Menschen besonders auf ihr soziales Netz angewiesen!

Es gibt genau genommen zwei Fehler, die du machen kannst: Der eine Fehler ist eben der, dass du die Frau meidest, denn dann wird es für dich immer schwieriger, einen normalen Kontakt zu ihr zu halten, und sie spürt das. Die Folge ist, dass euer spontanes Aufeinandertreffen von Mal zu Mal merkwürdiger und gezwungener wird.

Der zweite Fehler ist, mit tröstender Absicht auf sie zuzugehen, denn in dieser Situation – besonders wenn Trauer noch ganz frisch ist – gibt es keine tröstenden Worte. Sogenannte „Trostphrasen“ wirken sogar besonders verletzend: „Das wird schon wieder!“ – „Du bist ja noch jung!“ – „Wer weiß, was ihm durch seinen Tod noch erspart geblieben ist…“ – „Die Zeit heilt alle Wunden.“ – „Der liebe Gott wird schon wissen, warum er ihn zu sich genommen hat.“ – „Du hast ja noch zwei Kinder“ – „Jetzt musst du stark sein!“ Das alles sind Sätze, die besserwisserisch und billig wirken, denen jegliches Einfühlungsvermögen fehlt und die an der Oberfläche bleiben. Wer solche Phrasen verwendet, versucht, eigene Unsicherheit, Unwissen oder fehlende Worte durch diese sogenannten „Killerphrasen“ zu überbrücken.

Lebenswert

„Killerphrasen“ nennt man diese Phrasen übrigens, weil sie die Beziehung zum Gegenüber zerstören. Leider sind sie weit verbreitet, weil viele Menschen nicht zugeben können, dass ihnen eben Worte fehlen und weil sie im Grunde genommen Angst davor haben, dass der trauernde Mensch wirklich von sich zu erzählen beginnt und dabei vielleicht auch noch in Tränen ausbricht.

Wenn du also deine Nachbarin im Treppenhaus oder wo auch immer treffen solltest, dann bleib ganz authentisch bei dem, was wirklich in dir vorgeht und sag ihr das auch. Das kannst du gut mit den Neujahrswünschen verknüpfen und einfach sagen, dass du nicht weißt, was du sagen sollst, aber nachfragst, wie es der Frau geht: „Eigentlich wünschen wir uns ja um diese Zeit immer ein gutes neues Jahr, aber ich weiß gar nicht, was ich sagen soll… Wie geht es Ihnen denn?“ Was meistens gut passt, ist, dass man Betroffenen für das neue Jahr „viel Kraft“ wünscht.

Trauernde freuen sich in der Regel über echtes Interesse an ihrer Situation, also keine Scheu davor, einfach nachzufragen! Wenn die betroffene Frau im Moment nicht mir dir drüber reden kann, weil es ihr nicht gut geht oder ihr selbst die Worte fehlen, dann wird sie es dir sagen. Nimm es aber nicht persönlich! Trauernde haben (wie wir alle!) „so ihre Phasen“: Manchmal kommen ihnen Worte leicht über die Lippen und sie sind froh, wenn sie etwas loswerden können. Mitunter brauchen sie aber eine Pause oder aber sie haben Angst, die Kontrolle zu verlieren und weinen zu müssen, wenn sie über ihre Situation zu sprechen beginnen: Öffentlich im Supermarkt oder mitten auf der Straße in Tränen auszubrechen, ist niemandem angenehm. Frag trotzdem nach, es geht um das Interesse, um das Kontakthalten, um Gesten der Anteilnahme und nicht unbedingt um Worte. Und wenn sich ein Gespräch ergibt, dann tröstet und hilft am meisten, wenn man oben genannte Killerphrasen vermeidet, mit Anteilnahme zuhört und nachfragt, ob man etwas Konkretes für die betroffene Person tun kann.

Gutes Gelingen und dir ein gutes neues Jahr wünscht Christine.