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Hauptsache
gesund?!

Von Gerd Forcher | Passiert es Ihnen auch, dass Sie als Antwort auf die Frage nach dem Befinden eines Menschen hören: „Es geht. Hauptsache gesund!“ Ja, Gesundheit ist das Wichtigste! Oder?

Philosophisch ist schon einmal nicht klar, was „Gesundheit“ wirklich bedeutet. Die Definition der WHO betont zumindest, dass es nicht nur die negative Abgrenzung zu „Krankheit“ ist: „Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“

Fällt Ihnen bei dieser Definition auf, dass die WHO diese Definition wie eine Beschreibung aussehen lässt, dass sie aber tatsächlich eine Idealvorstellung beinhaltet? Denn ich zumindest kenne niemanden, von dem ich sagen könnte, er oder sie sei im Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens. Irgendwo zwickt und zwackt es doch immer. Und dann: Was ist „Wohlergehen“? Ist das die Glückseligkeit eines Aristoteles, die man eigentlich nur durch ein tugendhaftes Leben erreichen kann? Dann wäre es aber keine medizinische, sondern eine moralische Frage. Oder ist es das Ideal der Asketen? Ist es ein lustvoller Zustand?

Bevor ich von der Frage der Gesundheit zu weit wegkomme, halte ich für mich einmal fest, dass „Gesundheit“ zumindest damit zu tun hat, dass es einem Menschen gutgeht – „vollständig“ ist dabei eher eine Idealvorstellung denn Realität. Aber gibt es nicht auch Menschen, die „krank“ sind und denen es dennoch gutgeht? Da denke ich an Menschen mit psychischen und intellektuellen Defiziten, die manchmal als „krank“ bezeichnet werden, die selbst aber ein gutes Leben führen. Ich denke aber auch an Menschen, die eine schwere körperliche Krankheit (vielleicht sogar mit tödlichem Ausgang) haben, daran jedoch nicht zerbrechen, sondern Wege finden, ihr Leben noch intensiver und bewusster zu leben.

In manchen Kulturen und Weltanschauungen sind solche Erkrankungen sogar Ansätze, um nach Orientierung und Sinn zu fragen.

Ist also „Gesundheit“ das Wichtigste? Wenn ich mir die Menschheitsgeschichte vor Augen halte, scheint mir erst das 20. Jahrhundert der Gesundheit eine so hohe Wertigkeit zugestanden zu haben. Begonnen vom Fitness- und Wellnessboom über gesunde Ernährung bis hin zur Unantastbarkeit medizinischer Erkenntnisse. Natürlich: Ein gesunder Geist soll in einem

Lebenswert

gesunden Körper wohnen („Mens sana in corpore sano“), und immer schon wurden Forschungen betrieben, um den menschlichen Organismus besser zu verstehen und dafür zu sorgen, dass Krankheiten nicht überhandnehmen. Und ich selbst merke, wie getrübt mein Alltag ist, wenn ich eine Krankheit diagnostiziert bekomme.

Doch nochmals: Wo sind die Grenzen zwischen krank und gesund? Und warum liegt bei uns der Fokus oftmals auf dem Kranksein? Man sagt, in Asien würde ein Arzt dann hoch geschätzt, wenn die Menschen gesund sind. Bei uns suchen wir Ärzte auf, wenn wir uns krank fühlen und „geheilt“ werden müssen – manchmal werden wir sogar erst durch einen Arztbesuch krank. Und bis vor kurzem gab es nur „Krankenschwestern“ und „Krankenpfleger“ in „Krankenhäusern“. Und Ansätze wie die sogenannte „Salutogenese“ von Aaron Antonovsky, bei der zunächst gefragt wird, was einen Menschen gesund macht, sprechen sich nur langsam herum.

Nicht umsonst ist also die Philosophie skeptisch gegenüber Begriffen wie Krank- und Gesundheit (übrigens: Warum sprechen wir von Krankheiten auch im Plural, während es „Gesundheiten“ nicht gibt?). Wie gehen wir um mit dem, was wir „krank“ und „gesund“ nennen? Machen wir uns nicht manchmal auch im wahrsten Sinne des Wortes selbst krank? Oder geben uns Gesellschaft und Milieu, in dem wir uns aufhalten, vor, was krank und was gesund zu sein hat? Wer bestimmt die Normen dafür eigentlich?

Durch die Philosophiegeschichte zieht sich der etwas pathetische Satz: „Philosophieren heißt, sterben zu lernen.“ Damit ist nicht nur gemeint, immer wieder alles zu hinterfragen und lieb gewonnene Weltanschauungen sterben zu lassen, sondern auch mit allem so umgehen zu lernen, als ob es aus dem Blickwinkel des Todes geschähe. Wie ich lerne, mit Krankheit, Leid und ähnlichem umzugehen, davon wird mein Wohlergehen abhängen, denn eines scheint mir gewiss: Wenn ich etwas im Leben nicht umgehen kann, dann ist es das Leben selbst. Und sind wir doch ehrlich: Welches Leben kennt nur die Sonnenseiten und kann von sich behaupten, noch nie „krank“ gewesen zu sein? „Hauptsache gesund“ oder doch eher „Hauptsache, einen guten Umgang mit dem im Leben zu entwickeln, was einem widerfährt“?