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Interpretation und Veränderung

Von Gerd Forcher | Vom Sein und Haben und einer vielleicht gar nicht so erwünschten Karl-Marx-Statue.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Mit diesem Satz hat der berühmteste Sohn der Stadt Trier eine empfindliche Stelle der PhilosophInnen getroffen – autsch! Gerade in letzter Zeit fragen sich immer wieder Leute, wo in dieser beinahe surrealistischen Epoche, in der wir leben, die Stimme der PhilosophInnen erhoben wird. Haben die großen zeitgenössischen Denkerinnen und Denker nichts anzubieten? Bleiben die populistischen Rufe der (bemerkenswerterweise meist rechten) Politik unreflektiert und unkritisiert von der intellektuellen Elite? Der übrigens den eingangs zitierten Satz eingangs formuliert hat, war selbst Philosoph und hat sich selbst beim Wort genommen: Karl Marx, dessen 200. Geburtstag wir in einem Jahr, am 5. Mai 2018, feiern werden – und dessen Heimatstadt sich bis heute nicht sicher ist, ob sie ihren weltbekannten Bürger tatsächlich hochleben lassen soll. Immerhin schenkt China Trier eine riesengroße Marx-Statue zum Jubiläum, der Stadtrat allerdings ist sich nicht ganz sicher, ob er das als Ehre erachten soll. Freilich: China hat Marx auch pervertiert und Arbeitsverhältnisse geschaffen, bei denen Marx im Grab rotieren würde.

Nun, mag man zu Marx stehen, wie man will: Wenn manche auch hofften, dass die Philosophie Marx‘ mit dem Ende des „realen Kommunismus“ auch zu Ende wäre, und wenn auch Marx und Engels seither eher als Randfiguren des philosophischen Denkens auftauchen, so ist er heute aktueller denn je. Und manche Stimmen werden auch wieder lauter, die seine Philosophie, gereinigt von den historischen Irrwegen, als Ansatz für die momentanen gesellschaftlichen Probleme erkennen. Nehmen Sie einmal seinen Blick auf die gesellschaftlichen Grundlagen. Er spricht von „Unter- und Überbau“ und meint damit, dass zunächst einmal die grundlegenden menschlichen und sozialen Bedürfnisse befriedigt und gelöst sein müssen, bevor wir über alles andere reden. Beziehungsweise ergeben sich alle weiteren ideologischen Belange, wie Kunst, Religion und Politik, aus dem, was sozial grundgelegt wurde.

Stellen Sie sich vor, die Menschen in Syrien hätten Frieden und lebten in einem sozial ausgeglichenen Land. Stellen Sie sich weiter vor, Deutschland hätte keine Hartz-IV-EmpfängerInnen, die sich ungerecht behandelt fühlen, weil sie nicht mehr das Nötigste für den Lebensunterhalt haben. Stellen Sie sich auch vor, dass in Österreich die Kluft zwischen Arm und Reich nicht größer, sondern viel kleiner würde. Ja stellen Sie sich vor, die Wohnungen in Innsbruck oder Kitzbühel wären für Menschen mit Durchschnittseinkommen wieder erschwinglich! Stellen Sie sich noch ein paar andere gelungene gesellschaftliche Toplösungen vor. Sie beschäftigen sich mit dem Unterbau. Glauben

Lebenswert

Sie, PopulistInnen hätten große Chancen, ihre Ideologien, sprich ihren Überbau, gegen die Menschlichkeit so leicht unters Volk zu bringen? Wer würde Trumps „alternativen Fakten“ folgen und wie ein Schaf seinen eigenen Schlächter zum Präsidenten machen?

Da kommt ein weiteres Wort von Marx zum Tragen: „Entfremdung“. Vor ihm haben dieses Wort schon andere Philosophen wie Hegel und Feuerbach verwendet. Doch auch hier stellt Marx die Philosophie wieder vom Kopf auf die Füße und verwendet das Wort im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Verhältnissen. Ein Mensch ist sich dann selbst entfremdet, wenn „die eigene Tat […] zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die ihn unterjocht, statt dass er sie beherrscht“, so Marx. Es waren zu seiner Zeit die IndustriearbeiterInnen, die nichts hatten außer ihrer Arbeitskraft und Nachkommen (daher kommt übrigens auch das Wort „Proletarier“: vom lateinischen „proles“, Nachkomme). Auf der anderen Seite waren es die „Kapitalisten“, die die Produktionsmittel besaßen und damit bestimmten, wer wann was für wie viel Lohn arbeitet. Der arbeitende Mensch wurde so seiner eigenen Arbeit gegenüber fremd: sie war nicht mehr seines, ebenso wenig das Produkt der Arbeit – und der arbeitende Mensch entfremdet sich auch der Gesellschaft, denn es geht nur noch um „Haben“, nicht mehr um „Sein“.

Sie können die Entfremdung auch heute wortwörtlich nehmen, wenn Sie sich Arbeitsverhältnisse in Bangladesch oder Lateinamerika, in asiatischen Spielwarenfabriken oder auf Kaffeeplantagen vor Augen halten. Sie können sie aber auch auf unser Leben hier direkt übertragen, wenn Sie sich einmal fragen, wer in Ihrer Umgebung sich mehr über „Haben“, Konsum, Besitz, Prestige definiert, und wer über „Sein“, Ruhe, Muße, Einfachheit, Freundschaft mit sich selbst.

Der marxistische Denker und Psychotherapeut Erich Fromm hat diesen Gedanken von „Haben oder Sein“ in einem gleichnamigen Buch bearbeitet. Und ein Zitat daraus analysiert vielleicht tatsächlich unsere heutige Situation: „In der Existenzweise des Habens findet der Mensch sein Glück in der Überlegenheit gegenüber anderen, in seinem Machtbewusstsein und in letzter Konsequenz in seiner Fähigkeit, zu erobern, zu rauben und zu töten. In der Existenzweise des Seins liegt es im Lieben, Teilen, Geben.“ Der Satz wurde vor mehr als 40 Jahren geschrieben, aber jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen kann angenommen werden und ist gewollt. Marx würde möglicherweise heute wieder eine ähnliche Philosophie entwickeln – und möglicherweise wieder nicht nur interpretieren, sondern durchaus auch verändern. Ob China ihm da allerdings noch eine Statue spendieren würde, ist mehr als fraglich.