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punktierte Linie

Alternativen zu alternativen Fakten

Von Gerd Forcher | Wenn von der Definition „Wissen = eine begründete wahre Meinung“ nur noch die Meinung übrig bleibt, haben wir ein Problem.

Immer mehr narzisstische Staatenlenker (und vielleicht auch schon bald Staatenlenkerinnen) und populistische Jammerer scheinen die Weltbühne zu bevölkern. Während der britische Philosoph Francis Bacon noch meinte, „Wissen ist Macht“, ist der gegenwärtige Trend wohl eher „Macht schafft Wissen“. Wer an der Macht ist oder sich der neuen Medien bemächtigt, kann Wissen schaffen, wie es so noch nicht da war – im wahrsten Sinne des Wortes und inzwischen schon bekannt als „alternative Fakten“. George Orwell nannte diese Pervertierung der Wirklichkeit durch Sprache in seinem visionären Roman „1984“ „Neusprech“.

Sprache scheint tatsächlich Wirklichkeit zu schaffen, täuscht aber nicht darüber hinweg, dass „Wissen“ mehr als Informationsweitergabe und mehr als egomanische Meinung bedeutet. Selbst Faktenwissen ist mehr als reine Information. Moderne Medien suggerieren uns, dass Information und Daten bereits Wirklichkeit und Wissen bedeuten. Wenn dem so wäre, was vermittelt Ihnen dann die Aussage: „Ein Quadrat besteht aus drei gleich langen Linien“?
Dieser Satz allein lässt offen, ob ein Quadrat nur aus drei gleich langen Linien besteht oder ob es auch mehr Linien sein könnten. Der Satz sagt auch nichts über die möglichen Größen und Farben von Quadraten aus. Ja, wenn ich ein Quadrat nicht aus anderen Zusammenhängen erfasst hätte, dann könnte ich aus der obigen Information auch ein gleichseitiges Dreieck zeichnen. Also scheint Information zu wenig zu sein, um sich in einer Welt, die komplex ist, zurecht zu finden.

Eine alte Formel für „Wissen“ ist „begründete wahre Meinung“. Zugegeben, was heißt schon begründet? Hinter Begründungen müssten wieder begründete Fakten stehen und so weiter. Man käme nie an ein Ende. Das erahnte sogar schon der alte Platon. Und was heißt „wahr“?

Heute ist von der Definition von „Wissen“ nur noch „Meinung“ übrig geblieben. Und das ist ein Problem. Was das bedeutet, zeigen uns Politik und Social Media. Auch hier finde zumindest ich keine zuverlässige Möglichkeit, um mir Entscheidungshilfen z.B. bei Wahlen oder zur Meinungs(!)bildung zu holen. Unzählige Sprachspiele spielen tatsächlich mit dem

Lebenswert

Verstand der Menschen. Wann ist etwas Manipulation und wann nicht? Gibt es überhaupt „objektive“ Berichterstattung oder „wertfreie“ Kommentare?

Ein Vater des philosophischen Pragmatismus, William James, unterschied deshalb auch zwischen „Wissen über“ und „Vertrautheit mit“. Ich kann viel Wissen ansammeln, viele Daten, Fakten und Informationseinheiten in meinem Hirn speichern, wenn ich nicht weiß, was ich damit anfangen soll, wie ich damit umgehe und welche Zusammenhänge bestehen, dann nützt mir das als Orientierung im Leben recht wenig. Der Psychologe G.W. Allport zitierte dazu eine Anekdote von James: Zwei Fischer aus Maine (USA) sprachen über einen Collegeprofessor, der bei ihnen auf Urlaub war. Der eine sagte zum anderen über den Professor: „Er weiß alles.“ Darauf der andere: „Ja, aber er versteht nichts.“ Das englische Wort für „verstehen“ ist in dem Zusammenhang „to realize“. „Realisieren“ bedeutet auch bei uns „in die Wirklichkeit bringen“. Reines Wissen hat noch nicht diese Wirklichkeit, weil ich es noch nicht in die Zusammenhänge meiner Welt und Wirklichkeit gebracht habe.

„Vertrautheit mit“ ist daher der Schlüssel zu der Unmenge von vermeintlichem Wissen und („alternativen“) Fakten. Wenn ich mich mit dem, was auf mich – heute vornehmlich medial – eindringt, vertraut machen und es in Zusammenhängen sehen kann, dann wird daraus tatsächlich ein Wissen, das mir Orientierung ermöglicht. Die Welt und deren Erkenntnis sind einfach zu komplex und vielfältig, um sie mit ein paar Stammtischparolen zu erklären und ihnen mit Mauern zu begegnen.

Die Unterscheidung von James zwischen „Vertrautheit“ und „Wissen“ setzt noch etwas voraus. Wenn ich mit der Welt, wie sie mir begegnet, vertraut sein will, dann benötige ich Vertrauen und Trauen. Menschen, die nur auf Sicherheit und sich Einbunkern setzen, werden sich kaum trauen, der Welt zu begegnen. Die Herausforderungen der Zukunft gehören nicht den ewig gestrigen Jammerern, sondern denen, die es verstehen, aus Wissen eine Vertrautheit mit der komplexen und vernetzten Welt entstehen zu lassen.