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Die Lust des Jahreswechsels mitten im August

Von Gerd Forcher | „Jahreswechsel“ – das klingt, als ob tatsächlich etwas Neues beginnen würde.

Ein Neuanfang – wovon auch immer. Dabei ist es ein relativ willkürlich gewählter Zeitpunkt, den wir wie so vieles den alten Römern zu verdanken haben. Und der 1. Jänner setzte sich selbst in Europa noch lange nicht als alleiniger Neujahrstag durch. Die Schwaben haben lange noch am 6. Jänner mit dem neuen Jahr begonnen, bis 1797 war in Venedig der 1. März der Beginn des neuen Jahres, in England, Florenz und noch anderen europäischen Gegenden der 25. März. Der 1. September war in Russland bis 1701 Neujahrstag. Und das sind nur ein paar europäische Beispiele. Sie können sich nun vorstellen, wie uneinheitlich die Neujahrstage und Jahreswechsel weltweit sind. Dann hängt es noch davon ab, ob Kulturen nach dem Sonnen- oder dem Mondjahr gehen, und ob es weltanschauliche oder religiöse Motive gibt.

Wie kommt es also, dass wir mehr oder weniger mit Anteilnahme Silvester feiern und auf unser Neujahr hin Millionen von Euro an Raketen und Feuerwerkskörpern verpulvern? Dass wir mit Sekt um Mitternacht anstoßen, Walzer tanzen und uns Vorsätze für das neue Jahr vornehmen (die meist am 2. Jänner wieder vergessen sind)?
Ich stelle mir vor, dass wir als Menschen Rhythmen im Leben brauchen, weil wir uns auch nach Rhythmen orientieren: Der Wechsel von Tag und Nacht, Mondphasen, an den Meeren nach Ebbe und Flut, Jahreszeiten, und vieles mehr bis hin zu musikalischen Rhythmen. Also kann auch ein Jahr – egal wann es beginnt und wann es aufhört – eine solche Orientierung bieten und mit Neujahr eine Unterbrechung im ewig Gleichen bedeuten. Unterbrechungen sind im Leben ganz unterschiedlich, ein Jahreswechsel kann eine Unterbrechung im Sinne eines Innehaltens oder einer Pause sein.

Dabei verwende ich „Pause“ in der ursprünglichen Bedeutung, wie es die Griechen verstanden haben: „Pausis“ ist als aktives Wort das „Beendigen einer Tätigkeit“, „zur Ruhe bringen“. Passiv bedeutet es „befreit werden“, „frei sein“, „sich beruhigen“. Trotz Trubel, Lärm und Partystimmung brauche ich zumindest den Jahreswechsel als Moment der Pause: Ich beende Tätigkeiten, die ich vielleicht schon durch das ganze Jahr verschleppt habe. Spätestens jetzt lösche ich alte E-Mail-Dateien, die mein Computer bereits Anfang 2016 empfangen hat. Spätestens jetzt räume ich meinen Schreibtisch auf. Spätestens jetzt kaufe ich Batterien, damit die elektronische Waage mein Gewicht wieder korrekt anzeigen kann.

Lebenswert

Das sind auch Momente der Befreiung, wenn ich das Gefühl habe, ich lasse Altlasten des vergangenen Jahres los. Dazu brauche ich ein „neues Jahr“: einen Punkt hinter einen langen Satz zu setzen und durchzuatmen. Interessant ist nur: Diese Pause könnte ich ja selbst jederzeit einlegen. Warum mache ich das nicht? Rüdiger Safranski hat in seinem philosophischen Buch „Zeit“ die „Zeit des Anfangens“ als eine Zeit des Handelns beschrieben:

„Die Zeit des Anfangens ist die Zeit des Einzelnen, der sich als solcher entdeckt, Initiative ergreift und die ganze alte Scheiße einmal hinter sich lässt, um es mit Karl Marx zu sagen. Zeit des Anfangens löst aus dem Banne der Gesellschaft und lässt ein neues Lebensterrain ahnen.“

Das Ritual, ein neues Jahr zu beginnen, hat eine Ähnlichkeit zum Aufschlagen eines neuen Kapitels im eigenen Leben. Solche Rituale pflege ich nicht täglich, aber vielleicht doch öfter als vermutet. Wenn ich ein neues Buch zu lesen beginne, wenn ich jemanden seit langem wieder einmal begegne, wenn ich in der Arbeit etwas abschließe und etwas Neues beginne, dann könnte ich zumindest eine Pause einlegen, die einem „Jahreswechsel“ entspricht. Vielleicht mache ich das auch ab und zu – nur ist es mir nicht so bewusst. Und es ist nicht in ein so großes Ritual wie an Silvester eingebettet.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich werde jetzt keine Neujahrsvorsätze fassen. Aber finden Sie es nicht auch reizvoll, Silvester und Jahreswechsel bewusst in den Alltag einzubauen? Und bei Anfängen, welcher Art auch immer, ein kleines Ritual voranzustellen, zum Beispiel, wenn Sie sich entschließen eine Wanderung zu unternehmen, auf diesen Entschluss mit jemanden anzustoßen? Oder bevor Sie einen alten Freund anrufen, mit dem Sie lange keinen Kontakt mehr hatten, eine Pause einzulegen und die letzte Begegnung mit ihm in der Erinnerung aufsteigen zu lassen? Oder einfach die Lust des Anfangens erspüren, wenn Sie in Ihrer Arbeit etwas abgeschlossen haben und etwas Neues beginnen?

„In jedem wahrhaften Anfang steckt die Chance zur Verwandlung.“ schreibt Safranski im selben Kapitel. Dazu brauche ich keine Neujahrsvorsätze, es reicht dieser Reiz des Anfangens. So geht es zumindest mir.

Und das Ritual des „Jahreswechsels“, egal ob am 1. Jänner oder mitten im August, hilft mir dabei.