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Seien Sie nett
zu Ihren Nachbarn

Von Gerd Forcher | Die Frage aller Fragen und andere Gedanken zum Grübeln für den Sommer.

Langsam aber sicher näherst sich der Sommer. Damit werde ich mir auch eine Pause mit der denk.pause gönnen und ein wenig mehr dem Müßiggang frönen, wie es einem Philosophen (oder auch Philosophinnen) ohnehin nachgesagt wird. Ich möchte Sie aber nicht ohne eine Frage zurücklassen, die Sie über den Sommer beschäftigen könnte. Eine Frage, die wie so viele Fragen in der Philosophie, bis heute keine wirklich befriedigende Antwort gefunden hat. Vielleicht gibt es ja tatsächlich keine. Oder nur eine rein individuelle. Eine allgemeingültige Antwort, meine ich, gibt es darauf nicht, auch wenn genau das Weltanschauungen und Religionen propagieren.

Die Frage? Ja, ich komme nun endlich dazu und möchte Ihnen damit noch ein paar Gedanken dazu geben. Am Anfang jeder Philosophie steht ja auch die Frage. Am Ende meist auch – wenn gut philosophiert wurde. Ja, ja, nun endlich die Frage für das Sommerloch: Sie drückt sich meines Erachtens in einem (zumindest) mittelalterlichen Kurzgedicht aus, dessen Herkunft bis heute nicht klar ist. Eine Fassung davon findet sich aber an einer Wand im Schloss Tratzberg bei Jenbach: „Ich leb und waiß nit wie lang,/ich stirb und waiß nit wann,/ich far und waiß nit wahin,/mich wundert das ich [so] frölich bin.“

Die Frage nach dem Sinn des Lebens (darum geht es diesmal) ist für Sie vielleicht gar keine Sommerlochfrage. Vielleicht beschäftigt Sie sie schon seit langem. Möglicherweise haben Sie aber auch Ihre Antwort darauf schon gefunden. Dann kann ich nur gratulieren, denn mir scheint nichts so ungenau, so weit fassend und dennoch so trivial wie diese Frage zu sein. Ich selbst frage mich schon einmal, warum wir Menschen immer wieder auf diese Frage stoßen. Und was meinen wir schon mit der Frage: „Hat das Leben einen Sinn?“

Philosophisch besteht das erste Problem schon darin, dass zu klären ist: Welches Leben? Jedes Leben, das es auf Erden (oder sonst wo im Universum) gibt? Oder speziell das menschliche und damit mein konkretes Leben? Noch schwieriger wird es, wenn ich „Sinn“ definieren will. „Sinn“ ist oft gleichgesetzt mit „Bedeutung“: Welchen Sinn hat diese oder jene Aussage? Ich kann auch von „Bedeutung der Aussage“ sprechen. Damit erfasse ich aber wahrscheinlich nicht den Sinn (!) des oben genannten Gedichtes.

Mit „Sinn des Lebens“ geht es wohl um eine existentielle Frage. Ich möchte wissen, warum ich lebe. Was ist die Aufgabe in meinem Leben? Welches Ziel hat mein Leben? Schränken wir die Fragestellung einmal darauf ein. Aristoteles hatte ja bereits im 4. Jahrhundert vor Christus vier Ursachen oder Gründe unterschieden, wenn es darum ging, Ursachenforschung zu betreiben. Einer dieser Gründe war die „Zielursache“: „Es gibt dieses oder

Lebenswert

jenes, damit…“ Mich gibt es auch, damit… ja, damit was? Und schon haben wir ein Problem.

Religionen versuchen nicht selten auf ein jenseitiges Leben, ein Leben nach dem Tod oder ähnliches zu verweisen, auf den Willen eines Gottes oder auf ein unsagbares Glaubensgeheimnis. Nun, freilich kann das beruhigen. Aber verschiebt es die Frage nicht weiter auf eine andere Ebene: Welchen Sinn haben Gott oder das ewige Leben? Und meine grundsätzliche Frage ist damit auch nicht gelöst: Warum ich mir die Frage überhaupt stelle. Ist das Leben nicht Selbstzweck genug?

Die Philosophie hat bis ins 20. Jahrhundert hinein eher ernüchternde Erkenntnisse gewonnen. Die Existenzphilosophie und der Existentialismus münden in der Absurdität, die Albert Camus heraufbeschwört. Vorher schlägt bereits Nietzsche mit dem Hammer des Nihilismus um sich. Der Sinn des Lebens ist selbst für die Philosophinnen und Philosophen eine Herausforderung mit Hang zur Depression. Dennoch gibt es mit Viktor Frankl, den Begründer der Logotherapie, und Karl Jaspers, Psychiater und Vertreter der Existenzphilosophie, zwei Denker, die die Notwendigkeit des Sinnes fordern, um gut leben zu können. Frankls berühmter Satz: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ stammt nicht aus einer reinen Denkleistung, sondern aus unmittelbarer Lebenserfahrung im KZ.

Hier dürfte auch Philosophie eher zur Reflexion von Erfahrungen aufgerufen sein denn zu reiner Vernunftakrobatik. Erst wenn die Frage nach dem Sinn eine existentielle wird, scheint sie ernsthaft zu behandeln zu sein. Wenn menschliche Grenzsituationen wie Geburt, Krankheit, Tod auftauchen, dann rückt die Frage nach dem „Warum“ und „Wozu“ in den Mittelpunkt. Wie geschrieben: Ich weiß nicht, wie Ihre Antwort auf diese Frage ausfällt, mir persönlich ist tatsächlich das Leben selbst Zweck genug, um es als sinnvoll zu sehen (wobei es auch bei mir andere Stimmungslagen dazu gibt – aber ist der Sinn dann doch mehr eine Gefühlssache?).

Womöglich braucht es auch einfach manchmal Gelassenheit, die Frage auszuhalten. Haben Sie am Beginn der heutigen denk.pause kurz gedacht: Wann kommt er endlich auf den Punkt? Vielleicht ist es mit der Sinnfrage ähnlich: Wann gibt es auf die Frage nach Sinn eine Antwort? Nie, oder dann, wenn man es nicht vermutet. Bis dahin halte ich es mit der legendären britischen Komikergruppe Monty Python und deren Film „Der Sinn des Lebens“: „Seien Sie nett zu Ihren Nachbarn, vermeiden Sie fettes Essen, lesen Sie ein paar gute Bücher, machen Sie Spaziergänge und versuchen Sie, in Frieden und Harmonie mit Menschen jeden Glaubens und jeder Nation zu leben.“