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Was vernünftig ist.
Und was nicht.

Von Gerd Forcher | Zum 87. Geburtstag des Visionärs Jürgen Habermas, der unser Gesellschaft unermüdlich einen Spiegel vorhält.

Diesmal möchte ich einen Geburtstag feiern: Jürgen Habermas wurde am 18. Juni 87 Jahre alt. Der unermüdliche Streiter für Verständlichkeit und Verständigung ist für mich ein Beispiel eines Philosophen, dessen Gedankengebäude ohne seine eigene Biografie wohl nicht errichtet worden wäre. Klingen auch seine Theorie des kommunikativen Handelns und seine Gedanken zur Diskursethik wie ein spanisches Dorf, so sind die Beweggründe zu den Überlegungen ganz lebenspraktisch. Ja, dass er überhaupt Philosophie statt Medizin studiert hat, liegt in seiner Lebensgeschichte.

Zum einen dürfte eigenen Aussagen zufolge sein eigenes Handicap einer Gaumenspalte dazu geführt haben, dass Kommunikation ein zentraler Punkt seines Lebens geworden ist. Hänseleien aufgrund seines Andersseins zeigten ihm einerseits, wie wichtig es ist, gegen Diskriminierung und Vorurteile anzugehen. Das eigene Unvermögen, ungehindert kommunizieren zu können, führte ihn andererseits zum Ideal einer kommunikativen Theorie. Und das geschriebene Wort war ihm daher selbst immer nähe als das gesprochene.

Und dann kam noch die Erfahrung des nationalsozialistischen Schreckensregimes, dessen Ende er mit 15 Jahren miterleben durfte. Eine Erfahrung, die ihm vor Augen führte, was eine irrationale und totalitäre Machtausübung an Leid und Not auslösen kann – bis zur systematischen Vernichtung einer ganzen Gesellschaftsgruppe.

Für mich ist das Gesamtkonzept Habermas‘ ehrlich gesagt noch nicht voll überschaubar. Auf mich wirkte und wirkt der gebürtige Düsseldorfer, der heute am Starnberger See lebt, jedoch immer als intellektueller Kämpfer für Demokratie, gegenseitige Verständigung und vernunftgemäßes Handeln in Politik und Gesellschaft. Immer wieder meldet er sich zu aktuellen Themen zu Wort und ist bis heute einer der am meistzitierten Philosophen der Gegenwart. So zeigte er 2015 in der beginnenden Flüchtlingsdebatte regelrechte Bewunderung für die Flüchtlinge, die der ihnen begegnenden Polizeigewalt nicht ebenfalls mit Gewalt „sondern mit dem bloßen Aufprall ihrer erschöpften und hilfsbedürftigen Existenzen, durch ihren Hunger, ihren Durst und ihre Krankheit“ geantwortet haben. Am Umgang mit den Flüchtlingen zeige sich, wie zivilisiert Europa ist.

Freilich ist Habermas kein unumstrittener Philosoph, und so manche meinen auch, dass seine Konzepte zwar von Idealismus getragen, aber nicht umsetzbar sind. Vielleicht ist er auch ein Träumer und Visionär, wenn er davon ausgeht,

Lebenswert

dass es möglich ist, sich zusammenzusetzen und gemeinsam einen Konsens in Wahrheitsfragen zu finden, oder dass es allein der Diskurs – also eine Diskussion mit vernünftigen Argumenten – schafft, eine gemeinsame Ethik zu entwickeln.
Und dennoch faszinieren mich seine Ansätze – vielleicht auch weil die gegenwärtige Gesellschaft eine so entgegengesetzte Entwicklung nimmt. Vielleicht schätzt die Philosophie die sogenannte „Vernunft“ grundsätzlich zu hoch ein. Möglicherweise ist sie selbst nur ein Hirngespinst und ein Karl Marx würde heute – wie einst bezogen auf die Religion – von ihr als „Opium für das Volk“ sprechen, weil sich gerade in der Politik so viele auf die Vernunft berufen, die offensichtlich nicht nach ihr handeln, aber dadurch die Bevölkerung wie unter Drogen auf ihre Seite bekommen.

Jürgen Habermas ist trotz seiner Visionen und Träume ein nüchterner Denker, der Modelle von Demokratie, Machtverteilung und Kommunikation in der Gesellschaft entwirft, die zumindest zukunftsweisend sein können. Hier treffe ich wieder auf das, was tatsächlich „Vernunft“ genannt werden kann. So ist es für den Philosophen wichtig, Sozialkritik so lange zu betreiben, solange es Diskriminierung und Not in den von uns Menschen verantworteten Gesellschaft gibt. Und diese Sozialkritik sollten auch nicht nur Einzelne betreiben, eine ganze Gesellschaft sollte fähig sein, ihre eigenen Traditionen, Haltungen und Handlungen kritisch zu hinterfragen und zu verändern. Dafür wäre auch der öffentliche Raum die geeignete Bühne. Er liegt zwischen der persönlichen Lebenswelt, in der wir in unserem Alltag und mit unserer unmittelbaren Umgebung leben, und dem System, das durch staatlich-gesellschaftliche Einrichtungen repräsentiert wird.
Das ist eines dieser Habermas‘schen Konstrukte, die abstrakt wirken – aber wenn ich die Frage nach der Bedeutung des öffentlichen Raumes weiterspinne, dann merke ich, dass dort heute wenig Sozialkritik und Eigenreflexion unserer Gesellschaft passiert. Dafür ist der öffentliche Raum Spielplatz für Demagogen und Stammtischprediger beiderlei Geschlechts.

Der 87-jährige Philosoph Jürgen Habermas mag Idealist und Träumer sein, seine eigene Lebenserfahrung und die Fragen, die seine Visionen aufwerfen, halten uns trotzdem noch einen Spiegel vors gesellschaftliche Gesicht. Seine Gedanken sind allemal gut genug, unsere gelebte Gegenwart zu hinterfragen. Und letztlich: Wo finde ich heute Vernunft und Kommunikation als gesellschaftsverbindende Elemente? Herzliche Glückwünsche und danke für eine gesellschaftskritische Philosophie, Herr
Habemas!