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Ich kann doch
die Welt (nicht) verändern!

Von Gerd Forcher | Wenn wir im reinen Denken nach Modellen verharren, vergessen wir darauf, in konkreten Beziehungen zu handeln.

Die Welt verändern können! Die Welt besser machen können! Kennen Sie das, wenn Sie über die Gesellschaft nachdenken und vielleicht sogar mit jemandem darüber reden: Irgendwann kommt das frustrierende Gefühl, dass sich scheinbar eh nichts ändert und wir ja nicht gefragt werden, wie es besser laufen könnte. Es muss ja nicht gleich die ganze Gesellschaft sein, nehmen wir eine andere Situation: Sie wünschen sich ein perfektes Leben nach Ihren Vorstellungen – und erkennen bald, dass selbst das nicht immer gelingt.

„Wir sind zu sehr daran gewöhnt, totalitär und verantwortlich zu denken. Und dadurch wird das Denken nicht nur eine Last, sondern auch voller Fehler. Wenn wir ein Urteil fällen, eine Entscheidung treffen sollen, meinen wir alles bedenken zu müssen: alle Aspekte, alle Konsequenzen. Aber unser ‚Alles‘ ist sehr beschränkt und lässt ganz viele neue Möglichkeiten außen vor. So etwas nennt man: Denken nach Modellen.“ Was in diesem Zitat die italienische Philosophin und Feministin Luisa Muraro bei der Leipziger Buchmesse 2001 gesagt hat, analysiert das, was ich eingangs gemeint habe. Wir rennen mit unseren Vorstellungen und Modellen, wie die Welt, mein Leben, der Nachbar, die Politik und so weiter sein sollten, gegen die Wand, wie wir „totalitär“ denken. Totalitär meint das Ganze. Verbissen wollen wir in unseren Entscheidungen alles berücksichtigen, verbissen sollte der große Wurf (wohin auch immer) gelingen.

Muraro plädiert keineswegs dafür, dass wir nun die Hände in den Schoß legen sollen und warten, bis uns alles einfach passiert. Nein, das soll damit in keinem Fall gemeint sein. Sie selbst ist ein Gegenbeweis, hat sie doch 1975 in Mailand zusammen mit anderen Feministinnen den Frauenbuchladen „Libreria delle donne di Milano“ gegründet, in dem sie Bücher verfasst und eine Zeitschrift herausgibt. 1984 gründete sie eine Philosophinnengemeinschaft namens „Diotima“ (benannt nach einer Philosophin aus Platons Dialog „Symposion“). Und die 1940 Geborene wird auch weiterhin nicht müde, gesellschaftspolitisch aktiv zu sein.

Doch ihr Ansatz sind eben nicht die Ideale und Modelle, die erreicht werden sollen, sondern die greifbaren nächsten Schritte, die tatsächlich machbar sind und aus eigenen Wünschen und der Qualität der Beziehungen erwachsen. Sie rät, zu erforschen, welche Handlungsmöglichkeiten da

Lebenswert

sind. Die „Qualität der Beziehungen“ sieht sie darin, dass es nicht instrumentalisierte und zweckorientierte Beziehungen sind, die uns weiterbringen, sondern die Beziehungen um ihrer selbst willen. Sie beschreibt es in derselben Ansprache so, dass ihr die Lust geblieben ist, „in der ersten Person zu handeln und mich nicht repräsentieren zu lassen und auch nicht die anderen Frauen zu repräsentieren. Die Unterschiede zwischen Frauen sind so wichtig, dass ich keine andere repräsentieren kann, auch nicht mich selbst: Es gibt auch einen Teil von mir, den ich nicht kenne.“

Wir gewinnen keine Freiheit, wenn wir alles über einen Kamm scheren. Muraro versucht nicht, gleich die ganze Welt zu retten, sondern Beziehungen wachsen zu lassen, die gegenseitig zu Veränderungen führt. Ob wir freilich immer Lust auf Beziehungen haben, ist eine andere Frage. Für mich ist interessant, dass die sonst so als theoretisch und abstrakt verschriene Philosophie hier aktiv ein konkretes Beziehungsgeschehen als Lösung gesellschaftlicher aber auch anderer Probleme anbietet. Wie es funktionieren kann, lebt sie sogar vor, was ja auch nicht immer von Philosophinnen und Philosophen belegt ist.

Es wird uns immer suggeriert, dass nur das „Große“ in der Geschichte Geltung hat und dass wir große Ideale erreichen sollten. Dass wir daran verzweifeln, scheitern oder ohnmächtig werden, ist nicht verwunderlich. Der konkrete Beziehungsalltag ist scheinbar der Schlüssel oder zumindest ein Weg, der uns Schritt für Schritt weiterbringen kann. Selbst die Helden der Geschichte (die Heldinnen werden in unserer Geschichtsschreibung ja eher spärlich erwähnt) haben ihre Schlachten nicht alleine gewonnen. Bertolt Brecht hat dies in seinem Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“ wunderbar auf den Punkt gebracht, wenn er den Arbeiter fragen lässt: „Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?“ Er stellt noch mehr ähnliche Fragen und drückt damit aus, wie sehr es auf die Vielen ankommt und selbst die, die Geschichte geschrieben haben, sind auf die kleinen Handlungsschritte so vieler angewiesen. Wir alle sind einzigartig. Entsprechend können wir einzigartig Entscheidungen treffen und entsprechend können wir handeln – auch wenn wir damit nicht die ganze Welt verändern (zumindest noch nicht
sofort).