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punktierte Linie

Die Arbeit
beginnt erst

Von Gerd Forcher | Alexander Van der Bellens Wahlsieg ist eine Erleichterung, aber noch kein Grund, aufzuatmen.

Erleichtert? Oder hatten Sie auf Hofer gesetzt? Nun, ich will die nun schon oft beschworene „Spaltung“ des Landes nicht fortführen. Ich möchte einen philosophischen Blick auf das Wahlgeschehen werfen und dabei unabhängig vom neuen Präsidenten Alexander Van der Bellen und dem Gegenkandidaten Norbert Hofer die Wahl als gesellschaftliches Symptom verstehen.

Wie kann es sein, dass 2016 in einem der reichsten Länder der Welt ein Rechtspopulist angeblich aus „Protest“ gegen bestehende Verhältnisse fast 50 Prozent der WählerInnenstimmen auf sich vereinen kann? Wohlgemerkt: Herr Hofer gehört zu den Chef-Ideologen einer rechten Partei, die inzwischen seit Jahrzehnten die politische Stimmung im Land beherrscht (und damit klar selbst für die „bestehenden Verhältnisse“ mitverantwortlich ist).

Ist tatsächlich halb Österreich ideologisch rechts? Und warum blickt die Welt auf uns, als ob der erste Rechtspopulist bei uns erfunden worden wäre? Nun, ideologisch rechts sind sicher Hofer und seine Partei. Was sich Wählerinnen und Wähler denken, wenn sie rechts wählen sei vorerst dahingestellt. Ich kann nicht in die Köpfe der Menschen schauen. Aber vielleicht hat ein Philosoph Recht, der es folgendermaßen analysiert: „Die hilflose Fixierung an die Sicherheits- und Besitzvorstellungen der vergangenen Jahrzehnte verhindert den Durchschnittsmenschen, die höchst bemerkenswerten Stabilitäten ganz neuer Art, welche der gegenwärtigen Situation zugrunde liegen, zu apperzipieren.“ „Apperzipieren“ heißt „bewusst wahrnehmen“ – und der Philosoph, der dies festgestellt hat, ist Walter Benjamin – und zwar bereits 1928.

Und noch eine Analyse von ihm gleicht erschreckend der heutigen Situation: „Die Volksgemeinschaften Mitteleuropas leben wie Einwohner einer rings umzingelten Stadt, denen Lebensmittel und Pulver ausgehen und für die Rettung menschlichem Ermessen nach kaum zu erwarten ist.“ Die Konsequenz: „Dahingegen wird die Erwartung, daß es nicht mehr so weitergehen könne, eines Tages sich darüber belehrt finden, daß es für das Leiden des einzelnen wie der Gemeinschaften nur eine Grenze, über die hinaus es nicht mehr weiter geht, gibt: die Vernichtung.“

Walter Benjamin hat fast schon prophetisch die Entwicklungen im Deutschland der Zwischenkriegszeit geschildert, die tatsächlich in der Vernichtung geendet haben. Erschreckend ist für mich, dass damals wie heute sicher viele dachten: Wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen (was auch immer so „nicht weitergehen“ kann). Die Lösung schien damals schon die Sicherheit und das sich Abschotten zu sein. Die Ängste wurden geschürt und nicht im Sinne Kierkegaards in Furcht verwandelt. Denn Ängste sind diffus, während die Furcht konkret die Furcht vor etwas ist. Da könnte dann

Lebenswert

zumindest über das „Etwas“ gesprochen und eine Lösung für die Furcht gefunden werden. Nein, damals wie heute nutzen Ideologen und Ideologinnen (wie bei der deutschen AfD) Ängste der Menschen, um sie zu schüren und nicht um sie den Menschen zu nehmen.

Und damals war die rechte Ideologie nicht nur auf Ländergrenzen beschränkt: sie war Stimmungsmacherin in Europa. Heute: Der Blick auf Österreich allein lenkt nur ab. Orbans, Erdogans und polnische Populisten finden sich allüberall, egal ob sie aus der Schweiz, Deutschland, Italien oder sonst wo in Europa kommen (von anderen Kontinenten will ich gar nicht reden). Die Bundespräsidentenwahl, deren ZeitzeugInnen wir werden durften, ist also doch nur ein Symptom für beängstigende Entwicklungen, die wir vielleicht durch den Sieg Van der Bellens nochmals als Herausforderung und Chance sehen können.

Denn die Ursachen, die die Menschen in die Hände von Demagogen treiben, können sehr unterschiedlich sein. Letztlich sind es aber Erwartungen, die an jemanden gerichtet sind, der nicht so ohnmächtig ist wie man selbst. Ja, vielleicht ist es die eigene Ohnmacht gegenüber Situationen, die man nicht mehr versteht oder die Änderungen fordern würden, die nicht mehr ausgehalten wird. Und weil ich selbst handlungsunfähig bin, brauche ich jemanden, der für mich mächtig ist. Und wenn er es zunächst auch nur scheint. Wie sonst könnten sich Menschen, die archaische, kriegerische und menschenverachtende Lösungen (vielleicht auch End-Lösungen?) anbieten, als „Alternative“ oder als Einzige, die Gerechtigkeit schaffen, gesehen werden?

Übrigens dient wohl auch die Sprache als Instrument dafür, dass so viele die „Stabilitäten ganz neuer Art“ nicht mehr „apperzipieren“, also bewusst wahrnehmen. Seit Ende der 1980er Jahre wurde die politische Sprache im Land zunehmend tabuloser und rauer. Heute wird durch das Flüchtlingsthema noch ein Schäufelchen zugelegt. Und es scheint kaum noch zu stören, zumindest ist es salonfähig geworden. Und wenn in der Bundespräsidentenwahl mit Slogans wie „Flagge zeigen“ geworben wird, „apperzipiert“ kaum jemand den kriegerisch- militärischen Hintergrund des Wortes.

Der Wahlsieg Van der Bellens ist noch kein Grund aufzuatmen. Jetzt beginnt erst die Arbeit, um Entwicklungen wie in der Zwischenkriegszeit vorzubeugen. Es beginnt mit der Sprachkultur und endet mit dem Nehmen von Ängsten und Ohnmachtsgefühlen in der Bevölkerung. Dabei geht es nicht nur um die Stimmung in Österreich, sondern europa- und weltweit. Philosophisch betrachtet, haben wir gerade eben einmal ein gesellschaftliches Signal gesehen. Es gilt, Handlungsschritte und der Menschenwürde gerechte Taten zu setzen.