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Nachgedanken
zum Muttertag

Von Gerd Forcher | Zwischen patriarchaler Täuschung und der menschlichen Grundbedingung zum Handeln.

Hatten Sie einen schönen Muttertag? Sie selbst als Mutter – oder mit Ihrer Mutter zusammen? Oder stehen Sie diesem „Gedenktag“ eher kritisch gegenüber? Bis heute ist der bereits 1924 in Österreich eingeführte Muttertag eher ambivalent. Manche lehnen ihn kategorisch ab, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: Geldmacherei für die Wirtschaft, man sollte nicht nur einmal im Jahr an die Mutter denken, übertriebene Anerkennung der Mutterschaft und und und. In Kärnten soll es sogar eine Gemeinde geben, in der seit 30 Jahren die Feuerwehr am Muttertag für den Vormittag eine Feuerwehrübung mit anschließendem Kameradschaftstreffen ansetzt, damit die Frauen mit ihren Kindern „ungestört“ beschäftigt sein können. Andere könnten sich den Mai ohne Muttertag gar nicht vorstellen, in den Kindergärten und Schulen wird darauf hingearbeitet, Kinder sind ganz aufgeregt und sagen ihre Muttertagsgedichte auf, die Gasthäuser platzen am Muttertag aus allen Nähten.

Wie auch immer Sie zu diesem Tag stehen, philosophisch ist es sicher ein eher unterbeleuchteter Tag. Dabei wäre eine Philosophie des Muttertags oder der Mutter ein interessanter Ansatz. Googelt man „Philosophie“ und „Muttertag“, finden sich allerdings nur Adressen von Floristen und Gärtnereien, die ihre Geschäftsphilosophie darlegen. Und schaut man in die Philosophiegeschichte, findet man gerade zwei ausführliche Werke, die sich mit Müttern beschäftigen. Das eine ist Senecas Trostschrift an seine Mutter, die er in seiner Verbannung auf Korsika verfasste, das andere sind die „Bekenntnisse“ des Augustinus, in denen er autobiografisch von seiner Mutter Mo(n)nika berichtet. Nun ja, vielleicht wären manche Philosophien verständlicher, wenn man wüsste, welche Mütter die entsprechenden Philosophinnen und Philosophen gehabt haben.

Das bringt mich nun doch zu zwei philosophischen Gedanken zum Muttertag. Der eine schließt biografisch an das Vorhergesagte an und beleuchtet Mutterschaft und die soziale Rolle der Frau recht kritisch. Dabei geht es allerdings um eine Philosophin und ihren Vater. Als Zwölfjährige schockierte sie ihr Vater mit dem Ausruf: „Wie hässlich du bist!“ Diese Aussage der eigenen Tochter gegenüber dürfte wohl nur die Spitze des Eisberges einer schicksalshaften Beziehung zwischen Vater und Tochter gewesen sein, die das Mädchen noch mehr motivierte zu lernen, auf dem intellektuellen Feld eine Koryphäe zu werden und die Geschlechterrollen kritisch auf 700 Seiten zu beleuchten. Das Mädchen war Simone Lucie Ernestine Marie Bertrand de Beauvoir. Sie löste 1949 mit ihrem Werk „Le Deuxième Sexe“ (auf Deutsch „Das andere Geschlecht“) eine neue Frauenbewegung aus, die allerdings noch 20 Jahre brauchte, bis sie sich etablierte.

De Beauvoir prägte darin eine Ansicht, die bis heute für Diskussionen sorgt: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, sondern wird dazu gemacht.“ Ihr ging es nicht darum, biologische Unterschiede wegzuleugnen, sondern deutlich zu machen, dass diese Unterschiede zur Unterdrückung der Frau in einer Männergesellschaft ausgenutzt werden.

Lebenswert

Gerade die Gebärfähigkeit ist eine solche Falle. Wenn sie davon spricht, dass sich „Frauen vor der Falle Mutterschaft hüten“ sollten, spricht sie die Doppelmoral einer patriarchalen Gesellschaft an: „Väter und Gesellschaft lassen die Frauen mit der Verantwortung für die Kinder ziemlich allein. Die Frauen sind es, die aussetzen, wenn ein Kleinkind da ist. Frauen nehmen Urlaub, wenn das Kind die Masern hat. Frauen müssen hetzen, wenn es nicht genug Krippen gibt …“ Was de Beauvoir vor genau 40 Jahren in einem Spiegel-Interview kritisierte, hat heute eher noch an Brisanz gewonnen, wenn man die Zahl der Alleinerzieherinnen anschaut und wenn der geringe Anteil an Vaterkarenzen in Österreich herangezogen werden. De Beauvoirs Kritik an der Stellung der Frau fiel in den Siebzigerjahren noch deutlicher aus als im „anderen Geschelcht“: Es sei eine Täuschung, dass „im Muttertum … die Frau dem Mann völlig ebenbürtig“ werde, denn die Verachtung der Frauen steht im Gegensatz zur Achtung, die man Müttern entgegenbringt, doch „da man den Frauen nicht die Schönheit des Geschirrspülens preisen kann, preist man ihnen die Schönheit der Mutterschaft“ – so de Beauvoir im Spiegel-Interview.

Natürlich möchte ich Ihnen nicht nachträglich den Muttertag vermiesen, doch die Frage, was da tatsächlich gefeiert wird oder vielleicht „weggelobt“ wird, ist berechtigt. Und nur Sie selbst können darauf die Antwort geben.

Eine andere Philosophin bietet mir noch eine zweite philosophische Perspektive auf den Muttertag. Die gebürtige Deutsche Hannah Arendt prägte in ihrem Hauptwerk „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ den Begriff der „natality“. Auf Deutsch gibt es dafür das Kunstwort „Natalität“ oder auch „Gebürtigkeit“. Am Muttertag kommt auch in den Blick, dass wir alle unseren Müttern (und auch den Vätern, real oder in vitro – was weiß man schon) unser Dasein verdanken. Während die Existenzphilosophie eher einen Blick darauf hat, dass ja niemand von uns um sein Leben gebeten hat und wir daher ins Leben geworfen wurden, um auf den Tod hinzugehen, fragte Arendt erweitert nach den Bedingungen der menschlichen Existenz. Sie nannte „das Leben selbst und die Erde, Natalität und Mortalität, Weltlichkeit und Pluralität“. Die Natalität ist die Grundbedingung der menschlichen Existenz, denn es kommt „dem Neuankömmling die Fähigkeit zu …, selbst einen neuen Anfang zu machen, das heißt zu handeln“. Unseren Müttern verdanken wir durch unsere Geburt, dass wir gestaltend in diese Welt einwirken können.

So kritisch vielleicht ein „Gedenktag für Mütter“ gesehen werden kann, so dankbar können wir möglicherweise sein, die Chance zu haben, durch unsere menschliche Grundbedingung, geboren zu sein, in diese Welt einzuwirken. Jede Geburt verändert wieder die menschliche Gesellschaft.

Zwei weibliche Perspektiven bezogen auf das Thema „Muttertag“ – zwei Aufrufe, die eigene Gesellschaft zu gestalten – zwei Spannungspole, die auf je ihre Weise zu kritischem Denken anregen können.