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Die Zukunft allein
ist unser Ziel

Von Gerd Forcher | Aber welche Zukunft wird das sein, wenn wir einem rechten Chefideologen das höchste politische Amt im Staat anvertrauen?

Eigentlich wollte ich es in der philosophischen Kolumne mit politischen Kommentaren gut sein lassen. Doch ich weiß nicht, wie es Ihnen nach dem sonntägigen Wahlabend geht. Der Kälteeinbruch und die Frostgefahr werden meteorologisch vorübergehen, doch wie entwickelt sich die politische Frostgefahr in unserem Land? Was ich als Jugendlicher aus den Geschichtsbüchern kannte, spielt sich gerade in meiner Wohnung ab, wenn ich Fernsehen oder andere Medien aufdrehe: Bilder von einer Demonstration für offene Grenzen, bei der österreichische Polizei mit Schlagstöcken vorgeht und mit Wasserwerfern vorfährt (zum Glück noch nicht einsetzt), und dann ein Ergebnis bei der Bundespräsidentenwahl, das einen rechten Burschenschafter mit Werten wie „Ehre – Freiheit – Vaterland“ in die Stichwahl bringt. Was ist mit Österreich los? Was ist mit Europa los?

Die Demokratie ist nach den Ereignissen des 20. Jahrhunderts unbestritten die bestmögliche Staatsform. Wahlen wie die aktuelle Bundespräsidentenwahl lassen jedoch auch die Schattenseiten erkennen und erinnern daran, dass bereits im vergangenen Jahrhundert ein totalitäres Regime durch demokratische Wahlen genau diese Demokratie gekippt hat. Wenn das Volk die Politik mitbestimmen kann, dann sind auch wenig qualifizierte Ergebnisse zu akzeptieren. Was aber, wenn diese sich auf längere Sicht gegen die Menschen richten?

Wie kann jemand, der pauschal und populistisch von „Völkerwanderung“ und „Wirtschaftsflüchtlingen, die unser Sozialsystem zerstören“, spricht, ernsthaft unseren Staat repräsentieren? Gut, vielleicht passt das für einen Staat, in dem in der Zwischenzeit die Polizei gegen Demonstrantinnen und Demonstranten, die für offene Grenzen kämpfen, eingesetzt wird. Oder für einen Staat, der es für „Grenzmanagement“ hält, Zäune zu errichten. Aber besteht Österreich nicht auch aus vielen Menschen, die ihre humanitären Werte täglich in der Arbeit mit ausgegrenzten und in Not geratenen Menschen unter Beweis stellen?

Humanistische Werte – die fehlen übrigens im Wahlprogramm Norbert Hofers – werden täglich in unserem Land gelebt. Im 18. Jahrhundert wurde darüber philosophisch debattiert, was den Menschen ausmache. Man kam überein, dass es unter anderem Taten der Güte, der Menschenliebe, der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit und des Mitgefühls sind. Johann Gottfried Herder, ein Dichter, Theologe und Kulturphilosoph des 18. Jahrhunderts, war sich

Lebenswert

sicher, dass dem Menschen Menschlichkeit nur teilweise angeboren ist. Einen anderen Teil gewinne er durch Sozialisation. Die Bildung zur Menschlichkeit sei „ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muß, oder wir sinken […] zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück“, so Herder in seinen „Briefen zur Beförderung der Humanität“. Befinden wir uns gerade auf dem Weg zur rohen Tierheit?

Mit dem 18. Jahrhundert wurden auch die „unveräußerlichen Menschenrechte“ formuliert. Die allgemeine Menschenrechtserklärung, Genfer Flüchtlingskonvention und so weiter können sich auf diese Entwicklung berufen. Im 20. Jahrhundert hat das alles schon einmal massiv seine Geltung verloren. Und meine Hoffnung ist, dass wir im 21. Jahrhundert nicht noch einmal der „Banalität des Bösen“ zum Opfer fallen. Dieser Begriff Hannah Arendts hatte ja in ihrem Bericht zum Eichmann-Prozess Kontroversen hervorgerufen und ihr die Kritik eingebracht, sie verharmlose die Gräueltaten des SS-Obersturmbannführers. Dabei wollte sie darauf aufmerksam machen, dass das Böse kein dämonisch-metaphysisches Ungeheuer ist, sondern sich in der Alltäglichkeit versteckt. Adolf Eichmann war ein Bürokrat – und als solcher ein Verbrecher. Und heute begegnet uns die Banalität dieses Bösen auf Schritt und Tritt – ohne dass wir es bemerken. Wie hat sich zum Beispiel unsere Sprache gegenüber Ausländerinnen und Ausländern allgemein seit Beginn der Haider-Ära verändert? Gab es damals noch in ganz Österreich Lichterketten gegen die menschenverachtende Politik des Rechtspopulisten, so findet wenige Jahrzehnte später ein Drittel jener, die den Weg zur Wahlurne überhaupt gefunden haben, einen rechten Chefideologen bundespräsidententauglich.

Finden wir nochmals zurück zu den Lichterketten und werden wir wieder sensibel für menschenverachtende Worte und Taten? Wie werden sich der Populismus und die alltägliche Banalität des Bösen in unserem Land weiterentwickeln? Ich kann heute nur auf Blaise Pascal verweisen, der meinte: „Die Gegenwart ist nie unser Ziel: die Vergangenheit und die Gegenwart sind unsere Mittel; die Zukunft allein ist unser Ziel.“ Wir sollten uns wohl bewusst werden, welche Zukunft wir uns und unseren Kindern langfristig bieten, wenn Populisten weiterhin unser Land regieren. Und welche Zukunft wird es sein, wenn Humanismus und Humanität wieder eine Stimme bekommen? Welche Werte in Zukunft zählen – das haben wir in vier Wochen selbst in der Hand. Und vielleicht kann ich Ihnen doch bald wieder andere denk.pausen gönnen.