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punktierte Linie

Lieber Sirianer
als Syrer

Von Gerd Forcher | Was Syrien mit dem Sirius verbindet und warum im perversen Neusprech unserer Politik der beste Flüchtling derjenige ist, der für uns gar nicht existiert.

Kommen Sie noch mit, welche Sprache in unserem Land gesprochen wird? Seit das Thema der Flüchtlinge unsere Medien beherrscht, wandelt sich die Sprache unserer Politik immer mehr in ein „Neusprech“, wie es George Orwell in seinem Roman „1984“ benannt hatte: Begriffe ändern plötzlich ihre Bedeutung: So nennt man „Grenzzäune errichten“ auf einmal „Grenzmanagement“, als ob es dafür ein eigenes Studium bräuchte und es eh ganz üblich wäre. „Flüchtlinge“ werden „illegale Einwanderer“ und wenn Menschen in Not zu uns wollen, nennt man das neuerdings „Gefährdung der öffentlichen Ordnung“. Ich hoffe, dass es bald ein Wörterbuch zu diesem perversen Politdeutsch gibt, damit wir nicht vergessen, was Wörter in unserer Sprache einst tatsächlich bedeutet haben.

Vielleicht ist diese neue Rechts-Schreibung auch der Versuch, das Fremde wieder als nicht existent darzustellen. Der Gedanke kam mir beim Lesen eines Textes von Georg Simmel, der Soziologe und Philosoph um die Jahrhundertwende hin zum 20. Jahrhundert gewesen ist. Er ist also ein unbescholtener Denker ohne Flüchtlingsthematik im Hintergrund und ohne Anspruch auf ein Präsidentenamt. 1908 schrieb er einen „Exkurs über den Fremden“. Dieser enthält freilich nicht die Fragestellung an den „Fremden“, wie er uns heute in Form der flüchtenden Menschen aus Kriegs- und Unruhegebieten (In Neusprech ganz aktuell: „Auslöser für Funktionsstörungen im Asylwesen“) gegenübersteht. Aber er führt Aspekte an, die bedenkenswert sind, wenn wir vom „Fremden“ (natürlich auch von der Fremden) sprechen.

Er sieht das „Fremdsein“ in Stufen: Noch bevor mir jemand fremd ist, ist er für mich nicht einmal existent. Simmel beschreibt das so: „Denn das Fremdsein ist natürlich eine ganz positive Beziehung, eine besondere Wechselwirkungsform; die Bewohner des Sirius sind uns nicht eigentlich fremd — dies wenigstens nicht in dem soziologischen Sinne des Wortes —, sondern sie existieren überhaupt nicht für uns, sie stehen jenseits von Fern und Nah.“ Dass ich jemanden also überhaupt als „fremd“ wahrnehme, setzt bereits eine Wechselwirkung, eine Interaktion voraus. Und das ist zunächst eine Wechselwirkung auf Distanz.

Hier ist mir die Fremde noch fern, denn sie kommt von woanders her und es ist noch nicht ganz klar, ob sie kommt, um zu bleiben. Simmel erörtert das am Beispiel des Händlers: Solange ich innerhalb meines Bereiches alles habe, was ich zum Leben brauche, gibt es keinen Handel. Der Händler bringt das, was ich nicht habe, von außerhalb. Damit wird der Händler ein Fremder — entweder dort, wo er die Ware holt, oder dort, wo er sie hinbringt. Er ist als Fremder auf dem Weg zwischen denen, die „Bodenbesitzer“ sind. „Weg“ und „Bodenbesitz“ werden Metaphern für „Fremdsein“ und … ja,

Lebenswert

wofür eigentlich? „Vertrautsein“ ist nicht das richtige Wort, denn die Fremde ist durch die Wechselbeziehung dennoch Teil der Gruppe! Simmel sieht im Fremden sogar ein Moment der Objektivität. Ist es manchmal nicht so, dass man sich von Außenstehenden einen Rat holt, oder dass ich Fremden Dinge mitteile, die ich meiner intimsten Freundin nicht sagen würde? Das tue ich, solange ich weiß, der Fremde kommt mir nicht zu nahe.

Denn wenn der Fremde der Ferne zur Fremden der Nähe wird, dann ändert sich der Status in der Gruppe und er oder sie ist nicht mehr fremd. Mag man es „Vertrautwerden“ oder „Integration“ oder sonst wie nennen, der Fremde verliert seinen Status als Fremder in der Gruppe. Ich hoffe, Sie können mir noch folgen, denn für mich ergeben sich daraus drei Gedanken, die mir für die gegenwärtige politische Situation in Europa und bei uns (Sind wir eigentlich Europa oder nach Neusprech „EU-Asylnotstandsgebiet“?) bemerkenswert sind:

Einmal frage ich mich, welches objektive Moment durch die Hilfesuchenden bei uns ankommt. Wenn ich einen Flüchtling als Außenstehenden nach seiner Meinung über das „vereinte Europa“ fragte, was käme zur Antwort? Ein Bekannter erzählte von einem geflüchteten Tuareg, der sein Leben lang als Nomade unterwegs war und von einem Europa ohne Grenzen gehört hat. Er fragt sich zum Beispiel, warum es so problematisch sein sollte, wenn er vom bayrischen Wasserburg nach Frankreich gehen wollte. Und vielleicht sagt uns die Situation noch mehr: Die Werte Europas, die spätestens beim nächsten Terroranschlag wieder beschworen werden, erweisen sich angesichts der Nichthilfeleistung und Unsolidarität der europäischen Staaten als Farce.
Dann frage ich mich, was könnte passieren, wenn wir mit den Fremden, sprich Flüchtlingen, ins Gespräch kämen und uns gegenseitig unsere Besonderheiten erzählten? Erzählen ist identitätsstiftend. Die Fremden wären Teil „unserer Gruppe“ und vielleicht bald schon mehr. Und wäre das der „Untergang des Abendlandes“?

Doch drittens wird es dazu nicht kommen, denn Johanna Mikl-Leitner, unsere demnächst Ex-Innenministerin, und deren Regierungskolleginnen und -kollegen haben offenbar auch Georg Simmel gelesen. Davon bin ich überzeugt, denn sie versuchen, die Wechselwirkung wieder ungeschehen zu machen nach dem Motto „der beste Flüchtling ist der Flüchtling, der nicht existiert“. Sie möchten die Fremden wieder auf den Sirius schicken, damit sie für uns nicht mehr existieren, sie sollen uns nicht einmal mehr fremd sein. Daher vermute ich, dass es in Neusprech bald keine Syrer, sondern höchstens noch „Sirianer“ geben wird. Und ich warte immer noch auf das Fremd-Wörterbuch.