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Pflege das Leben, wo du es triffst

Von Gerd Forcher | Philosophische Gedanken für den Frühling und ein Nachtrag zum Weltfrauentag.

Fühlen Sie schon das Frühlingserwachen? Vielleicht ist es nur die Selbstsuggestion, wenn man auf den Kalender schaut und dort „Frühlingsbeginn“ steht, vielleicht sind es die tatsächlich frühlingshaften Tage oder die innere Uhr, die zu mehr Aktivität antreiben (obwohl es ja Menschen geben soll, die direkt aus dem Winterschlaf in die Frühjahrsmüdigkeit überwechseln). Jedenfalls schien es mir angebracht, mit dem Frühling und dem Wiedererwachen der Natur philosophisch eine Denkerin zu konsultieren, die viel von Natur, Gesundheit, Bewegung und ganzheitlichem Leben versteht. Ich vermute, es kommt nicht von ungefähr, dass es eine Frau ist – und es kommt nicht von ungefähr, dass diese Frau selbst eine robuste und eigenständige Biografie aufweist und gleichzeitig Beraterin von Führungs-persönlichkeiten im öffentlichen Leben ist.

Besser gesagt war, denn die Dame hat vor gut 850 Jahren gelebt und wurde Hildegard von Bingen genannt.

Was über sie als Person überliefert ist, deckt sich sehr mit dem, was sie uns schriftlich hinterlassen hat. In einer Zeit, in der Frauen (wieder einmal) nicht viel zu sagen hatten, von Männern bevormundet und klein gehalten wurden, war Hildegard eine Vorreiterin für die Emanzipation und für eine ganzheitliche Sicht des Menschen – etwas, was wir heute wieder gut brauchen können. Sie war nicht nur überaus gebildet, sie war auch in verschiedensten Bereichen Fachfrau, sei es in den damaligen Naturwissenschaften, besonders in Biologie und Medizin, sei es in der Philosophie und Theologie, oder sei es in der Musik, wo sie als Komponistin 77 Werke und das erste Musikdrama hinterlassen hat. Sie ist die Begründerin der deutschen Mystik und der deutschen Philosophie – etwas, das bis heute in den einschlägigen Fachbüchern unterschlagen oder zumindest nur am Rande erwähnt wird. Selbst der bekannte Meister Eckhart wurde durch Hildegard inspiriert. Und zu ihren Lebzeiten war sie – wie bereits erwähnt — Beraterin von Päpsten, Kaisern, Königen und anderen Ratsuchenden.

Als Mystikerin war sie grundsätzlich schon in einer kritischen Gegenbewegung zur „herkömmlichen“ Philosophie der Scholastik. Denn während die männlich dominierte und vernunftbetonte Scholastik sich darüber stritt, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben (ein bis heute ungelöstes Problem), verband Hildegard in der mystischen Tradition die unmittelbare Begegnung mit dem Göttlichen und dem konkreten Engagement. Sie blieb nicht nur in ihren

Lebenswert

visionären Bildern, sondern verknüpfte diese mit einer weltbejahenden Weltsicht, wie man es sich im Christentum wohl mehr gewünscht hätte und immer noch wünscht. Die Frauenmystik des Mittelalters war gleichzeitig auch Liebesmystik und stark körperbetont. Das zeigt sich in ihrer Sicht vom heilen Menschen, der nicht nur geistig gestärkt, sondern auch körperlich gesund sein sollte. Was heute wieder unter „Hildegard-Medizin“ bekannt ist und als „TEM“ („Traditionelle europäische Medizin“) im Gegensatz zur „TCM“ („Traditionelle chinesische Medizin“) vermittelt wird, hat ihren Ursprung in der ganzheitlichen Sicht auf den Menschen bei Hildegard: „Die Seele liebt ihren Leib und hält ihn für ein schönes Gewand und eine erfreuliche Zier.“

Damit komme ich auch wieder zum Frühling. Hildegard war keine Esoterikerin oder Zauberkünstlerin, sie war eine bodenständige Frau, die übrigens „nebenbei“ zwei Klöster gegründet hat. Sie war gebildet und wissenschaftlich und in ihrem Gesellschaftsbild ihrer Zeit weit voraus. Das waren vielleicht auch ihre wirklichen Visionen. Und als eine solche Frau sah sie den Menschen – egal ob Mann oder Frau – in seiner Ganzheit. Sie wusste, dass gesunde Ernährung zum Heil-Sein ebenso beiträgt wie Musik und Tanz. Ja, sie selbst bezog Kraft aus ihrer Musik und aus dem Tanz – mit offenem Haar und Ringen an den Fingern, was für die damalige Zeit (und wohl auch heute noch) für eine Äbtissin ein Skandal war.

Diese Lebensbejahung in einem Zeitalter, das sich in das genaue Gegenteil entwickelte, war wie ein Frühlingserwachen! „Pflege das Leben, wo du es triffst!“ Für Sie persönlich kann das vielleicht heißen, tatsächlich das Erwachen der Natur und die längeren Tage mit den vielen Sonnenstunden für die Pflege des eigenen Lebens zu nutzen. Es fällt Ihnen sicher genug selbst ein, wie Sie Ihren Körper und Ihre Seele pflegen können, damit sie lebendig bleiben. Nebenbei: Das Wissen darüber haben wir, nur: wann tun wir es?

Für einen weiteren Blick kann das „Pflege das Leben, wo du es triffst!“ sogar ein ethischer Auftrag sein. Wie pflegt Europa derzeit das Leben (Stichwort „Flüchtlinge“)? Wie pflegen wir unsere gesellschaftlichen Entwicklungen (damit möchte ich an den kürzlich begangenen „Weltfrauentag“ erinnern, der heute schon wieder vergessen ist)? Wie pflegen wir die Umwelt? Wie pflegen wir unsere Beziehungen? Hildegard hat vor gut 850 Jahren gelebt – es ist sinnvoll, ihr Leben, ihre Gedanken und Ratschläge auch im 21. Jahrhundert zu reflektieren.