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Schreiben Sie
sich etwas von
der Seele!

Von Gerd Forcher | Eine Anregung, Tagebuch zu schreiben und sich nicht vor eigenen philosophischen Gedanken zu scheuen.

Haben Sie schon einmal dran gedacht, ein Tagebuch zu führen? Führen Sie vielleicht sogar eines? Oder liegt das schon eine Zeit lang zurück? Keine Angst, ich möchte nicht in Ihren innersten Gedanken herumwühlen. Die Frage kam mir, als ich mich unlängst mit den „Bekenntnissen“ von Augustinus beschäftigte. Das ist kein Erotikroman, obwohl der Autor selbst ein recht ausschweifendes Leben geführt hat.

Augustinus war während der Abfassung dieses Werkes bereits Bischof von Hippo in Nordafrika, dem heutigen algerischen Annaba. Seine Zeit war die beginnende Völkerwanderung, er lebte im 4. und 5. Jahrhundert und hatte ein äußerst umtriebiges Leben. Das hat er in diesen genannten „Bekenntnissen“ festgehalten – unter anderem. Die „Bekenntnisse“ oder „Confessiones“ sind die erste Autobiografie in der Geschichte in dem Sinn, wie wir heute Autobiografie verstehen. Sie enthält nicht nur historische Fakten, sondern auch eine Schau nach innen. „Bekenntnis“ heißt bei dem Kirchenmann Augustinus einmal „Sündenbekenntnis“ und dann „Glaubensbekenntnis“. Beides sollen diese 13 Bücher sein. Was mir aber wesentlich erscheint, ist die Tatsache, dass er hier sein Leben in der Rückblende reflektiert und darüber hinaus philosophische Erörterungen einfügt. So ist das gesamte elfte Buch eine philosophische Abhandlung über die Zeit. Sehr passend für einen, der gerade seine Lebenszeit anschaut.

Dabei wird ihm klar, dass es für den Menschen nicht um eine objektive Zeit geht, sondern viel mehr um Zeiterfahrung. Wie ich persönlich meine Zeit erlebe, bestimmt mein Leben – nicht wie eine Uhr Zeit misst. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden mir immer gegenwärtig bewusst. Und diese Leistung meines Bewusstseins, diese drei Zeitdimensionen zusammenzubringen, führt mich nicht selten auch in eine Verwirrung und Unruhe. Augustinus spricht von der „Ausdehnung des Geistes“: die Vergangenheit, die uns beschäftigt, die unbekannte Zukunft, die uns ängstigt, und die Gegenwart, die das alles verbindet: manchmal ein bisschen viel für den kleinen menschlichen Geist. Ein wenig erinnert mich Augustinus an die buddhistischen Ausführungen zum gegenwärtigen Augenblick und dem Leben im Hier und Jetzt – etwas, das in der Meditation klar werden kann. Achtsamkeit liegt ja groß im Trend. Doch nicht nur der Buddhismus steht dafür Pate, auch in der westlichen Tradition gibt es Ansätze, wie es eben bei Augustinus der

Lebenswert

Fall ist. Die Fokussierung auf die Ewigkeit, um den ständigen Veränderungen im Kopf zu entkommen, entspricht vielleicht der Achtsamkeit in der Meditation.

Doch eigentlich möchte ich ja wieder zu meiner Ausgangsfrage zurück. Denn ich glaube, dass Augustinus durch das Schreiben seiner autobiografischen Notizen nicht „nur“ philosophieren oder christliche Propaganda verbreiten wollte, sondern dass er sich damit auch etwas „von der Seele“ geschrieben hat. Und meine Vermutung: Viele Philosophinnen und Philosophen schreiben sich in ihren Werken etwas von der Seele – vielleicht führen sie so etwas wie ein öffentliches Tagebuch, das damit zwei Fliegen auf einmal trifft: Die Welt hat ein paar weise Gedanken mehr (oder auch nicht) und die Autorin oder der Autor ist etwas losgeworden. Ich merke gerade, dass es mir zumindest jetzt im Schreiben dieser Zeilen ähnlich geht: Ich „philosophiere“ so vor mich hin. Vielleicht ist auch das ein Stück Sinn von Philosophie: Dem eigenen Denken und Gedanken etwas Gutes zu tun, indem man es einfach niederschreibt. Versuchen Sie es doch selbst einmal! Ich erlebe es in Philosophiekursen oder philosophischen Gesprächen immer wieder, dass Leute ihre eigenen philosophischen Gedanken mitbringen – manchmal etwas verschämt, weil sie nicht wissen, ob es schon „philosophisch“ genug ist, manchmal aber auch sehr stolz auf die eigenen Gedanken.

Und ehrlich gesagt geht es ja nicht um eine wissenschaftliche Arbeit, sondern um die Beschäftigung mit dem eigenen Leben und um die Reflexionen dazu. Ich kann Sie nur ermutigen, in die Fußstapfen des Hl. Augustinus (ja, heiliggesprochen wurde er auch noch) zu steigen und Ihre persönliche Biografie zu schreiben – oder einfach tatsächlich mit einem Tagebuch anzufangen. In manchen Kursen habe ich den Leuten auch vorgeschlagen, Sie sollten doch zumindest während der Kursdauer ein „philosophisches Tagebuch“ führen. Das kann sehr spannend sein – gerade, wenn man nach einiger Zeit die eigenen Gedanken und Reflexionen wieder liest und merkt, was sich im eigenen Denken getan hat oder wie sich gewisse Themen wie ein roter Faden durch das Leben ziehen. Und vielleicht ist es ein Dienst an der eigenen Psychohygiene. Sollten Sie es tatsächlich versuchen: Ich freue mich über Erfahrungsberichte und möglicherweise über einen kleinen Austausch der philosophischen Tagebuchgedanken!