Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 3:05 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Europas Sprache ist die Übersetzung

Von Gerd Forcher | Warum wir immer noch mehr an Begriffe als an Menschen glauben. Gedanken zum Tod von Umberto Eco und zum europäischen Dilemma.

Die Nachricht vom Tod Umberto Ecos verbinden wohl die meisten Menschen mit seinem Roman „Der Name der Rose“ und dessen Verfilmung. Wer den Roman nicht gelesen hat, erinnert sich möglicherweise zumindest an Sean Connery und an die letzte Rolle von Helmut Qualtinger in dem mittelalterlichen Kriminalfilm. Vielen ist vielleicht gar nicht bewusst, dass Eco nicht nur Schriftsteller, sondern auch Philosoph war – und dies in diesem und anderen Romanen auch hintergründig zeigte. Ein philosophisches Thema, das sich durch „Der Name der Rose“ zieht, ist der mittelalterliche Streit um dies sogenannten Universalien. Philosophisch wird der Streit bis in die Gegenwart geführt. Und in einem „vereinten“ Europa scheint dieser Streit sogar politische Realität zu gewinnen.

Was ist damit gemeint? Der „Universalienstreit“ dreht sich schlicht um die Frage: Was ist wirklich real: der einzelne gegebene Gegenstand oder der allgemeine Begriff (die „Universalie“) von einem Gegenstand? Also: Gibt es nur die einzelnen Rosen oder ist nicht bereits der Begriff der Rose ausschlaggebend dafür, dass wir von einzelnen Rosen reden können? Wer meinte, dass es um die einzelnen Rosen geht, wurde „Nominalist“ genannt. Wer vertrat, dass der Begriff „Rose“ real ist, wurde als „Realist“ bezeichnet. Was uns heute eigentlich als fast lächerliche Fragestellung erscheint (denn inzwischen scheinen wir alle „Nominalistinnen und Nominalisten“ zu sein), das wurde seinerzeit erbittert ausgefochten.

Ecos Roman geht immer wieder auf die damalige Debatte ein, allein durch den Namen der Hauptfigur William von Baskerville, der sich einerseits an William von Ockham, andererseits an den „Hund von Baskerville“ (eine Erzählung um Sherlock Holmes von Arthur Conan Doylue) anlehnt. William von Ockham war seines Zeichens Philosoph der nominalistischen Richtung – und auch William von Baskerville scheint diesen Ansatz in der mittelalterlichen Erzählung zu vertreten.

Er löst durch diese Sichtweise auch den Kriminalfall, allerdings bemerkt er zum Schluss: „Ich bin wie ein Besessener hinter einem Anschein von Ordnung hergelaufen, während ich doch hätte wissen müssen, dass es in der Welt keine Ordnung gibt.“

Hier lande ich bei der politischen Dimension eines neuen „Universalienstreits“, die mir das momentane Dilemma Europas zumindest

Lebenswert

ansatzweise erklärlich macht. Die Politikerinnen und Politiker gaukeln sich und uns eine „Ordnung“ in Europa vor, ausgehend vom schon erwähnten „vereinten Europa“. Doch beide – Ordnung und Europa – sind letztlich Begriffe, denen keine Realität entspricht! Es sind Worte, denen wir eine Daseinsberechtigung geben, obwohl die konkrete Situation – nämlich der Zuzug von flüchtenden Menschen nach Europa und das hilflose „Management“ der Staaten (übrigens ist „Staat“ letztlich auch nur ein historischer Begriff der Neuzeit) – eine andere Realität vermuten lassen.

Wir „Nominalistinnen und Nominalisten“ sind tatsächlich auch heute noch „Realistinnen und Realisten“ in diesem mittelalterlichen Sinn: Begriffe haben für uns mehr Wirklichkeit als konkrete Personen und Situationen: „Nationalstaat“, „Europa“, „Volk“, „Ordnung“, „Sicherheit“, „Grenzmanagement“ und ähnliche Worte machen uns weis, dass sie realer sind als konkrete Menschen auf der Flucht , Pöbel, der mit Gewalt diese Menschen ängstigt, und Zäune, die die Unfähigkeit europäischer Politik symbolisieren.

Es gibt sie aber nicht: Ordnung, Europa („vereint“ inzwischen erwiesenermaßen schon gar nicht), Sicherheit und so weiter. So schließt auch der Begleiter von William, Adson (in Anlehnung an Dr. Watson), am Schluss von Ecos Erstlingswerk: „Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus“ („Die Rose von einst steht nur noch als Name, uns bleiben nur nackte Namen“). Und er zitiert hier Bernhard von Cluny, einen mittelalterlichen Benediktinermönch und Dichter, der diese Zeilen in seinem Werk „Von der Geringschätzung der Welt“ niederschreibt. Auch wir hängen nur noch an „nackten Namen“.

Als Umberto Eco „Der Name der Rose“ geschrieben hatte, dachte er noch nicht an die Geschehnisse im heutigen Europa. Heute verpuffen die Begrifflichkeiten. Dabei hatte Eco noch ein Zitat parat (allerdings aus einem anderen Zusammenhang), das uns daran erinnern könnte, wie aus dem bloßen Begriff „Europa“ etwas Konkretes werden könnte: „Die Sprache Europas ist die Übersetzung“. Eco als sprachphilosophisch versierter Wissenschaftler und Autor, erkannte in der Vielfalt der Sprachen in Europa (es sollen in der EU an die 200 sein, 24 davon anerkannt) ein Potential, wie Verschiedenheit durch „Übersetzung“ zu gegenseitigem Verständnis und Akzeptanz führen könnte. Und an dieser Übersetzungsarbeit mangelt es im vermeintlich „vereinten Europa“, das noch auf „Ordnung“ setzt.