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Wir
Narren

Von Gerd Forcher | Alles, was nicht „normal“ ist, ist närrisch. Das zeigt sich nicht nur im Fasching, sondern in der Philosophie das ganze Jahr über.

Haben Sie dieses Jahr etwas davon mitbekommen? Ich spreche (oder besser: schreibe) vom diesjährigen Fasching. Einer der kürzestmöglichen: kaum begonnen, schon wieder vorbei. Nun, mir ist seine Kürze vor allem durch die kurze Faschingskrapfensaison aufgefallen. Ansonsten bin ich eher zwiegespalten, was die verordnete Narretei angeht. Wie stehen Sie zum Faschingstreiben? Wenn ich meine Umgebung beobachte, dann erlebe ich sehr viele Varianten: Manche, die sich auf traditionsreiche Umzüge in den Gemeinden und Dörfern freuen. Andere, die vielleicht nicht sagen wollen, dass sie froh sind, dass Rosenmontag und Faschingsdienstag diesmal in den Semesterferien sind und damit – z.B. in den Schulen – keine Überlegungen zum bunten Treiben anstellen müssen. Dann gibt es die ausgesprochenen Faschingsmuffel. Dazu zähle ich mich nun allerdings doch auch nicht. Denn wenn auch die Philosophie (wie ich es in einer denk.pause bereits einmal erwähnt habe) nicht gerade zu den großen Trägerinnen des Humors zählt, so ist ihr gerade das „närrische Treiben“ vertraut.

Ja, ich bin versucht, Philosophinnen und Philosophen mit Närrinnen und Narren gleichzusetzen. So etwas wie „Narren“ gibt es in allen möglichen Kulturen, ihre Bedeutung variiert jedoch nicht nur von Kultur zu Kultur, sondern auch innerhalb eines Gesellschaftssystems. In unseren Breiten waren Närrin und Narr sogar Begriffe mit einem weiten Bedeutungsrahmen. Einmal kamen sie gar nicht gut weg, da sie – in Anlehnung an einen biblischen Psalm – als gottesfern, sündig, teuflisch und daher als außerhalb der Gesellschaftsordnung gesehen wurden. Wenn wir heute den Fasching mit Närrinnen und Narren aus dem Rheinland oder aus Villach assoziieren, dann kommen uns mehr oder weniger lustige Figuren in den Sinn, die sogar eine Zeitlang die Stadtregierung übernehmen. Dass die Narretei ihren Platz in der Fasnacht hat, liegt aber daran, dass sie eben für dieses Teuflische und Gottlose in der „sündhaften“ Faschingszeit steht, während dann die positive, gottgewollte Fastenzeit folgt. Zu diesen Närrinnen und Narren wurden dann übrigens auch die Juden gezählt, die ja auch nach damaligem christlichen Verständnis „gottlos“ waren – also keine wirklich entspannt fröhliche Sicht des Karnevals!

Parallel dazu gab es aber auch die „natürlichen Narren“ – auch nicht unbedingt eine menschenfreundliche Sicht auf Menschen, die nicht als „normal“ galten, sprich Menschen mit Behinderung, psychischen Erkrankungen und Missbildungen. Also Menschen, die auch nicht in

Lebenswert

die „normale“ Gesellschaft passten.

Und letztlich gab es die „Hochform“ der Närrinnen und Narren: diejenigen am Hofe bzw. diejenigen, die sich sogar Städte leisteten. Der Hofnarr Maximilians I. zum Beispiel war Kunz von der Rosen, der heute noch als Figur die Kinder durch das Innsbrucker Stadtmuseum führt. Es gab tatsächlich auch Hofnärrinnen wie Marthurine am französischen Hof. Till Eulenspiegel ist wohl der bekannteste Stadtnarr. Hof- und Stadtnärrinnen und -narren hatten das Privileg, manchmal als Einzige den Herrschenden kritisch den Spiegel vor die Nase zu halten und auf Missstände aufmerksam zu machen. Sie hatten die bis heute so bezeichnete „Narrenfreiheit“.

Närrinnen und Narren: schillernde Bedeutungen des Namens. Aber was allen Bedeutungen zugrunde liegt: Närrinnen und Narren sind außerhalb der „Norm“, liegen nicht im Mainstream, zeigen, dass es anders auch geht. Und damit bin ich wieder bei den Philosophinnen und Philosophen gelandet. Bildlich gesprochen (oder doch wieder geschrieben): der elfenbeinerne Turm und der Narrenturm liegen nicht weit voneinander entfernt. Nicht nur dass Philosophinnen und Philosophen oftmals belächelt und nicht sehr ernst genommen werden, sie versuchen durch ihr Querdenken und durch ihre oftmals lästigen Fragen die „Normalität“ und die Alltagsroutine zu hinterfragen. Es geht schon damit los, dass bei näherem Hinsehen ganz und gar nicht klar ist, was „normal“ bedeutet. Gesellschaftlich hätte das Hinhören auf philosophische Fragen große Wirkungen, denn sie hinterfragen gegenwärtige politische Handlungen genauso wie weltanschauliche Selbstverständlichkeiten. Im privaten Bereich könnten sich plötzlich Blickwinkel ändern und eine neue Sicht auf alte Probleme ergeben. Nicht umsonst heißt ein altes Sprichwort „Von Kindern und Narren kann man die Wahrheit erfahren.“

Übrigens ist hier eine Anekdote von Kunz von der Rosen zum Abschluss noch passend, die auch umgekehrt die Närrinnen und Narren als philosophische Menschen ausweisen. Auf die Frage Kaiser Maximilians, ob er einem Friedensschluss zustimmen sollte, antwortete der Hofnarr mit einer Gegenfrage, wie alt man ihn schätze. Nach längerem Hin und Her meine Kunz: „Ich bin mindestens 200 Jahre alt, denn ich war mindestens zweimal zugegen, als man Frieden für jeweils 100 Jahre schloss.“ Freilich, Philosophinnen und Philosophen fehlt meist die humorvolle Sprache, aber dafür fragen sie auch über den Fasching hinaus das ganze Jahr.