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Sport und sein (Wahn-)Sinn

Von Gerd Forcher | Ob die Streif und ein im philosophischen Sinn gesundes Leben vereinbar sind, ist nicht erst neuerdings fraglich.

Zugegeben, Sport ist nicht mein Metier. Manchmal fühle ich mich daher in einem „Sportland“ wie Tirol sogar ein wenig fremd, wenn ich sehe, wie viel in Sportinfrastruktur und Sportevents investiert wird. Das vergangene Wochenende löste in mir wieder ein solches Fremdsein-Gefühl aus: Das „Megaevent“ Kitzbühel und Streif. Medial konnte man sich nicht entziehen, irgendwie etwas davon mit zu bekommen – und seien es nur oder gerade die Adabei-Storys von Stanglwirt und Co.

Jedoch anstatt Sie nun mit meinem Gejammere über den Sport bzw. das, was medial dafür gehalten wird, zu langweilen, nutze ich Kitzbühel, um darüber zu philosophieren. Und Sie werden staunen: Da bin ich nicht der Erste, der das macht. Es gibt wie bei fast allen Disziplinen inzwischen tatsächlich auch die „Sportphilosophie“. Sogar Lehrstühle an Universitäten sind dafür geschaffen worden. Nun aber einmal langsam, werden Sie vielleicht einwerfen: Sport ist doch so konkret wie nur irgendwas. Sport lebt vom Tun und Ausführen, wenn es nicht gerade ein Denksport wie Schach ist. Philosophie hingegen ist Reflexion, Denken, Muße, ja für manche sogar Müßiggang!

Hier bitte ich Sie, tatsächlich nochmals auf die Streif zu blicken und – wenn Sie die Bilder gesehen haben sollten – sich die Stürze der Rennläufer vor Augen zu halten, die es reihenweise nur so durch die Luft gewirbelt hat. Die Streif – angeblich die schwierigste Abfahrt der Welt – forderte ihren Tribut. Eine Zeitung titelte danach sogar ganz philosophisch: „Sturzorgie und Sinnfrage“. Die Diskussionen, die hier auftauchen, behandeln genauer betrachtet tatsächlich philosophische Themen: Ist es ethisch verantwortbar, Menschen in sportliche Wettkämpfe zu schicken, wenn deren Gesundheit in hohem Maße bedroht ist? Selbst die besten Skifahrer wie Aksel Lund Svindal und Hannes Reichelt sind dieses Jahr der Strecke zum Opfer gefallen. Die Gefahr schien abschätzbar. Dennoch brauchte es 30 Läufer, bis das Rennen abgebrochen wurde. Kitzbühel ist nicht das einzige Beispiel, das moralische Fragen aufwirft: Formel 1 und andere Extremsportarten leben unter anderem von der Gefahr und dem Nervenkitzel. Sie sind die Gladiatorenspiele der Neuzeit, so hat es meine Zauberfuchs-Kollegin Nikoletta Zambelis in ihrer jüngsten Zauberspiegel-Kolumne (hier zu finden) pessimistisch formuliert.

Gleichzeitig ist aber auch die philosophische Anthropologie (also die Lehre vom Menschen mit der zentralen Frage: Was ist der Mensch?) gefordert. Wie ist das Menschenbild in solchen Sportspektakeln, die ja zum Teil mit Spitzenleistungen nichts mehr zu tun haben, sondern eher den Menschen verzwecken und entfremden? Wie werden im Sportzirkus Menschen gesehen? Als freie autonome
Wesen?

Lebenswert

Als lebendige Organismen, die wie Maschinen und Computer gesteuert werden? Als Rädchen im ökonomischen Geschäft des Sports, an dessen Laufen auch Konzerne, Medien, Tourismus und andere mehr Interesse haben? Oder ist der Sport doch für den Menschen da, weil der Mensch ein ganzheitliches Wesen ist, das durch körperliche Ertüchtigung zu Zufriedenheit finden kann?

Und dann kommt sogar noch so etwas wie Ontologie, also die Lehre vom Sein als Sein, dazu. Ja, selbst so eine scheinbar überholte und realitätsfremde Disziplin der Philosophie hat Fragen an den Sport: Wie real ist „Sport“ überhaupt? Wenn wir uns an Aristoteles halten, dann können wir nach den vier Gründen des Sports fragen. Da gibt es die Frage nach dem „Material“, das es braucht, um Sport zu betreiben. Dann die Frage nach der Form: Was definiert sich als Sport? Und die sogenannte Wirkursache: Wer ist es, der Sport betreibt? Und letztlich die Frage nach dem Ziel: Welchen Zweck soll Sport erfüllen?

Gerade die letzte Frage, die die sogenannte „Zielursache“ anspricht, kann helfen, Sport von Mord zu unterscheiden (Ich gebe zu: Winston Churchills Motto „Sport ist Mord“ war mir einmal sehr nahe – inzwischen differenziere ich doch etwas). Wozu dient der Sport? Oder ist es inzwischen so, dass der Mensch dem Sport dient? Weiter oben habe ich meinen Ansatz schon angedeutet: Wenn ich den Menschen als ganzheitliches Wesen mit Körper, Geist und Seele ansehe, dann braucht der Körper eine Betätigung, die dem ganzen Wesen Mensch zum guten Leben unterstützt. Da gibt es dann viele Beispiele an Sportarten, die diese Ansicht unterstützen – sofern sie (wieder mit Aristoteles gesprochen) im Maße ausgeübt werden.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Begriffe „Gymnasium“ und „Gymnastik“ miteinander verwandt sind. Das Gymnasium in der Antike war nicht nur ein Ort der geistigen Bildung für junge Männer, sondern auch und vor allem Ort körperlicher Ertüchtigung. „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“ war damals bereits die Devise. Erfüllt das Hahnenkamm-Rennen diesen Zweck? Nun, ich halte es philosophisch und lasse die Antwort offen.

Die Frage: Welchen Zweck erfüllt Sport? kann jede und jeder für sich selbst beantworten, angewandt auf die verschiedensten Sportevents im Land und darüber hinaus. Ich für mich werde mich doch auch ein wenig mehr mit dem Thema beschäftigen und es auf mich selbst anwenden: Welche sportliche Betätigung könnte bei mir zu einem ganzheitlichen guten Leben beitragen? Vielleicht finde ich ja etwas angesichts des nahenden Frühjahrs. Und vielleicht beginne ich doch auch wieder zu joggen – um den Geist für neue philosophische Gedanken frei zu bekommen.