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Warum Gott
Mensch wurde

Von Gerd Forcher | Und warum der Mensch zu Weihnachten fix und fertig sein muss.

Verwechselt der Forcher jetzt zu Weihnachten seine Rolle des philosophierenden Kolumnenschreibers mit seiner Rolle als gelernter Theologe? Nun, der Verdacht liegt nahe, aber eigentlich hole ich heute einfach einmal weiter aus, um zu meiner weihnachtlichen Kernfrage zu kommen: Warum stressen wir uns vor und zu Weihnachten und warum scheinen wir das zu brauchen?

Und hier gehe ich nicht einmal bis zurück bis zum ersten Weihnachten vor mehr als 2000 Jahren, sondern begnüge mich schon mit einem Gang in die mittelalterliche Philosophie gegen Ende des 11. Jahrhunderts. Zu der Zeit schrieb nämlich der Mönch, Bischof, Theologe und Philosoph (das war damals nicht selten in einer Person vereint) Anselm von Aosta ein Büchlein mit dem Titel „Cur Deus homo“, also „Warum Gott Mensch wurde“. Anselm ist zwar besser bekannt unter dem Namen Anselm von Canterbury, aber da er in Canterbury nicht lange und wenn, dann sehr ungern lebte, wird er eben auch nach seinem Herkunftsort genannt. Doch das nur nebenbei. Die Leserin und den Leser dieser Schrift erwartet keine Weihnachtsgeschichte oder dergleichen. Anselm versucht vom christlichen Glauben abzusehen und rein rational und philosophisch zu begründen, warum es geradezu notwendig ist, dass Gott Mensch wird – ob in Jesus oder sonst wen: vollkommen egal.

Wenn Sie noch kurz dran bleiben, beschreibe ich, wie Anselm zu seiner Erklärung kommt, und dann…dann komme ich zum Weihnachtsstress… Also: Anselm selbst glaubt tatsächlich, dass Gott wie ein mittelalterlicher Herrscher nach germanischem Recht „funktioniert“, d.h. nach damaliger Rechtsauffassung musste jemand, der sich was zu Schulden hat kommen lassen, für diese Schuld entweder bestraft werden (was – wie Sie sich vorstellen können – im Mittelalter nicht die beste Variante war) oder Genugtuung leisten (also sich in einer demütigenden Weise entschuldigen). Dabei konnte auch ein kleines Vergehen eine große Genugtuung verlangen, nämlich dann, wenn die Herrschaft höher gestellt war. Also: Pinkeln gegen den Stall eines Bauern war ein geringes Vergehen, pinkeln gegen die Burg des Fürsten hatte schon ganz andere Folgen (entschuldigen Sie bitte den profanen Vergleich).

Wenn nun Gott ein solcher Herrscher war und sich an germanisches Recht hielt, dann war er als der unendliche und allmächtige Herr auch schon durch ein kleines Vergehen so beleidigt worden, dass kein Mensch mehr Genugtuung leisten konnte. Also war es logisch, dass eine solche Genugtuung nur durch jemanden geleistet werden konnte, der Gott ebenbürtig war: nämlich Gott selbst. Da es

Lebenswert

aber menschliche Vergehen waren und damit von Menschen Genugtuung geleistet werden musste, konnte das wiederum nur ein Mensch leisten. Voilà: Gott muss Mensch werden, damit er sich sozusagen selbst Genugtuung leisten kann!

Wenn Sie jetzt immer noch da sind, können Sie vielleicht die Genialität dieses Schlusses nachvollziehen. Der Haken daran: Die Gründe Anselms sind nicht rational oder philosophisch unabhängig vom Zeitgeist, sie sind zeitlich bedingte Voraussetzungen, wie es sie nur im mittelalterlichen Europa unter germanischer Rechtsprechung gegeben hat. Anselm war ein Kind seiner Zeit – das ist ihm nicht zu verübeln. Aber er wird damit zu einem Spiegel für heute anscheinend so „logische“, „vernünftige“ und „unabänderliche“ Gründe für alles Mögliche. Mögen wir Anselm mit einem Lächeln bedenken, so sollten wir uns doch fragen, ob wir heute nicht vieles (wenn nicht gar alles) als unabänderlich und „eh klar“ erachten – was es aber so gar nicht ist! Anselms Argument, warum Gott Mensch werden musste, ist aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar und als zeitlich bedingt entlarvt.

Wann werden unsere Argumente ebenso als nicht unumstößlich entlarvt werden? Das sind die kleinen Argumente und Statements wie: „Vor Weihnachten gehört der Stress halt dazu.“ – „Die stillste Zeit im Jahr ist der Advent schon lange nicht mehr.“ – „Man muss halt zu Weihnachten die Verwandten besuchen. Und ich bin froh, wenn das wieder vorbei ist.“ Aber es sind auch die großen argumentativen Totschläger, die gerade zur Weihnachtszeit greifen wie: „Geht es der Wirtschaft gut, geht es uns allen gut.“ – „Zu Weihnachten haben wir die größten Umsätze, daher müssten wir eigentlich auch an allen Sonntagen die Läden offen haben.“ – „Man kann sich halt dem Weihnachtsgeschäft nicht entziehen.“ – „Man kann den Kindern doch nicht die Geschenke verwehren, egal woher sie kommen.“ Und und und. Sie kennen wahrscheinlich noch mehr und noch ganz andere „Formeln“, die unreflektiert herumschwirren und uns zu Marionetten der Weihnachtsmaschinerie machen.

Was hindert uns daran, zu erkennen, dass auch wir Kinder unserer Zeit sind und dass der Geschenkewahn zu Weihnachten und die Wirtschaft, die nur durch Weihnachten leben kann, keine gottgegebenen und schon gar nicht unumstößliche Größen sind? Vielleicht brauchen wir noch eine Weile diese Art von „Vernunft“, bis wir so fertig sind, dass wir gerne nach Alternativen suchen. Aber bis dahin leben wir doch noch frei nach Anselm von Aosta: „Warum der Mensch zu Weihnachten fix und fertig sein muss.“