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Seelenruhe in der geschäftigsten
Zeit des Jahres

Von Gerd Forcher | Oder wie ich mir in einer umtriebigen Zeit Frohsinn erhalten möchte.

Am vergangenen Samstag habe ich es tatsächlich gewagt, mit einem Besuch von auswärts die Christkindlmärkte in der Innsbrucker Altstadt und in der Maria Theresien-Straße zu besuchen. Selbst schuld, sagen Sie? Freilich, wer ohne größere Verpflichtung an einem Adventwochenende größere Christkindlmärkte besucht, braucht keine kritischen Worte über die Hektik der vorweihnachtlichen Zeit zu verlieren. Ich bin auch vorsichtig mit Appellen und Aufrufen, die erörtern, dass wir ja selbst teilhaben am Konsumrausch und Hektikwahnsinn und selbst etwas dazu tun könnten, daraus wieder eine besinnliche Zeit zu machen. Das wäre zum Beispiel für alle Handelsangestellten in dieser Zeit ein Schlag ins Gesicht, die jährlich darum kämpfen müssen, dass nicht Leute aus der Wirtschaft, die nur auf den Boden sehen (sogenannte „Bodense(h)er“), ihnen noch mehr ihrer persönlichen Lebenszeit rauben und „Goldene“ Einkaufssonntage einführen wollen (wobei „golden“ auch nur auf die Registrierkassen der Wirtschaftstreibenden zutreffen dürfte).

Mir ist bewusst, dass es für viele rein beruflich schon unmöglich ist, vorweihnachtliche, sprich: besinnliche Stimmung aufkommen zu lassen. Und mittlerweile habe ich auch den Eindruck, dass die Adventszeit nicht mehr die einzige Zeit der Hektik und geschäftigen Überforderung ist. Sie steht als Teil für das Ganze: eine Gesellschaft im Hamsterrad, das sich immer rascher dreht und keinen Ausgang hat – noch nicht! Jemand hat das einmal so formuliert: „Viele glauben, auf der Karriereleiter nach oben zu eilen, dabei sehen sie nicht, dass sie sich nur im Hamsterrad befinden.“

Ich glaube, es schon einmal erwähnt zu haben: Die antiken Philosophen, besonders aus der Stoa, des Epikureismus und der Skepsis, haben ähnliche Phänomene bereits bei ihren Zeitgenossen (die Zeitgenossinnen waren ja noch nicht im Blickfeld der männlichen Öffentlichkeit) wahrgenommen. Staatsgeschäfte und Geschäfte wirtschaftlicher Art hatten schon im antiken Rom eine Stressdimension. Philosophen wie Seneca oder Epiktet machten darauf aufmerksam und hatten als Lösungsansatz die „Ruhe der Seele“ im Gepäck. Bei manchen Philosophen klang das wie „Gleichgültigkeit“, „Zurückgezogenheit“, „Weltflucht“. Epikur riet sogar, im Verborgenen zu leben. Ist die Alternative zum vorweihnachtlichen Wahnsinn also der Rückzug in die eigenen vier Wände?

Ich weiß nicht, ob selbst die weltfremdesten Philosophen und Philosophinnen eine so radikale Ansicht ernst genommen hätten. Zwischen adventlichem Burnout und schicksalsergebenem Rückzug in das individuelle Schneckenhaus gibt es noch andere Sichtweisen. Die Seelenruhe Epikurs, die der Stoiker Seneca bereitwillig

Lebenswert

aufnimmt, ist keine pathologische Aphatie oder Gefühllosigkeit. Seneca leitet das lateinische „tranquilitas animae“ (wörtlich „Stille der Seele“) vom griechischen „euthymia“ ab. Und dort heißt es übersetzt: „Humor“, „Frohsinn“. Seelenruhe ist also Frohsinn, der auch erhalten bleibt, wenn es rundherum Hektik, Unruhe, Spannungen und Antreiber gibt.

Diese Haltung des Frohsinns wächst freilich nicht auf Bäumen (und auf Christbäumen schon gar nicht), sie kann nur erworben werden. Wie machten das die alten Philosophinnen und Philosophen? Sie übten sich in einer Sichtweise, die ihnen zeigte, wie alles vergänglich und vorübergehend ist. Es war eine Lebenskunst, die eigentlich in einer Kunst des Sterbens lag. Das klingt nun auf den ersten Blick ein wenig morbid, aber versuchen Sie es selbst: Wenn Sie sich vorstellen, Sie hätten nur noch wenige Wochen zu leben: Was wäre Ihnen da wichtig? Was wollten Sie unbedingt noch tun in dieser Zeit? Lassen Sie sich für die Antwort ruhig Zeit. Und wenn Sie sie sich selbst die Antwort gegeben haben, erfahren Sie vielleicht auch schon, wie relativ so manche Stresssituation und Rastlosigkeit ist. Allein der Blick auf die eigene Vergänglichkeit kann in mir schon etwas an Gelassenheit (Ataraxie – ein anderes Lieblingswort alter Philosophinnen und Philosophen) auslösen.

Und sollte Ihnen der Blick auf das eigene Sterben tatsächlich zu heftig sein: Denken Sie daran, was Ihre größten Sehnsüchte sind oder was Sie in Ihrem Leben auf alle Fälle noch tun möchten. Unlängst in einer gemütlichen Abendrunde meinte eine Gesprächspartnerin: „In zweieinhalb Jahren gehe ich in Pension. Und da erfülle ich mir zwei Wünsche, die ich schon lange in mir trage: Ich lerne Gitarre und ziehe für ein halbes Jahr nach Florenz!“ Ich war beeindruckt – und daher im ersten Moment ratlos, als sie mir die Frage stellte: „Und was sind deine Sehnsüchte? Was möchtest du machen?“ Ich gebe zu: Ich selbst habe mir die Frage lange nicht mehr gestellt – und gespürt: In diesen Tagen, in denen die Tage so kurz sind, die vermeintlich besinnliche Zeit droht, sich in ein hetzendes Geschäftigkeitsmonster zu verwandeln, und die gesamtgesellschaftliche Situation mit Terror, Flüchtlingsströmen und Not an allen Enden eine Endzeitstimmung auslöst — in diesen Tagen also sind mir die Fragen „Was ist deine Sehnsucht? Was wäre dir wichtig, wenn du nur noch ein paar Wochen zu leben hättest?“ ein Weg zur Seelenruhe. Da kann es rundherum noch so hektisch und antreibend sein, selbst am Christkindlmarkt: Mein Inneres schafft Platz für die Euthymie, den Frohsinn, der der Seele (oder wie immer ich meinen Wesenskern nennen will) Ruhe verschafft. Ein Stück dieses Frohsinns und dieser Seelenruhe zu erfahren, das wünsche ich Ihnen am Eingang der geschäftigsten Zeit des Jahres.