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Die Entzauberung
der Welt

Von Gerd Forcher | Was uns der Terrorismus von Paris über den Status unserer Aufklärung lehren könnte.

Was wir dieser Tage erleben, ist ein Déjà-vu: heulende Sirenen in Paris, verwirrende Bilder von Menschen, liegend, laufend oder sich hinter Fahrzeugen versteckend —Nachrichten von einer Terrornacht, die die blutigste in Frankreich seit Ende des Zweiten Weltkrieges war. Vielleicht haben Sie an diesem Freitagabend selbst gebannt die Bilder im Fernsehen verfolgt und in den fast minütlich neu einlangenden Horrormeldungen eine Erinnerung an 9/11 gehabt. Vielleicht sind auch Sie nun verunsichert, wie es bei uns weitergehen soll, ob demnächst auch in Ihrem Lieblingslokal Granaten gezündet werden. Angst, Schrecken, Ohnmacht — Fassungslosigkeit angesichts des Terrors vor unserer Haustüre.

Was bedeuten diese Anschläge — nicht die ersten in Europa — für uns? Ändert sich unser Alltag? Verharren wir in der Furcht vor Terror im eigenen Land oder wenn wir auf Reisen sind? Was heißt das für mein Weltbild? Nach 9/11 änderte sich schleichend die Sicht der Welt: Alles musste überwacht und gesichert werden. Die USA als betroffene Macht schreckten vor Folter und Krieg im Namen des „Kriegs gegen den Terror“ nicht zurück. Der französische Präsident Hollande nahm in der Terrornacht ebenfalls das Wort „Krieg“ in den Mund. Die Erregung und Empörung angesichts der unmenschlichen, ja entmenschlichten Geschehnisse in der Nacht des 13. Novembers 2015 ist nur allzu gut nachvollziehbar. Doch nochmals: Was heißt das für uns, was heißt das für Europa?

Europa sieht sich als aufgeklärter Kontinent, hat scheinbar in Menschenrechten und rationalen Vollzügen in Gesellschaft und Politik seit 1945 große Fortschritte gemacht. Und nun fallen wilde Terroristen mit orientalisch-rückständigem Gehabe bei uns ein und erklären der westlichen Zivilisation den Krieg? Möglicherweise ist meine Formulierung eine überspitzte, ich glaube, sie trifft aber eine Grundstimmung, die sich mit den jüngsten Terroranschlägen bei uns breit macht. Jemand formulierte es so: Es gehe um „die Erkenntnis, warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“.

Die Schreiber dieser Zeilen stellten auch fest: „Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie wollte die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen.“ Die Aufklärung wird angesichts der Hilflosigkeit gegenüber terroristischer Anschläge scheinbar selbst wieder zu einem Mythos: Nach mehr als 200 Jahren Aufklärung und Französischer Revolution sind es nicht Vernunft und Menschlichkeit, die die Welt bestimmen, sondern Irrationalität und Barbarei.

Die Schreiber der oben genannten Zitate beziehen sich übrigens nicht auf die aktuellen Vorgänge, nicht einmal auf die zeitgeschichtlichen

Lebenswert

Phänomene seit 2001. Die Zeilen sind zwischen 1939 und 1944 von Theodor Adorno und Max Horkheimer verfasst worden und fanden ihren Niederschlag in ihrer Hauptschrift „Dialektik der Aufklärung“. Der direkte Bezug waren die Verhältnisse des Zweiten Weltkriegs und der Judenverfolgung. Das Buch selbst trägt eine komplexe Kritik der Aufklärung, die angeblich den Mythos überwunden haben will, aber sich nun selbst als Mythos entpuppt. Adorno bezeichnete manche seiner Texte gerne als „Flaschenpost“, da er sie selbst nicht nur an die damalige Gegenwart gebunden sah. Vielmehr könnten sich manche Entwicklungen erst Leserinnen und Lesern späterer Epochen erschließen. Spätere Generationen könnten also seine Texte wie eine Flaschenpost an Land holen und in ihre Zeit übersetzen.
Prophetisch oder nicht: Der Grundgedanke, dass wir unser Selbstbild als aufgeklärte Gesellschaft nochmals reflektieren sollten, weil die vermeintliche Aufklärung vielleicht doch neue Mythen geschaffen hat, lässt mich nicht los. Denn unser Wohlstand und unsere Freiheit beruhen nicht nur auf Eigenleistungen, sondern gingen und gehen auf Kosten Dritter. Die hochgehaltenen Werte einer europäischen Gemeinschaft werden durch Flüchtlingsthematik und Wirtschaftskrise (die ist ja inzwischen schon fast in Vergessenheit geraten — oder bekommen Sie noch viel davon mit, ob Griechenland noch Kredite bekommt oder nicht?) entlarvt als Kirchturmdenken und Nationalismen. Adorno und Horkheimer haben 1944 die Aufklärung unter anderem in einer Kulturindustrie und neuen Versklavung des Menschen in wirtschaftlichen Netzen versanden gesehen. Aufklärung im Sinne Kants („Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“) wurde nie erreicht. Der Mensch fiel von einer Unmündigkeit in die andere.

Und an der aktuellen Situation könnte uns diese Tatsache bewusst werden: Wir haben keine aufgeklärte Welt, die von ihren Bewohnerinnen und Bewohnern autonom und vernunftgemäß bevölkert wird. Themen, die wir ob unserer aufgeklärten Gesellschaft bis vor kurzem nur vom Fernsehsessel aus betrachtet haben, als seien sie aus einer anderen Welt (aus der sogenannten „Dritten“ und „Zweiten“), sind plötzlich direkt vor unserer Haustüre. Und als ob es nach wie vor Themen wären, die uns nichts angingen, bauen wir Zäune, die nicht so benannt werden, und sind schockiert über Verbrechen, die wir lieber bei den „Wilden“ in einer der beiden anderen Welten ließen.

Aufklärung heißt, Licht in eine Sache bringen, wie es in der „Dialektik der Aufklärung“ in Anlehnung an Max Weber heißt: Es geht um die „Entzauberung der Welt“. Vielleicht ist das der Zeitpunkt, die Entzauberung wahrzunehmen. Der Terror von Paris trägt sicher etwas dazu bei. Für uns kann das zumindest bedeuten: Den Mythos eines aufgeklärten und humanistischen Europas zu hinterfragen und angesichts der globalen Situation globale Lösungen zu entwickeln.