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punktierte Linie

Messner, Mozart
und der Herbst

Von Gerd Forcher | Warum Probleme uns helfen, als Mensch zu existieren

„Das Menschsein ist heute auf verschiedene Weise bedroht. Viele Zeitgenossen ahnen diese Bedrohung, ohne die philosophische Tradition zu kennen, die ihnen helfen könnte, dieser Bedrohung Widerstand zu leisten.“ Diese Zeilen stammen nicht aus einem Kommentar unserer Tage. Dieses Statement hat die Philosophin Jeanne Hersch bereits Anfang der 1980er Jahre in ihrem Buch „Das philosophische Staunen“ niedergeschrieben. Den Bedrohungen Widerstand leisten, heißt für Hersch: die „unerschöpflichen Probleme unseres Menschseins klarer zu sehen, sie zu verstehen, zu ertragen und zu lieben“ – und das auf dem Hintergrund unserer Vernunft und Freiheit. „Denn ohne diese Probleme, die wir oft vergessen oder leugnen möchten, wären wir keine Menschen.“
Die Gedanken der Schweizer Philosophin stelle ich heute an den Anfang der denk.pause. Denn in Tagen, die für manche schon ein wenig apokalyptisch wirken mit den Flüchtlingsströmen direkt vor und in unserer Haustüre, der beängstigenden politischen Rechten und mit den weltweiten Konflikten, die unlösbar scheinen, wird das eigene Gemüt vielleicht noch gedrückter, weil zusätzlich die Tage kürzer und die Dunkelheiten länger werden. Die Herbstzeit zeigt manchen nicht nur die Buntheit der Blätter, sondern auch die Kürze des Lichtes und die Länge der Nacht, die für manche auch eine innere Nacht bedeutet. In diese Mischung von gesellschaftlich-politischer Apokalypse und individueller Herbstdepression passen für mich die Worte von Jeanne Hersch, die zu jeder Zeit gestimmt haben mögen und es auch heute noch tun: Was wären wir Menschen letztlich ohne unsere Probleme? Sie sind es, die uns erst die Möglichkeit geben, unser verantwortliches und freies Wesen zu entfalten.

Klingt das in Ihren Ohren (oder besser: reflektiert das nun in Ihren Augen) ein wenig paradox oder sogar zynisch? Nun, Hersch war als Schülerin Karl Jaspers Existenzphilosophin und lebte und philosophierte aus dieser Haltung heraus. „Existenz“ ist hier wohl zu verstehen, wie es Sören Kierkegaard, der „Dandy von Kopenhagen“, im 19. Jahrhundert verstanden hat. Sie ist das „Sich Heraus-Stellen“ („ex-sistere“), das Hervortreten der verantwortlichen Freiheit eines Subjekts, namentlich des Menschen. Woraus tritt diese Freiheit hervor: aus dem zeitlichen Fluss (die alten Griechen hätten hier vielleicht das Wort „chronos“ verwendet als die dahinfließende Zeit). Wenn wir die Dinge und Geschehnisse rund um uns „von außen“ nur beobachten, wenn wir alles einfach geschehen lassen, dann sind wir in diesem diffusen Zeitfluss. Wir schauen uns die

Lebenswert

Nachrichten im Fernsehen an und denken uns, wie schrecklich die Lage an unseren Grenzen mit den Flüchtlingen ist, wir blättern in der Zeitung und nehmen den Rechtsruck in Europa mit seinen ersten Gewalteskapaden hin, wir lassen den Herbst über uns ergehen – ganz im Sinne von Ursache und Wirkung, vielleicht sogar mit ein wenig Fatalismus: Was kann man da schon machen?

„Existieren“ heißt aber für ExistenzphilosophInnen, selbst aus diesem Ursache-Wirkung-Kreislauf herauszutreten durch eigene Handlungen, die auf willentlichen Entscheidungen beruhen. Später wird es bei Sartre das Engagement, zu dem der Mensch die Möglichkeiten hat, ja die Freiheit, zu der wir Menschen geradezu verurteilt sind! Reinhold Messner schreibt einmal in einem (philosophischen!) Artikel mit der Überschrift „Nur im Tun kann man das Leben gewinnen“: „Wer ständig nur nach Wegen fragt, lernt nie, Wege zu versuchen.“ Und wenn ich immer schon nur ausgetretene Wege versuche: Wann weiß ich, ob es mein eigener Weg ist? Wir können also die trübseligen Berichte der Medien hinnehmen, menschenverachtende Kräfte walten lassen und uns dem zeitlichen Fließen – auch jahreszeitlich – ergeben.

Oder wir können „existieren“ und unsere menschliche Freiheit bemühen, um der Schicksalsergebenheit unser Handeln entgegenzuhalten. Wir müssen dabei nicht die Welt retten, aber vielleicht können wir uns selbst zumindest ein wenig wie Münchhausen aus dem Sumpf der Dumpfheit heraus ziehen, in jedem Fall unseren eigenen Weg suchen. Eine kurze Anekdote zu Mozart, die mir sehr zu denken gegeben hat, kann das möglicherweise noch unterstreichen: Ein junger Musiker kommt zu Wolfgang Amadeus Mozart und fragt ihn: „Maestro, Sie sind mein großes Vorbild. Was kann ich tun, um so großartig, wie Sie zu werden?“ Mozart antwortete zur Überraschung des jungen Mannes: „Ja, da hilft nur eines: Üben, üben, üben!“ Der verdutzte Musiker meinte: „Ja, aber Herr Mozart! Sie haben doch meines Wissen selbst auch kaum geübt!“ Mozart darauf: „Das stimmt, aber ich habe auch nicht wie Sie andere nach ihrer Meinung gefragt, um weiter zu kommen.“

Der Herbst und das momentane Weltgefühl können drückend und erdrückend sein. Wenn wir unserer Existenz folgen, entdecken wir vielleicht einen Weg raus, denn – wie es Jeanne Hersch gemeint hat – diese Probleme machen uns erst zum Menschen und ermöglichen uns zu existieren.