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Die Banalität
des Bösen

Von Gerd Forcher | Wie Hannah Arendt in US-amerikanische Fernsehserien wie „Criminal Minds“ kommt.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, was ein Philosoph so am Abend macht? Nun, so weit ich mich als Philosoph bezeichnen darf, kann ich Ihnen aus meiner Warte nur sagen: das was viele andere Menschen auch so machen – unter anderem Fernsehen. Und da kommen mir die gruseligsten Dinge unter, von Nachrichtensendungen bis hin zu schauerlichen Kriminalgeschichten. Wobei: „gruselig“ ist eher verharmlosend. Sowohl in den Nachrichten als auch in den Krimis stellt sich da manchmal die Frage nach dem „Bösen“. Gerade eine Krimiserie – und ich gebe zu, dass ich sie gerne sehe – lässt mich in meinem philosophischen Fragen mit Schauern zurück. Vielleicht haben Sie sie selbst schon einmal gesehen: „Criminal Minds“, übersetzt so viel wie „Kriminelle Gedanken“. Dort klärt ein Team des FBI, das auf Täterverhalten und -profile spezialisiert ist, vorwiegend Fälle von Serientätern auf. Sie erstellen das Profil und suchen die Täter, die großteils selbst traumatisiert oder psychisch krank sind. Die Details der Grausamkeiten, die da vorkommen, möchte ich nicht aufzählen, zumal sich die Serie an tatsächlich passierten Fällen orientiert.

Und da komme ich schon zu meiner philosophischen Ohnmacht. So grausam die Taten sind und so unmenschlich Menschen behandelt werden: Wo macht sich das Böse bemerkbar? Ja, gibt es das überhaupt, und wenn ja: Könnte ich auch fähig zu solchen Taten sein? Möglicherweise braucht es tatsächlich schon eine eigentümliche Ader, um solche Serien anzuschauen. Das hinterfragt noch mehr, was an solchen Verbrechen das „tremendum et fascinosum“ ist, das Erschreckende und Faszinierende zugleich. Das Böse wurde immer schon in dieser Spannung erfahren. Die Fantasie wurde immer schon durch dieses Wort angeregt. Man denke nur an die Darstellungen der Wasserspeier an den gotischen Kathedralen oder die kreativen Darstellungen des Bösen in Form von Dämonen, Teufeln und Frauen (!). Hieronymus Bosch war im 15. Jahrhundert als Maler des Bösen und des Schrecklichen so etwas wie heute Stephen King oder Alfred Hitchcock sind. Kunst, Religion und Wissenschaft waren immer schon gleichermaßen hinter dem Phänomen des Bösen her.

Freilich, könnten Sie nun sagen, ist ja nett, was einem Philosophen bei einem Krimi einfällt und ihn beschäftigt, doch welche Relevanz hat das außerhalb einer virtuellen Welt? Was in einem Krimi noch zur (vielleicht etwas zweifelhaften) Unterhaltung dient, wird als Phänomen schon erschreckender, wenn reale Geschehnisse das „Böse“ ins Spiel bringen. Der Holocaust ist eines dieser Geschehnisse, das ins kollektive Menschheitsgedächtnis eingebrannt worden ist. Und wenn man von unvorstellbar sadistischen Methoden der KZ-Wärter liest – Männer, die gleichzeitig ein „normales“ Familienleben mit Frau und Kindern führten – oder sich alles Unmenschliche gegen Menschen vor Augen hält, die dem Regime nicht ins Konzept passten, dann bekommt das Böse plötzlich ein Gesicht. Und das

Lebenswert

Gesicht ist noch erschreckender als das Böse selbst. Hannah Arendts Aussage von der „Banalität des Bösen“ macht es deutlich. Sie war als Korrespondentin im Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem und erlebte diesen ehemaligen SS-Obersturmbannführer, der für die Ermordung von sechs Millionen Juden mitverantwortlich gewesen war, als lächerlichen Bürokraten, der – salopp formuliert – „Dienst nach Vorschrift“ gemacht hat. Darin sah Arendt die „Banalität des Bösen“. Die Formulierung trug ihr viel Kritik und Diskreditierung ein, allerdings ging es ihr nicht darum, die Gräuel zu verharmlosen, sondern vielmehr darum, hinter das obengenannte Mysterium tremendum et fascinosum zu blicken und das Böse als das zu sehen, wie es tatsächlich erscheint: oberflächlich, alltäglich, jederzeit möglich, ohne Mystik und verherrlichender Tiefe!

Aber gerade das ist dann auch das Erschreckende. So wie die Dämonisierung eines Adolf Hitler gleichzeitig bedeutet: „Das hat es nur einmal gegeben“, so würde seine „Banalisierung“ heißen: „Hitler ist immer und jederzeit möglich – vielleicht wohnt er schon nebenan!“ Ja, noch mehr: In wie weit kann ich mir selbst sicher sein, dass nicht etwas von diesem Bösen in mir selbst schlummert?

Hier kommen wir an ethische und anthropologische Grenzen: Während die mittelalterliche christliche Philosophie das Böse als Mangel am Guten gesehen hat (und damit davon ausging, wie es in der biblischen Erzählung heißt, „dass Gott alles gut geschaffen hat“), sah Immanuel Kant im 18. Jahrhundert das „radikale Böse“ im Menschen. Und das im wortwörtlichen Sinn von „radikal“: von der Wurzel her. Was ist der Mensch? Schlummert immer schon das Böse in uns? Kant und Vertreter von Vertragstheorien müssen das annehmen (denn nur ein „Gesellschaftsvertrag“ zwischen den Menschen garantiert, dass sie sich nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen). Oder ist der Mensch von Grund auf gut und wird – aus welchen Gründen immer – böse? Und wie steht es dann mit der Entscheidungsfreiheit und dem freien Willen? Welche Handlungen können überhaupt als eigene und welche als fremdgesteuert gesehen werden?

Sie sehen: Das „Böse“ wirft ganz schön viele Fragen auf. Aus philosophischer Sicht kann ich nur sagen, dass es keine eigene Person ist und damit mystifiziert werden kann. Aber ob Verbrecher à la „Criminal Minds“ oder Eichmann wie Soziopathen zu moralischem und sozialem Handeln einfach unfähig sind (und damit für ihr Handeln nicht verantwortlich) oder ob sie bewusste freie Handlungen setzen, das bleibt eine ethisch offene Frage. Und wenn ich den Fernseher andrehe, dann denke ich mitunter auch bei den Nachrichtensendungen darüber nach, ob Kriegsgräuel, Fremdenhatz oder Kriminalisierung von Minderheiten ebenfalls Ausdruck der „Banalität des Bösen“ sind (und damit jederzeit an unsere Wohnungstüre klopfen) oder ob es das Böse doch nur in Filmen gibt.