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Na, Sie haben vielleicht Probleme!

Von Gerd Forcher | Sind Probleme dazu da, gelöst zu werden? Schon. Aber nicht nur!

Haben Sie zurzeit Probleme? Welcher Art, ist dabei für das erste nicht wichtig. Hauptsache Sie haben eines. Nun kann es sein, dass Sie sich über mein Ansinnen ärgern oder darüber entrüstet sind: „Macht der Kerl sich nun in seiner denk.pause über mich lustig? Da und dort habe ich dieses und jenes Problem. Nun wird das lächerlich gemacht!“

Nein, ich bitte Sie, mich nicht misszuverstehen! Ich will mich über keine Probleme lustig machen und ich will kein Problem klein reden. Probleme sind ernst zu nehmen. Probleme sind für uns zumeist Hindernisse, Übel und nicht wünschenswert. Probleme möchten wir beseitigen, lösen, eliminieren. Und da ist es egal, um welches Problem es sich handelt: Sei es der Schlüssel, der im Schloss klemmt, oder sei es die Beziehungskrise mit dem Partner oder der Partnerin.

Der Umgang mit Problemen ist allerdings eine andere Sache. Verzweifle ich am Problem oder liegt darin eine Herausforderung? Jemand hat einmal gesagt: „Je größer das Problem, umso reicher der Mensch, der es hat!“ Und auch hier wollte niemand etwas ins Lächerliche ziehen. Versuchen Sie sich einfach eine Antwort auf folgende Frage zu geben: Was aktiviert einen Menschen? Sowohl geistig als auch körperlich? Sie sagen nun vielleicht: „Na, die Ziele, die sich jemand setzt. Oder vielleicht auch die Visionen, die jemand entwickelt.“ Ich halte es da mehr mit dem Autor des obigen Satzes: Es sind die Probleme, die uns aktivieren. Nehmen Sie sich selbst als Beispiel: Braucht es in Ihrem Leben nicht immer zunächst ein (vermeintliches) Problem, damit Sie angeregt werden, etwas zu unternehmen? Ich habe kein Mehl mehr zu Hause. Ein Problem? Ich muss eines besorgen. Ich fühle mich in meiner Arbeit nicht mehr wohl. Ein Problem? Zeit, meine beruflichen Perspektiven zu überdenken. Der Tod eines lieben Menschen macht mir zu schaffen. Ein Problem? Ich werde mich meiner Trauer stellen und den Gefühlen, die daraus erwachsen. Und überlegen Sie sich, wie viel Rätselhefte tagtäglich gedruckt werden, damit Menschen sich künstlich Probleme schaffen können, die sie dann – im wahrsten Sinne des Wortes – lösen können.

Der philosophische Gedanke bei diesem Problemthema (das eigentlich aus dem Coachingbereich kommt), ist, dass Philosophieren — ähnlich wie Rätsellösen — ein gutes Übungsfeld ist, um mit Problemen umzugehen,

Lebenswert

als Aktivierungsmöglichkeit und nicht als unüberwindlicher Berg. Denn Philosophie beginnt grundsätzlich problematisch: Am Anfang steht eine Frage, die noch keine Antwort hat. Das war bei den ersten Naturphilosophen so, wenn sie danach gefragt haben, was denn eigentlich die Welt zusammenhält. Und das ist heute so, wenn Philosophinnen und Philosophen sich das Gehirn darüber zermartern, ob selbiges unser ganzes Personsein ausmacht oder ob es da noch was anderes gibt (Stichwort „Philosophie des Geistes“). Wenn Sie also philosophieren, gehen sie Probleme an und – es wird noch besser – erleben etwas, das im Coaching wieder „Ohnmachtskompetenz“ genannt wird. Denn redlich philosophiert, wird die Frage nicht kleiner, sondern es tun sich immer mehr, immer neue und immer tiefer gehende Fragen auf. Sie erwarten sich Antworten auf ihre Fragen – und plötzlich schleicht sich so etwas wie Ohnmacht und Resignation ein: Es gibt keine fixen Antworten auf meine Fragen! Aber was ist denn dann das Richtige?

Ähnlich kann es Ihnen bei Ihren Problemen ergehen: Es gibt nicht immer eine oder die Lösung. Auch dort stellt sich Ohnmacht ein. Die Lösung (wenn man es so nennen will) ist philosophisch: Ohnmacht aushalten und aus anderen Perspektiven heraus fragen – im Wissen, dass es vielleicht nie eine endgültige Antwort geben wird. Wie oft hatten Philosophen schon gemeint: Meine Philosophie ist die Lösung der großen Probleme und es braucht nach mir niemand mehr Philosophie zu betreiben. Die diese Meinungen hatten, sind alle tot. Philosophiert wird immer noch. Was sich ändert, ist der Umgang mit Fragen und Problemen. Die heutigen Gedanken werden Ihre Probleme nicht lösen. Sollen sie auch nicht. Aber vielleicht gelingt es Ihnen, Probleme als das zu sehen, was Sie in Ihrem Leben eigentlich voranbringt. Voranbringt und aktiviert, weil Sie dadurch herausgefordert sind, weil Sie irgendwann nicht mehr darum herum können und weil Sie etwas anderes möchten (ja, genau: Probleme zeigen uns dadurch, dass sie das sind, was wir nicht möchten, dass wir zumindest was anderes möchten! Lassen Sie sich den Satz nochmals auf der Zunge zergehen.). Einüben können Sie diese Sichtweise durch philosophisches Fragen – und an den Antworten daran zu scheitern, wie Generationen von Philosophinnen und Philosophen vor Ihnen. Das fördert die Ohnmachtskompetenz – und die brauchen wir allemal!