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Wu Wei oder
Nicht-Tun ist nicht nichts zu tun

Von Gerd Forcher | Ein Blick auf die zweieinhalb tausend Jahre alte Weltsicht der Taoisten.

Darf ich Sie diesmal aus der abendländischen Philosophie in eine ganz andere philosophische Welt entführen? Ungefähr zu jener Zeit nämlich, als bei den Griechen das begonnen hat, was wir Philosophie nennen, entstand in China das Dao De Jing oder auch Tao Te King. Übersetzt heißt das so viel wie: „Das Buch vom Sinn und vom Leben“. Übersetzungen sind dabei genauso problematisch wie die Entstehungsgeschichte: Ob es nun den „Alten Meister“ (Übersetzung von „Laotse“) gegeben hat, oder ob das Tao Te King eine Sammlung von Texten verschiedener Lehrer ist, weiß niemand.

Ein Thema, das sich durch das Buch zieht, ist das sogenannte „Wu Wei“. Auch hier ist das Übersetzen wieder schwierig, es könnte aber „Nicht-Tun“ bedeuten. Das Nicht-Tun ist nicht mit Faulenzen oder mit Schicksalsergebenheit („Da kann man eh nichts tun.“) zu verwechseln. So weit ich es verstanden habe, geht es vielmehr darum, nicht gegen den natürlichen Lauf, also gegen das Dao oder Tao zu handeln. „Dao“ habe ich oben mit „Sinn“ wiedergegeben. Von den Schilderungen hat es aber mehr vom griechischen „Logos“, was sowohl „Weltvernunft“ oder „Vernunft“, als auch „Wort“, „Sinn“, „Weltgesetz“ heißen kann – also wieder viele Bedeutungen. Vielleicht kann es so gedeutet werden: Das Nicht-Tun bedeutet, dass nicht gegen die Natur gehandelt wird, sondern, dass unser Handeln im Einklang mit der Natur und natürlichen Gesetzmäßigkeiten erfolgen soll.

Zhuangzi, ein Vertreter des Taoismus, hat es konkret ausgedrückt: „Wenn du auf dem Wasser reisen willst, ist ein Boot dafür geeignet, weil ein Boot sich auf dem Wasser in geeigneter Weise bewegt. Wenn du aber an Land gehst, kommst du damit nicht weiter und wirst nur Ärger haben und nichts erreichen als dir selbst Schaden zuzufügen.“ Es geht um angemessenes Handeln. Sobald wir nicht mehr angemessen handeln, werden wir Probleme bekommen. Beispiele dazu gibt es in allen Lebensbereichen: Wenn ich Flüsse zu stark reguliere, werden sie eines Tages neue Wege suchen, um auszubrechen, und Überflutungen verursachen. Wenn ich mich ständig unangemessen ernähre, werde ich das an meinem Gesundheitszustand merken. Wenn ich ständig alles kontrollieren und planen möchte, werde ich eines Tages feststellen: Es gibt Dinge, die ich nicht planen kann.

Doch wir kommen damit nicht nur zum alten Thema der Gelassenheit. Über die Hälfte der 81 Kapitel des Tao Te King beziehen sich ausdrücklich auf politische Themen wie Volk,

Lebenswert

Regieren und Militär. Das zeigt wieder, dass „Nicht-Tun“ nichts mit „nichts tun“ zu tun hat, denn bevor die griechische Philosophie sich mit Ethik befasst hat, haben die Chinesen bereits die Philosophie politisch betrieben – und vielleicht sollten sich in aktuellen Fragen so manche Regierungschefs und Politdemagogen auch einmal mit dem „Buch vom Sinn und vom Leben“ befassen. In der momentanen Situation Europas komme ich nicht umhin, wieder das Thema der Flüchtlinge als Beispiel anzusprechen: Der Ruf nach Regulierung der „Flüchtlingsströme“ und das Pochen auf das Dublin-Abkommen, das Errichten von Grenzzäunen (zuletzt auch erwartungsgemäß von Österreichs Paraderechtsdemagogen gefordert) und „Kontrolle“ sind vielleicht diese Geschäftigkeiten und Aktionismen, die das Tao Te King vor über 2500 Jahren als unangemessen beschrieb.

Der deutsche Vizekanzler hingegen ließ verlauten: „Wenn die Menschen nichts mehr zu essen und zu trinken haben — was bleibt ihnen dann anderes übrig, als zu flüchten? Kein Zaun der Welt kann sie dabei aufhalten.“ Eine dem Tao angemessene Handlung? Was wäre das wohl in der momentanen Situation?

Das Tao Te King geht sogar so weit zu sagen, dass ein stark regulierender Staat oder eine Gesellschaft mit weitreichenden Moralvorstellungen eigentlich degeneriert und bereits verfallen ist. Denn wer erst Regeln von außen braucht, weiß nicht mehr, wie es ist, naturgemäß zu leben. Aus dieser Sicht verwundert es nicht, dass derzeit spontane Hilfsaktionen und privates Organisieren aus der Bevölkerung heraus eine adäquatere Antwort auf die Flüchtlingsfrage darstellt als jedes Strampeln des überregulierten EU-Apparates oder der Bürokratien einzelner Staaten: „Um aber die Welt zu gewinnen, muss man frei sein von Geschäftigkeit. Woher weiß ich, dass es also mit der Welt steht? Je mehr es Dinge auf der Welt gibt, die man nicht tun darf, desto mehr verarmt das Volk. Je mehr die Menschen Mittel des Wohlstands haben, desto mehr kommt Reich und Haus in Verwirrung. … Darum spricht ein Berufener: Ich handle nicht, und das Volk wandelt sich von selbst. Ich liebe die Stille, und das Volk wird von selbst recht.“

Das Tao Te King beinhaltet eine uns eher fremde Philosophie – und ist freilich nur eine von vielen möglichen Weltsichten. Aber vielleicht täte uns heute Wu Wei, Nicht-Tun, politisch und im Alltag gar nicht so schlecht: weniger Regeln, ein schärferer Blick für das, was gerade passiert und sich mehr als Teil eines Ganzen – des Tao? – verstehen. Das schafft vielleicht tatsächlich mehr Frieden und Zufriedenheit und mindert die Angst, dass etwas nicht so läuft, wie es sollte: Wu Wei.