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punktierte Linie

Philosophische Unterbrechung

Von Gerd Forcher | Der eine oder andere Weg zu mehr Gelassenheit.

Waren Sie dieses Jahr schon auf Urlaub? Oder haben Sie noch einiges vor? Wir waren unlängst in Italien campen. Mit den Kindern war es nochmals eine Verlängerung der hitzigen Tage, die wir bereits in Tirol hatten. Das Smartphone hatte ich dabei – allerdings nur als Fotoapparat-Ersatz und um Musik zu hören. Telefonate annehmen, SMS schreiben etc. waren ein Tabu. Schließlich war ich auf Urlaub. Umso befremdlicher war für mich der Anblick der Gäste am Campinglatz oder am Strand, die in Badehose und mit Sonnenbrille ihr Handy am Ohr hatten und – wie oft schon üblich – unüberhörbar beim Telefonieren waren. Den Gesprächen zufolge aber nicht, um mit jemandem Urlaubserfahrungen auszutauschen oder um eine Pizza zu bestellen, sondern um ihren Geschäften nachzugehen und um berufliche Themen zu bearbeiten!

Upps, denken Sie sich vielleicht nun, das ist mir nicht unbekannt. Wo liegt das Problem? Oder vielleicht sind Sie jemand, der genau das Gegenteil macht: Kopfschütteln und denken: Wie kann man nur?

Für mich war es jedenfalls ein ungewohntes Bild – wobei ich zugebe, dass ich bei anderen Urlauben auch in die „Macher-Falle“ getappt bin und dachte, ich müsse im Urlaub meine E-Mails abrufen oder sogar berufliche Vorbereitungen mit in die freie Zeit nehmen. Der Anteil derer, die über die offizielle Arbeitszeit hinaus Arbeitsaufträge ausführen oder in ihrer Freizeit beruflich erreichbar sind, wird immer höher. Das sogenannte Hamsterrad, in dem sich viele von uns befinden, dreht sich immer schneller. Immer mehr Menschen brennen aus und erkranken psychisch.

Kann es sein, dass – wie es ein Philosophenkollege ausgedrückt hat – die „Unterbrechung des Alltags“ mehr und mehr fehlt? Der Urlaub wäre ja als geplante Unterbrechung des alltäglichen Geschäftes gedacht: einmal aus den üblichen Bahnen ausbrechen. Etwas anderes erleben, etwas anderem Raum geben. Aber es ist nicht nur der Urlaub, der uns eine erholsame Unterbrechung liefert. Andere Unterbrechungen im täglichen Ablauf könnten genauso willkommen sein.

Das sind dann allerdings oftmals Unterbrechungen, die wir gar nicht schätzen,

Lebenswert

weil wir sie auch nicht geplant haben: ein unangekündigter Besuch, eine Baustelle auf dem Weg zu einem Termin, ein Bus, der nicht kommt… Denken Sie selbst einmal nach, wann Sie in Ihrem Alltag unterbrochen worden sind – und wie Sie darauf reagiert haben. Ich gebe zu: ich bin ein Mensch, der schlecht damit umgehen kann, wenn Geplantes nicht so stattfindet, wie es vorgesehen ist, oder wenn es oben genannte Unterbrechungen gibt. Der Gedanke des philosophischen Kollegen hat mich aber zum Nachdenken angeregt: Sind nicht gerade Unterbrechungen notwendig, damit wir aus dem Hamsterrad ausbrechen dürfen? Der römische Dichter Ovid hat es so formuliert: „Was keine Pause kennt, ist nicht dauerhaft.“

So unangenehm es sein kann, wenn plötzlich jemand auftaucht, der sich nicht als Besuch angekündigt hat, und so fad es auch ist, wenn der Bus nicht kommt: Ich kann mich darüber aufregen oder es als Gelegenheit für eine Pause sehen, die mir guttut. Denn vielleicht ist der Besuch oder die Wartezeit an der Bushaltestelle die Möglichkeit, andere Perspektiven einzunehmen und das eigene Leben ein wenig gelassener zu sehen.
Unterbrechungen sind dazu da, inne zu halten. Das mag manchmal angenehm, manchmal sogar sehr unangenehm sein. In jedem Fall können sie uns – wenn wir es denn nützen – Anregungen zu unserem Leben, unseren Werte und unserer Sicht der Dinge geben. Möglicherweise erkennen wir eine Unterbrechung auch als Möglichkeit des Verweilens, wie es Byung Chul Han ausdrückt. Verweilen ist noch mehr als Pausieren und Innehalten. Ich stelle es mir bildlich vor: Ich bin gerade mit einer Hausarbeit beschäftigt, da läutet es an der Tür. Ein Freund ist unterwegs und will kurz vorbeischauen. Mein erster Impuls ist verhalten, weil ich doch die Arbeit fertig machen möchte. In der Betrachtung einer philosophischen Unterbrechung ist der Überraschungsgast aber vielleicht der, der mich auf die nötige Verschnaufpause aufmerksam macht. Mir wird bewusst, wie wichtig gute Beziehungen sind und wie positiv es eigentlich ist, wenn mich jemand spontan besuchen will aus Freude an unserer Freundschaft. Die Hausarbeit ist dadurch zwar nicht gemacht – aber relativiert. Und ich bewege mich möglicherweise auch ein wenig mehr in Richtung Gelassenheit, die doch eine stoische Tugend darstellt – und das Leben ungemein erleichtern könnte.