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Wann bin ich
eigentlich ich?

Von Gerd Forcher | Das Asylthema und wie es mir zu meiner Identität verhilft.

Am vergangenen Samstag saß ich mit einigen Kolleginnen und Kollegen in München zusammen, um über das Thema der Flüchtlingssituation und den Beitrag philosophischer Praxis dazu zu sprechen. Sie können sich sicher vorstellen, dass wir mit unserem Gespräch alle Probleme gelöst und die Welt gerettet haben. Nun ja, werden Sie sagen, ein Schuss Selbstironie ist sicher gut, aber was wollen Philosophinnen und Philosophen denn tatsächlich in einer so prekären Angelegenheit tun, außer „g’scheit reden“?

Ich gebe zu, die Welt ist weiterhin wie sie ist – und es wäre kein philosophisches Gespräch, wenn danach nicht noch viele, wenn nicht noch mehr Fragen offen wären als voher. Ein Kollege meinte sogar, dass es nicht Aufgabe der philosophischen Praxis sei, Statements zu diesem oder jenem Thema zu verfassen. Also haben wir auch keine neue Erklärung der Menschenrechte verabschiedet.

Für mich war der Austausch dennoch hilfreich, weil er mir Aspekte der Flüchtlingsfrage tiefer erschlossen hat, die über das Thema selbst hinausgehen. Einer dieser Gesichtspunkte war, dass wohl ein Grund der Angst und Ablehnung von Flüchtlingen die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität sein kann. Alles Fremde macht zunächst Angst oder verstört zumindest, weil ungewiss ist, was auf mich zukommt und ob in der Begegnung mit dem Fremden Veränderungen anstehen. Das Fremde und Veränderung stellt meine persönliche Identität in Frage.

Als Philosoph überlege ich freilich: Was ist denn meine Identität? Und was könnte ich denn überhaupt davon verlieren? Der französische Philosoph Paul Ricoeur hat auf die erste Frage eine Differenzierung als Antwort: Einerseits gibt es die „idem“-Identität, die einfach besagt, dass ich mit mir in Raum und Zeit identisch bin. Ich bin nicht jetzt am Laptop in Innsbruck auf meinem Balkon und gleichzeitig in Paris auf dem Eiffelturm, sondern ich bin hier und jetzt mit mir identisch. Und ich bin auch durch die Zeit mit mir identisch. Morgen werde ich also nicht als Julius Cäsar aufwachen, sondern ich kann darauf vertrauen, dass ich auch morgen noch Gerd Forcher sein werde. Andererseits – und das ist hier wohl die gefragtere Identität – gibt es die „ipse“-Identität. Sie besagt: Ich weiß um mich selbst als ein Vorhaben und Projekt im Kontext der Welt. Nochmals langsam: Meine personale Identität, die Ricoeur als „ipse“-Identität bezeichnet, besteht darin, dass ich mich in meiner Welt immer selbst neu entwerfe, mich immer neu als Gerd Forcher erweise, indem ich so und so handle und meine Spuren in der Welt hinterlasse. Wenn ich in der philosophischen Runde einen Gesprächsbeitrag leiste, leiste ich ihn als Gerd. Wenn ich zuhause

Lebenswert

meine Frau umarme, tue ich das als Gerd. Wenn ich meinen Alltag gestalte, dann gestalte ich ihn als Gerd. Ich identifiziere mich dadurch, wie ich mich selbst sehe.

Dumm ist es nun allerdings, wenn ich mich durch Dinge aus meiner Umgebung identifiziere: Ich bin Gerd, weil ich katholisch bin. Ich bin Gerd, weil ich Tiroler bin. Ich bin Gerd, weil ich gerne Schweinefleisch esse. Warum ist es dann mit der Identität dumm gelaufen? Weil ich in der Begegnung mit Nicht-Katholiken oder Nicht-Tirolern unsicher werde, denn sie stellen durch ihr „Anders-sein-als-ich“ mich in Frage – oder besser: Sie stellen in Frage, woraus ich mich identifiziere. Wenn Menschen es ablehnen, Schweinefleisch zu essen, dann stellt es meine Identität als Schweinefleischesser in Frage. Und genau das ist es, um zur zweiten oben gestellten Frage zu kommen, was ich verlieren könnte!

Überprüfen Sie sich doch nun einmal selbst, wodurch Sie sich definieren bzw. worin Sie Ihre Identität sehen. Sind es Dinge von außen (Herkunft, Nationalität, kulturelle Gewohnheiten, etc.), die für Sie identitätsstiftend sind, oder sind es Momente, die Sie verinnerlicht haben, sodass sie Ihnen gar nicht genommen werden können? Der marxistische Psychotherapeut und Philosoph Erich Fromm hat hier (im Sinne des Mystikers Meister Eckhart) zwischen Haben und Sein unterschieden: Muss ich erst etwas haben, um eine Identität zu gewinnen, oder ist es mein pures Sein, das mich Ich sein lässt?

Philosophische Praxis hat vermutlich auch die Aufgabe, den Menschen in seiner personalen Identität zu stärken, damit die Angst vor Identitätsverlust zumindest geringer wird. Und damit vielleicht auch die Irritation vor Fremdem und vor Veränderung. Ein Kollege bei jenem Gespräch in München gab den Impuls zu einer guten Alltagsübung: Warum nicht Unterbrechungen im Alltag als Herausforderungen und Chancen sehen? Und wenn es nur ein überraschender Besuch ist, der sich kurzfristig ankündigt. Oder wenn ich zehn Minuten länger auf den Bus warten muss.

Unterbrechungen können mich stören und verstören, aber auch Anlass dafür sein, um der eigenen Identität einen Akzent zu geben. Diese kleine Alltagsübung macht vielleicht irgendwann auch größere Veränderungen zu einer „willkommenen Abwechslung“. Das Flüchtlingsthema ist damit noch nicht erledigt. Natürlich nicht. Aber der eigene Zugang ist möglicherweise nochmals bedenkenswert auf dem Hintergrund der Frage: Was macht meine Identität aus? Und was macht eigentlich deine Identität aus?