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punktierte Linie

Wenn Schelling und Bodenseer Philosophen wären

Von Gerd Forcher | Der Finanzminister, der Tiroler Wirtschaftskammerpräsident und ein philosophisches Plädoyer für Menschlichkeit.

„Die von vornehmen Vätern abstammen, achten und verehren wir, die dagegen nicht aus vornehmem Hause sind, achten und verehren wir nicht. Hierbei verhalten wir uns zueinander wie Barbaren, denn von Natur sind wir alle in allen Beziehungen gleich geschaffen, Barbaren wie Hellenen.“
Spätestens die letzten drei Worte verraten, dass das Zitat nicht neueren Datums, sondern bereits gut 2400 Jahre alt ist. Es stammt vom Philosophen Antiphon, der seines Zeichens zu den sogenannten Sophisten gehörte. Nun, die Sophisten haben bei uns bis heute nicht den besten Ruf, sind sie doch durch Platon als oberflächliche, gewinnorientierte Pseudophilosophen hingestellt worden, denen nur die Rhetorik und ein krasser Relativismus wichtig gewesen seien. Vielleicht gab es solche Typen unter den Sophisten, die spätere Geschichtsforschung zeichnet aber dann doch ein etwas anderes Bild – und süffisanter Weise wurde ausgerechnet Platons hochverehrter Lehrmeister Sokrates selbst in der Athener Gesellschaft als Sophist gesehen.

Im Englischen scheint mit „Sophist“ bis heute das positive Moment zu überwiegen. Spricht die Engländerin von „sophisticated“, meint sie „anspruchsvoll“, „ausgeklügelt“, „elegant“, „kultiviert“. Und dies passt wohl besser zum Geschichtsbild über die Sophisten. Mit der aufkommenden Athener Demokratie waren sie sich bewusst, dass zu argumentieren ein größeres Gewicht haben und dass es eine Meinungsvielfalt geben wird, die den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zum „Maß aller Dinge“ macht. Damit ist auch wieder keine Abwertung gemeint, sondern die Tatsache, dass bei politischen, gesellschaftlichen und ethischen Fragen immer der Mensch im Blick bleiben muss. Die Sophisten sind es übrigens auch, die aus der Philosophie, die bis dahin reine Naturphilosophie gewesen war, eine Wissenschaft machten, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Seit damals sind Ethik, politische und Sozialphilosophie aus den philosophischen Überlegungen nicht mehr wegzudenken.

Die Sophisten sind damit die ersten Politberater und Coaches. Sie haben sogar Kurse in Dialektik, Grammatik, Rhetorik, Ethik und Politik angeboten. Sie sagten von sich selbst: „Die Sophisten sind Zwischenstücke zwischen dem Philosophen und dem Politiker.“ Und damit komme ich nochmals

Lebenswert

zum eingangs erwähnten Zitat: „… denn von Natur sind wir alle in allen Beziehungen gleich geschaffen, …“

So radikal die Wende in der Philosophie durch die Sophisten von der Naturbetrachtung hin zum Menschen und seiner gesellschaftlichen Stellung gewesen ist, so radikal ist auch ihr Menschenbild: Von Natur aus sind wir alle gleich geschaffen! Erst Kultur und Gesetze, Normen und Regeln „tyrannisieren“ uns und gaukeln uns vor, ungleich zu sein. Die Sophisten nahmen vorweg, was Jahrtausende später 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte neu festgeschrieben worden ist als die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt: „Die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen.“

Wenn ich mir die Tragödien der Flüchtlingsströme vor Europas Türen (oder besser: Mauern) vor Augen halte (eigentlich genügt schon der Blick auf den beschämenden Umgang mit Flüchtlingen in Österreich selbst), wenn ich mir die sarkastischen Aussagen unseres Finanzministers und des Tiroler Wirtschaftskammerpräsidenten zum Thema Arbeitslosigkeit und „Zumutbarkeit“ auf der Zunge zergehen lasse, wenn ich mir bewusst halte, dass es in Österreich möglich ist, dass eine ausländerfeindliche und rassistische Partei von politischen Gegnern als koalitionsfähig anerkannt ist – ja, wenn ich mir das und noch mehr in dieser Art bewusst mache, dann wundert es mich nicht, dass das Zitat von Antiphon 2400 Jahre gebraucht hat, bis es dem Sinn nach in die Menschenrechtserklärung gekommen ist. Denn die Menschenrechtserklärung selbst scheint dem alten Spruch „Papier ist geduldig“ zum Opfer gefallen zu sein.

„Aller Dinge Maß ist der Mensch, …“ – dieser oft zitierte (und wohl oft auch missverstandene) Satz der Sophistik könnte zumindest im eigenen Lebensumfeld seine Umsetzung finden. Wir alle sind zuerst Menschen, bevor wir Flüchtende oder Ansässige sind, bevor wir Wirtschaftstreibende oder Arbeitssuchende sind, bevor wir NordafrikanerInnen oder EuropäerInnen sind, ja bevor wir Frau oder Mann sind. Vielleicht können Sie und ich diese Erkenntnis im eigenen Leben umsetzen, damit Papier nicht weiterhin Geduld zeigen muss und Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden langsam ein Gesicht bekommen.