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punktierte Linie

Unsere Sinne
am Stammtisch

Von Gerd Forcher | Warum wir nicht wie Fledermäuse fühlen und manchmal besser schweigen sollten.

Die Medien sind dieser Tage wieder voll von belastenden Nachrichten: terroristische Anschläge, „Grexit“, innenpolitisches Hickhack um „Asylquoten“. Noch belastender sind für mich dabei oft die vielen Menschen rund um mich herum, die zu all den Nachrichten die genauen Hintergründe kennen und die genau wissen, was eigentlich zu tun wäre (dummerweise fragt sie aber niemand). Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht, wenn Diskussionen darüber entstehen, was denn eigentlich die Griechen (oder die EU oder Deutschland) falsch gemacht haben, oder in einer Runde plötzlich Lösungsstrategien angedacht werden, wie man den Islamisten Einhalt gebieten könnte. Ich würde ja gerne manchmal mitreden – aber recht schnell kommt mir meine eigene philosophische Skepsis dazwischen.

Warum?, fragen Sie jetzt vielleicht. Es ist die schlichte und einfache Erkenntnis, dass ich mein Wissen über die Diskussionsthemen lediglich aus den Medien habe. Das heißt für mich, dass die Informationen, die ich von dort bekomme, Teilaspekte und bereits gefilterte Informationen vermischt mit Meinungen und Wertungen sind. Sie können das möglicherweise bestätigen, wenn Sie mehrere Zeitungen zum selben Thema konsultieren und – sofern nicht alle dieselbe Presseagentur als Informationsquelle haben – die verschiedenen Sichtweisen erkennen: Die einen finden gut, was die Griechen machen, die anderen zeigen Verständnis für die Geldgeber, und dann gibt es vielleicht die, die alles noch komplexer und umfassender sehen.

Nun ja, worüber sollte ich dann da eigentlich diskutieren? Ich habe eigentlich nur wahrgenommen, was mir Medien vermitteln (deshalb heißt es übrigens „Medium“ – das was in der Mitte zwischen dem Ereignis und mir liegt). Damit habe ich aber ein erkenntnistheoretisches Problem. Philosophisch gesprochen: Welche Wirklichkeit nehme ich wahr? Letztlich eine vermittelte Wirklichkeit. Das gilt freilich nicht nur für mediale Wahrheiten, sondern für alles, was ich erkenne (oder auch nicht erkenne). Genau betrachtet finde ich als erstes „Medium“ meine fünf Sinne, die für mich die Welt „da draußen“ erfahrbar machen: Durch Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten wird mir die Welt „be-greif-bar“. Ohne jegliche Sinneswahrnehmung könnte ich von der Welt gar nichts wissen oder erfahren. Dass dann diese Eindrücke irgendwie „Sinn“ ergeben (beachten Sie: Sinne und Sinn – ja, da gibt es Zusammenhänge!), hängt mit der Verarbeitung in unserem Gehirn zusammen. Das Gehirn hilft uns sozusagen, „Weltenmodelle“ zu konstruieren, die uns Orientierung in unserem Leben ermöglichen.

Lebenswert

So weit, so gut. Jetzt kommt aber ein Punkt, der eigentlich in der sogenannten Philosophie des Geistes seinen Platz hat und dort belegen soll, dass wir nicht nur unser Gehirn sind, sondern dass es doch etwas über das physikalisch Fassbare hinaus gibt. Und zwar geht es darum, dass wir nicht nur um unsere Empfindungen wissen, sondern diese auch erleben! Aber wie dieses Erleben vor sich geht, ist unbekannt. Und: Ich kann erleben, wie ich zum Beispiel einen roten Apfel wahrnehme. Aber ich kann nicht sagen, ob Ihr Erlebnis vom roten Apfel annähernd das ist, was ich erlebe. Wir könnten uns jetzt irgendwo treffen und ich zeige auf eine grüne Wiese in der Nähe. Weiß ich, ob Ihr Empfinden von Grün dasselbe ist wie meines? Nein – und es wird mir immer verborgen bleiben. Auch wenn ich im Computertomographen genau das Hirnareal sehe, das bei Ihnen aktiviert wird. Auch wenn ich mit Ihnen übereinkomme, dass das, worauf ich zeige, grün ist. Auch wenn Sie mir Ihre Empfindungen genau beschreiben: Ich kann schlichtweg nicht Ihre Empfindungen erleben. Die Philosophie nennt diese Sinneserlebnisse „Qualia“. Und sie umfassen unsere Sinneserlebnisse, Gefühle und innere körperliche Vorgänge wie Schmerzen.

Der Philosoph Thomas Nagel hat dazu einen Artikel geschrieben, in dem er die Frage stellt, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Als Mensch kann ich Fledermäuse erforschen, Wissen darüber sammeln, wie sie sich durch Echolotung in der Dunkelheit fortbewegen und durch Vergleiche mich dem Verhalten der Fledermäuse annähern. Doch nie werde ich wissen, wie eine Fledermaus empfindet – bei aller Empathie wird das nicht möglich sein.

Wenn ich nun schon keine letzte Gewissheit über das Empfinden einer Fledermaus habe, wie, bitte schön, kann ich letzte Gewissheit über die Vorgänge zwischen EU und Griechenland erlangen? Natürlich ist es ein Unterschied, ob ich etwas nach-empfinde (im wahrsten Sinne des Wortes) oder ob ich genügend Kenntnisse zu einem Thema gewinne. Doch wer von uns hat zu den meisten Stammtischthemen so grundlegende Informationen, dass eine Debatte darüber tatsächlich einen Sinn ergibt? (Da haben wir übrigens wieder das Wort „Sinn“.)

Lateinunterricht gab es den Satz zu übersetzen: „Si tacuisses, philosophus mansisses.“ „Hättest du geschwiegen, wärest du Philosoph geblieben.“ Freilich, nicht alle wollen Philosophinnen und Philosophen sein. Aber vielleicht täte es uns allen gut, manchmal eher zu schweigen als auf Basis von Halbwissen Debatten zu führen.