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punktierte Linie

Bilderberg
und ich

Von Gerd Forcher | Über die Verselbständigung von Verwaltung und Wirtschaft. Und was wir dagegen tun können.

Darf ich fragen, was Sie am vergangenen Wochenende gemacht haben? Aha. Das heißt, Sie haben auch keine Einladung zum Bilderberg-Treffen bei Telfs bekommen. Wenn es Sie beruhigt: Mich hat auch niemand eingeladen. Viel Wirbel gab es um dieses Treffen, bei dem kaum jemand durchblickt, welche Gespräche dort geführt werden und welche Folgen daraus für uns alle erwachsen. Und vorher G7-Gipfel: Hätte eine Skypeverbindung nicht denselben Effekt gehabt und wäre dazu noch ein paar Euro billiger gewesen?

Aber kommen wir zu innenpolitisch pikanteren Themen: Eine SPÖ, die im Burgenland mit einem Tabu bricht, nämlich mit der scheinbar politisch ganz anders denkenden FPÖ koaliert. Und eine SPÖ, die sich in der Steiermark als Nummer eins in die zweite Reihe stellt. Alle fragen sich, warum. Alle wissen, dass es sich auf dem Machtsessel halt besser anfühlt als in der bedeutungslosen Opposition – da können schon einmal Prinzipien umgedeutet werden. Ja, und dann noch eine Innenministerin, die in einem Anfall von Überforderung Zelte für Flüchtlinge aufstellen und Verfahrenstopps bei Asylverfahren verhängen lässt.

Was hat das nun mit Philosophie zu tun? Keine Sorge, Sie sind nicht in eine Rubrik für politische Kommentare gerutscht. Aber die Ereignisse der letzten paar Wochen in unserem und rund um unser kleines Land Österreich umfassen für mich dennoch gemeinsame philosophische Fragestellungen, die Sie und mich betreffen. Jürgen Habermas, einer der renommiertesten Philosophen der Gegenwart, hat bereits vor Jahrzehnten von der „Kolonialisierung der Lebenswelten“ gesprochen. Was meint er damit und was hat das mit Bilderberg und Co. zu tun?

Jürgen Habermas spricht von „Lebenswelten“ und nimmt damit einen Begriff Edmund Husserls auf. Es geht – einfach gesagt – um unsere unmittelbaren Lebensbezüge, in denen wir wirken und in denen wir leben: Unsere Biografie, unsere Nachbarn, unsere Arbeitssituation, unsere Familie. Eigentlich geht es um unsere Alltagsprobleme und Träume und wie wir davon reden und wie wir darin handeln. Zunehmend dürften wir uns darin als immer autonomer, selbstständiger gesehen haben, als es vielleicht vor 100 oder 200 Jahren möglich gewesen wäre.

Doch da kommt das System ins Spiel. Habermas greift auch hier einen Begriff auf, den vor ihm bereits Niklas Luhmann, einer der bekanntesten Systemtheoretiker, verwendet hat. Mit System ist eigentlich alles gemeint, das irgendwie zu jemandem oder etwas anderem in Beziehung stehen kann. Für Habermas haben sich Wirtschaft und Verwaltung bei uns am meisten verselbstständigt und wirken nun als System auf unsere Lebenswelten ein. Wirtschaft in Form von Geld und Verwaltung in Form von Macht „kolonialisieren“ unsere Lebenswelten. Das merken wir zum Beispiel, wenn wir für jede Dienstleistung und für ein Glas Wasser beim Wirt zahlen müssen.

Lebenswert

Oder wenn wir in der Gastronomie auf der Speisekarte die Kürzel für Allergene vorfinden, dann ist das ein Zeichen dafür, wie Verwaltung in unserer Lebenswelt wirkt.

Ja, und bei den oben genannten politischen Highlights der letzten Tage und Wochen können wir ähnliches feststellen: Geld und Macht als Symbole für Wirtschaft und Verwaltung schränken unsere persönlichen Lebenswelten – wenn auch nur kurzfristig – ein, wenn wir einen Ausflug an den Möserer See machen wollen und dabei von einer Polizeikontrolle inspiziert werden. Und wenn Geld in mehrfacher Millionenhöhe für die Sicherheit von Staatschefs und für VIPs aus Politik und Wirtschaft (sprich: Verwaltung und Wirtschaft!) aus öffentlichen Mitteln bereitsteht, aber Hilfe suchende Menschen ohne Geldmittel aus anderen Staaten in Zelten untergebracht werden und ihnen Grundrechte verweigert werden, dann kolonialisieren die Systeme Geld und Macht nicht nur unsere Lebenswelten, sondern auch jene von den Menschen, die sich bereits auf der Flucht befinden. Schließlich wurden ihre Lebenswelten bereits in Syrien oder sonst wo in der Welt durch Geld und Macht zerstört.

Und wenn nun eine Partei gerne in diesem System der Macht weiter machen will, dann wundert es doch nicht, dass sie ihre Grundsätze über Bord wirft. Denn zumindest das wissen PolitikerInnen: Mit Verwaltung und Wirtschaft lassen sich derzeit unsere Lebenswelten sehr gut steuern. Habermas mutmaßt in „Die neue Unübersichtlichkeit“: „Heute dringen die über die Medien Geld und Macht vermittelten Imperative von Wirtschaft und Verwaltung in Bereiche ein, die irgendwie kaputt gehen, wenn man sie vom verständigungsorientierten Handeln abkoppelt und auf solche mediengesteuerten Interaktionen umstellt.“

Darin liegt auch schon der Ansatz des deutschen Philosophen, was es braucht, um Bürokratie (also Verwaltung) und Konsum und Leistungsdenken (also Wirtschaft) wieder auf jene Plätze zu verweisen, wo sie hingehören: kommunikatives Handeln. Was es dazu alles braucht, ist vielleicht einmal Inhalt einer anderen denk.pause. Kurz gesagt geht es darum, dass wir in unseren Lebenswelten im Gespräch bleiben, miteinander reden und versuchen, einander zu verstehen. Das nimmt der Bürokratie und dem reinen Konsumismus den Wind aus den Segeln. Ansätze dazu gibt es ja, wenn ich mir private Initiativen zur Flüchtlingsunterbringung ansehe über Bürgerinitiativen bis hin zum Urban Gardening. Ja, Menschen tun intuitiv, was Habermas in philosophische Worte kleidet: Die eigenen Lebenswelten wieder mehr pflegen und Geld und Macht nicht die Bedeutung geben, die sie haben möchten. Vielmehr geht es um kommunikatives Handeln: Netzwerke schaffen, miteinander in Dialog treten, über Verwaltung und Wirtschaft hinaus autonom handeln. Vielleicht werden ja dann eines Tages die Lebenswelten auf das System einwirken. Und vielleicht sind Sie und ich dabei.