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Verändern
Veränderungen?

Von Gerd Forcher | Über Möglichkeiten und deren (Nicht-)Verwirklichung.

Geht es Ihnen auch manchmal so? Wieder ein neuer Nachbar, wieder jemand neuer im Team. Der Blick in den Spiegel verrät auch, dass da noch eine Falte neu dazugekommen ist. Da wird was Neues gebaut, dort wird was anderes abgerissen. Und die alten Fotos machen bewusst, wie sich die Beziehung zur Partnerin bzw. zum Partner in den Jahren verändert hat. Tod, Trennungen, Abschiede, Neubeginn tun ihr übriges. Vielleicht auch noch einmal Umzug in einen anderen Ort, Neugestaltung der Wohnung oder zumindest ein neues Badezimmer. Fallen Ihnen Veränderungen im Leben leicht?

Nicht selten erlebe ich es bei anderen und auch bei mir, dass Veränderungen schwer fallen. Dabei sind es gar nicht unbedingt die äußeren Veränderungen. Vielmehr ist es die innere Sichtweise, deren Veränderung mir oftmals schwerfällt. Vieles an Veränderung kommt von außen auf mich zu, das passiert einfach. Aber dass ich damit Schritt halte und auch mein inneres Denken dazu verändere – das ist manchmal recht mühsam.

Dabei haben Philosophinnen und Philosophen von jeher gefragt, wie es überhaupt zu Veränderungen kommen kann, ja es gab sogar solche, die behaupteten, dass Veränderung gar nicht stattfindet! Da gab es im 6., 5. vorchristlichen Jahrhundert den Philosophen Heraklit von Ephesos, der die ganze Welt in ständiger Veränderung sah. Das würde wohl auch unserem heutigem Empfinden entsprechen: Alles ist im Fluss, kein Stein bleibt auf dem anderen. Heraklit hat auch das Bonmot geprägt: „Man kann nie zweimal in denselben Fluss steigen.“ Immer, wenn ich wieder in den Fluss steige, sind das bereits wieder andere Wasserteile, die vorher noch nicht an dieser Stelle waren. Und auch ich bin in der Zeit schon verändert. Wenn die Wissenschaft Recht hat, dann sind innerhalb von sieben Jahren alle unsere Körperzellen einmal durch neue ersetzt worden. Ein achtjähriges Kind besitzt keine der Körperzellen mehr, die es bei der Geburt hatte.

Es gab da aber – wie könnte es anders sein — eben auch Philosophen, die genau vom Gegenteil ausgingen: Alles nur Schein! Es gibt keine Veränderung. Das geht rein denkerisch nicht. Die Vertreter dieses für uns absurd anmutenden Denkens waren Philosophen aus einer griechischen Kolonie in Süditalien, aus Elea: die sogenannten Eleaten. Einer davon, Zenon von Elea, brachte sogar „handfeste Beweise“: Als Gedankenexperiment beschreibt er ein Wettrennen

Lebenswert

zwischen Achilles und einer Schildkröte. Die Schildkröte bekommt einen kleinen Vorsprung. Dadurch kann der eigentlich schnellere Achilles die Schildkröte jedoch nie einholen, geschweige denn überholen. Der Grund: Wenn Achilles an einen Ort gelangt, an dem die Schildkröte schon gewesen ist, dann hat die Schildkröte den Ort ja schon wieder verlassen. Er kann sie also nie erreichen! Was für uns doch eher absonderlich klingt (oder sind Sie seiner Meinung?), ist unter dem Namen „Zenonsches Paradoxon“ bekannt. Und so absurd die Argumente anmuten, sie haben dennoch unsere Denkgeschichte über Jahrtausende geprägt: Zuerst wurde gedacht, und an dem, was dabei herauskam, wurde die Wirklichkeit gemessen. Man könnte sagen: Pech für die Wirklichkeit! Erst der britische Empirismus und die Einführung von Experimenten als wissenschaftliche Methoden im 17. Jh. haben der sinnlichen Erfahrung ein Recht eingeräumt.

Übrigens hat Aristoteles später versucht, die Gegensätze des Heraklit und des Zenon in einer neuen Theorie aufzulösen. Er meinte, es gebe weder nur Veränderung noch nur statisches Sein. Veränderung entsteht dadurch, dass Möglichkeiten, die Dinge oder Lebewesen haben, verwirklicht werden. In der Natur liegen z.B. in einem Samen viele Möglichkeiten, die im Wachsen einer Pflanze aktualisiert werden. Ich als Mensch habe viele Möglichkeiten im Leben. Aber vieles bleibt Möglichkeit, weil nur manches in die Wirklichkeit umgesetzt wird. Die Begriffe, die Aristoteles verwendet, sind uns heute in anderen Zusammenhängen geläufig: „Dynamis“ für Möglichkeit und „Energeia“ für die Verwirklichung. Im Lateinischen sind das dann „Potenz“ und „Akt“.

Ja, warum also fallen uns Veränderungen manchmal (oder sogar oft) schwer? Vielleicht ticken wir selbst auch noch ein wenig wie Zenon und sagen: Pech für die Wirklichkeit!, wenn uns die Erfahrung bereits Veränderungen drastisch vor Augen führt und wir sie innerlich noch nicht wahrhaben (oder wahr-nehmen) wollen. Vielleicht hilft uns der Gedanke des Aristoteles aus dieser Falle heraus. Alles ist auf Veränderung angelegt. Wenn wir die Möglichkeiten, die es gibt, erkennen, können wir vielleicht auch mitentscheiden, welche davon verwirklicht werden. Alles wird nicht in unserer Macht liegen, aber einiges sicher. Vor allem, ob wir uns innerlich darauf einstellen können oder nicht. Leonardo da Vinci meinte dazu: „Wer nicht kann, was er will, soll wollen, was er kann.“ Na, wenn das nicht Lust auf Veränderung macht!