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Wir sind Toleranz! Sind wir tolerant?

Von Gerd Forcher | Lifeball, Eurovision Song Contest (ESC): Dieser Tage zeigt sich Österreich (oder vielleicht doch nur Wien?) von seiner Schokoladenseite: Wir haben Conchita. Wir bauen Brücken. Wir leben Toleranz. Wir sind Toleranz. Ach, Österreich ist doch noch die Insel der Seligen!

Ob das auch die Flüchtlinge so empfinden, die jetzt in Zeltstädten ein neues Zuhause finden, weil etliche tolerante Österreicherinnen und Österreicher sie nicht in ihrer Nähe haben wollen? Und wenn so manche Stammtischparolen geschmettert werden: „Unterm Hitler hätt’s des nit geb’n“? Ach ja, ich vergaß: Wir haben letzthin auch 70 Jahre Befreiung (?) vom Naziregime und 60 Jahre Staatsvertrag gefeiert. Also noch mehr Grund, unsere Toleranz zu feiern. Heute ist ja alles ganz anders. Natürlich: Die Asylwerber und Ausländer überfluten uns. Und den bösen Islam müssen wir auch noch in den Griff kriegen. Wenn wir unsere „Leitkultur“ verteidigen und wenn sich die anderen integrieren (wir leben ja schon hier), dann sind wir ja eh tolerant.

Verzeihen Sie meinen Sarkasmus, doch momentan erlebe ich in unserem Land eine Spannung zwischen Schönwetter-Reden und grausamer Angst vor dem anderen. Natürlich unterstelle ich einem Gery Keszler und einer Conchita Wurst nicht, dass sie eine Fassade vor sich hertragen. Ganz im Gegenteil: Ich bin sehr glücklich darüber, dass es solch engagierte Menschen gibt, die für Toleranz und Akzeptanz kämpfen. Meine Wahrnehmung ist aber die, dass Lifeball und Mottos wie „Building Bridges“ suggerieren, wie tolerant wir allesamt sind, während eben Flüchtlinge als unerwünschte Eindringlinge abgefertigt werden und immer noch genug Ewiggestrige und neuerdings auch immer mehr Radikalisierte verschiedenster Couleur herumlaufen.

Im 18. Jahrhundert hat der Philosoph und Schriftsteller Francois-Marie Arouet eine Schrift „Über die Toleranz“ verfasst. Es gab dazu einen grausamen Anlassfall in Toulouse. Zunächst schien es, dass ein protestantischer Vater seinen Sohn ermordet hätte, weil er Katholik geworden sei. Es stellte sich heraus, dass der Sohn Suizid begangen und der katholische Pöbel in seiner Intoleranz und seinem Fanatismus einen Sündenbock in Gestalt des Vaters gefunden hatte. Johann Calas, der Vater, wurde gefoltert und hingerichtet. Arouet beschreibt diese Affäre der Intoleranz, die in diesem Fall in der fanatischen Auslegung der Religion gründet.

Interessanterweise zieht Arouet als Beleg für gelungene Toleranz den Großsultan von Konstantinopel (also Istanbul) heran, der 20 Völker verschiedener Religionen in Frieden führt. Nicht nur das: Indien, Persien (also der heutige Iran) und Zentralasien erwähnt er ebenso wie die chinesische Regierung und den russischen Zaren als Beispiele gelebter Toleranz, um zu schließen: „So beweist uns unsre ganze Hälfte der Erdkugel, dass man Intoleranz so wenig verkündigen als ausüben muß.“
Übrigens war zu Arouets Zeiten Intoleranz tatsächlich eine öffentlich gutgeheißene Haltung und beinahe ein Wert, während Toleranz ein Unwert war. Die Schrift des Geistlichen Houtteville aus dem 18. Jahrhundert beschreibt z.B. Toleranz als Quelle von Gottlosigkeit und Atheismus.

Lebenswert

Für Arouet ist der Weg aus der Intoleranz die Vernunft, die den „Menschen langsam aber untrüglich aufklärt“. „Diese Vernunft ist sanft, menschenfreundlich, flößt Nachsicht ein, erstickt die Zwietracht, stärkt die Tugend und erzeugt eine Liebe zum Gehorsam gegen die Gesetze, die noch stärker ist als die Gewalt, die diese Gesetze unterstützt.“

Arouet geht dabei von einer simplen Tatsache aus, die wir schon als Kind lernen: „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu.“ Diese einfache Erkenntnis findet sich in allen Kulturen und zu allen Zeiten und wird deshalb in der Philosophie „Goldene Regel“ genannt. Freilich wurden auch darüber schon ganze Bibliotheken geschrieben und wie die Umsetzung dieses Satzes praktisch erfolgen kann, ist nochmals eigens bedenkenswert. Arouet sieht darin jedenfalls den Grund für die Ausübung von Toleranz. Und sagen Sie selbst: Wären Sie heute Flüchtling, was würden Sie sich erwarten, wenn Sie in ein anderes Land, das als sicher gilt, kämen? Oder wenn Sie sich in einem anderen Land eine neue Existenz aufbauen wollten: Würden Sie von einem Tag auf den nächsten all Ihre Überzeugungen und Eigenheiten über Bord werfen? Die „Goldene Regel“ ist so etwas wie eine Aufforderung zu Empathie und Einfühlen in die Situation anderer.

„Das Recht der Intoleranz ist also ebenso unvernünftig als barbarisch. Es ist das Recht der Tiger; ja noch schrecklicher als dies. Die Tiger zerreißen nur, um ihren Hunger zu stillen; wir vertilgen einander um Paragraphen.“ So das Resümee Arouets, und „Ich gehe weiter; ich sage, man muß alle Menschen wie seine Brüder ansehen. – Wie, der Türke mein Bruder?“ Arouet begründet hier weiter, dass wir alle von Gott geschaffen sind und dass wir nicht mehr als ein winziger Punkt im Universum sind, weshalb die Unterschiede nie so bedeutend wie die Gemeinsamkeiten sein könnten. Wohlgemerkt: Arouet ist ein Kind der beginnenden Aufklärung, 18. Jahrhundert. Doch seine Gedanken aus der Schrift „Über die Toleranz“ finden Einzug in die „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ von 1789. Es gebe noch viel zu Arouet zu sagen, der auch ein satirisches Stück über den Propheten Mohammed geschrieben hat – allerdings als Spiegel seiner französischen Gesellschaft. Er wurde übrigens nicht unter seinem bürgerlichen Namen Francois-Marie Arouet bekannt, sondern unter dem Namen Voltaire.

Und was mir seine Ausführungen noch zeigen: Toleranz („Dulden“) ist schon schwer zu erreichen und keine Selbstverständlichkeit. Ein weiterführendes Ziel wäre aber wohl, vom reinen Dulden zur Akzeptanz zu gelangen: Ich dulde dich nicht nur neben mir, sondern ich akzeptiere auch dein Anderssein. Lifeball, ESC und Gedenken an die Befreiung Österreichs: Ja, wichtig und ein guter Weg. Aber darüber sollten wir nicht vergessen, dass Voltaires Gedanken über Toleranz auch heute noch nicht an Aktualität verloren haben und immer noch nicht eingelöst sind.