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Naturphilosophie statt Moraltheologie

Von Gerd Forcher | Von Lissabon nach Nepal: Wem wir verdanken, dass wir Erdbeben nicht mehr als Strafe Gottes betrachten.

„Es ließ sich furchtbares Geprassel hören, als ob alle Gebäude in der Stadt zusammenstürzten. Auch mein Haus wurde so erschüttert, dass die oberen Stockwerke auf der Stelle einstürzten, und die Zimmer, in denen ich wohnte, schwankten so, dass alles Gerät über den Haufen fiel. Jeden Augenblick erwartete ich, erschlagen zu werden, denn die Mauern barsten und aus den Fugen stürzten große Steine heraus, während die Dachbalken überall fast schon in der freien Luft schwebten.“

Die geschilderte Szene ist kein Augenzeugenbericht des schweren Erdbeben von Nepal, das uns dieser Tage betroffen und uns unsere Ohnmacht angesichts von Naturkatastrophen deutlich macht. Nein, Sie haben die Zeilen aus einem Bericht gelesen, den ein englischer Augenzeuge über das schwere Erdbeben von Lissabon vom 1. November 1755 verfasst hat. Dieses Erdbeben mit einer Stärke von etwa 8,5 bis 9 nach Richter, gefolgt von einem verheerenden Tsunami, forderte damals zwischen 30.000 und 100.000 Todesopfer und gilt als eine der schrecklichsten Naturkatastrophen in der europäischen Geschichte – bis heute.

Wie ich darauf komme? Mich beschäftigt das Drama, das sich derzeit im nepalesischen Erdbebengebiet abspielt. Angesichts der Katastrophe frage ich mich, ob da eine philosophische Abhandlung nicht doch wieder wie ein Zwischenruf aus dem elfenbeinernen Turm wirkt. Und auf der Suche nach einer Antwort bin ich auf die Tragödie von 1755 gestoßen. Warum gerade Lissabon? Weil ich hier die Nähe von Naturkatastrophe und Philosophie historisch belegbar entdeckt habe!

Zum einen machte das Beben einen immensen Eindruck auf die DenkerInnen der Aufklärung und trieb diese sogar voran. Sie müssen sich die damalige Weltsicht vorstellen, geprägt vom katholischen Bild eines Gottes, der direkt in die Welt eingreift und die Guten belohnt und die Bösen bestraft. Da trifft ausgerechnet die Hauptstadt eines streng katholischen Landes eine solche Katastrophe! Und ein Land, das zudem in der Verbreitung des Christentums auf der gesamten Erde eine Vorreiterstellung hat! Und der Zeitpunkt: Warum lässt der allmächtige Gott dieses Übel ausgerechnet am Fest Allerheiligen zu? Und noch unverständlicher: Zahlreiche Kirchen fallen dem Beben zum Opfer, aber das sündige Rotlichtviertel Alfama bleibt verschont! Das heißt: Brave Kirchgänger zu Allerheiligen kamen zu Tode, während Freier und Huren überlebten! Voltaire, Kant und Lessing diskutierten diese Fragen selbstverständlich. Die Frage der sogenannten „Theodizee“ hing im Raum: Wie kann angesichts

Lebenswert

solcher Übel in der Welt von einem allmächtigen Gott gesprochen werden?

Die Aufklärung bekam durch dieses Ereignis großen Aufwind. Und weltanschaulich gab es tatsächlich dadurch einen Paradigmenwechsel: Ein Erdbeben wurde nicht mehr von allen als ein Gottesurteil gesehen – zu paradox und zu pervers waren die Schlussfolgerungen eines solchen theologischen Weltbildes! Nein, Philosophen wie Kant fragten nach natürlichen Ursachen dafür, wie ein solches Beben überhaupt entstehen könnte. Immanuel Kant schrieb sogar drei Abhandlungen und begründete so die moderne Seismologie: Erdbeben entstehen nicht durch Gottes Hand, sondern durch Naturvorgänge. Kant vermutete richtig ohne jedes Experiment und ohne Studien, dass das Beben seinen Ursprung im Meer hatte – nach heutigem Wissen war das Epizentrum tatsächlich im Atlantik.
Das war eine Wende in der Denkgeschichte: Katastrophen wurden plötzlich nicht mehr moraltheologisch sondern naturphilosophisch gedeutet! Nicht Sünde und Zorn Gottes sind Kants Thema, sondern die menschliche Ohnmacht angesichts der mächtigen Naturgewalten. Kants Schlüsse daraus sind heute noch nachvollziehbar: Der Mensch braucht eine Haltung der Demut, denn die Natur zeigt dem Menschen seine Grenzen auf. Nicht alles ist menschlich machbar, nicht alles richtet sich nach dem Menschen. Und weiter: Aus der Betrachtung der Katastrophe lernt der Mensch, „dass dieser Tummelplatz seiner Begierenden billig nicht das Ziel aller seiner Absichten enthalten sollte“. Dieser Satz aus Kants „Geschichte und Naturbeschreibung“ heißt einfach, dass wir nicht nur in dieser Welt und nur auf diese Welt bauen sollen. Denn was uns hier begegnet, kann jederzeit im wahrsten Sinne des Wortes einstürzen. Die Welt zeigt uns Grenzen – und sie hat selbst ihre Grenzen.

Dass wir heute im 21. Jahrhundert nach dem schweren Erdbeben von Nepal nicht zuerst Gottes Zorn dahinter vermuten, haben wir der Philosophie der Aufklärung zu verdanken. Dass es als Naturereignis wahrgenommen wird, vor dem wir auch heute noch ohnmächtig stehen, ist eine Leistung des Philosophen Immanuel Kant. Und auch wenn es kein wirklicher Trost ist, so hat er uns dennoch vor Augen geführt, dass Naturkatastrophen immer unsere Grenzen aufzeigen. Das einzige was diese Grenzen der Natur überschreiten kann, ist die Solidarität, die zu den Hilfeleistungen führt, die derzeit anlaufen, um zu retten, was noch zu retten ist. Klar: Philosophie bringt keine Hilfslieferungen nach Nepal, aber Philosophie kann einen neuen Umgang mit Katastrophen bewirken. 1755 jedenfalls hat sie das getan.